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Vater-Tochter-Tour zum Lago Maggiore Erlebnispädagogik mit Moto Guzzi und Vespa

Vater-Tochter-Tour mit Guzzi und Vespa über den Gotthard an den Lago Maggiore. Eine intensive Erfahrung, geprägt von Launen der Natur: Wetterkapriolen im Gebirge, dazu typisches Hickhack im Spannungsfeld zwischen Pubertät und Autorität.

"Sei froh, dass du nichts mit so zickenden, pubertierenden Töchtern zu tun hast, deren Mutter auch noch eine strengere Gangart des Vaters untersagt.“ Das fängt ja gut an. Ich habe das Vergnügen, meinen Freund und Namenskollegen Klaus sowie dessen 16-jährige Tochter Jana vom Schwarzwald an den Lago Maggiore zu begleiten. Bonndorf-Cannobio, das sind laut Routenplaner 297 Kilometer, zu absolvieren in 3:54 Stunden. Allerdings nur, wenn Jana wie schon so oft zuvor als Sozia bei Papa auf der Guzzi mitfährt. Will die junge Dame, die in ein paar Wochen eine Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnt, aber nicht. Sondern diesmal mit ihrer knall-orangefarbenen 50er-Vespa-LX, väterliches Weihnachtsgeschenk mit inzwischen rund 3000 Kilometern auf der Uhr, höchstselbst an den Lago rollern. Und zwar über den St.-Gotthard-Pass. Grundsätzlich ist das Flüggewerden des Nachwuchses nur zu begrüßen, selbst wenn das die elterlichen Nerven strapaziert, oder? „Mit der Kleidungsfrage lässt sie sich auf nichts ein.

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Foto: Daams
Motorradtour zum Lago Maggiore - mit Vater und Tochter, Guzzi und Vespa, Wetter- und Pubertätskapriolen.
Motorradtour zum Lago Maggiore - mit Vater und Tochter, Guzzi und Vespa, Wetter- und Pubertätskapriolen.

"Wieso denn was fürs Regenwetter? Gefällt mir nicht, zieh ich nicht an." Die Mails, die mir Klaus vor Reisebeginn schickt, sprechen Bände. Seine Hoffnung bei alldem: fern vom Alltagsstress bei einer gemeinsamen Tour das nicht ganz störungsfreie Klima zwischen Vater und Tochter zu verbessern.

„Weißt du, wie schwer der Seesack ist? Die Jana beherrscht den Roller doch jetzt schon nicht. Und wenn’s regnet, sind die Schuhe nass.“ Worte einer ums Nesthäkchen besorgten Mutter. Carmen hat zusammen mit ihrer Tochter lange überlegt, was von dem Klamottenberg im Teenagerzimmer mitmuss. Und sie veranlasst nun, dass die Gepäckrolle nicht zünftig auf der Vespa verschnallt wird, sondern stattdessen die Höckerbank der V7 Café Classic verhunzt.

Knapp zehn Kilometer hinterm heimischen Gartenzaun beginnt am Grenzübergang Stühlingen die große weite Welt. Wo am Wochenende die Schweizer Heizer einfallen, um im Schwarzwald die Sau und 180 PS rauszulassen, nur müde lächelnd über vergleichsweise milde deutsche Speedtickets, kräht kein Hahn nach Janas längst abgelaufenem Kinderausweis. Auch dass ihr Spaßmobil locker 60 läuft, bleibt dank zivil säuselndem Viertaktmotörchen völlig unbemerkt. Sorgsam wie eine alte Glucke eskortiert der „Adler aus Mandello“ sein Kind. Um sich im dichten Straßennetz nicht zu verheddern, hat Klaus ein Navi an Bord und steuert über möglichst unbefahrene Nebenstrecken. Hier eine Wallfahrtskirche, dort ein Brückenheiliger, ab und an mal - geschwind, geschwind - ein zu überholender Trecker. Das Ballungszentrum Zürich-Kloten wird umfahren und dann nach 80 Kilometern - mehr als doppelt so viel wie Janas bisheriger Streckenrekord – Mittagspause gemacht unter den Platanen des Hotels „Schiff“ in Pfäffikon am Ufer des Zürichsees.

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Foto: Daams
Am Gotthard wird es kalt.
Am Gotthard wird es kalt.

Anschließend kann die nächste Etappe nicht schrecken: 950 Meter hoch ist der Etzelpass, 1406 Meter gar die Ibergeregg. Ein dickes Stück Natur zum Sattsehen, die Schweiz zeigt sich hier von ihrer Schokoladenseite. Schotterpassagen und welliger Asphalt bringen die kleinen Räder kein bisschen aus dem kreiselnden Gleichgewicht.

Später dann der Gotthard. Für Alpenhasen dürfte sie eine gute Bekannte sein, die historische Passstraße. Ehrensache, den 1980 eröffneten Straßentunnel zu meiden und stattdessen die betagte Kopfsteintrasse zu wählen. Wir haben ohnehin keine andere Wahl, denn der Tunnel ist Teil des Schweizer Autobahnnetzes und für 50er-Roller gesperrt. Was jetzt für viel frische Luft sorgt. Als auch noch Schneefelder dazukommen, die im Schatten der Bergflanken selbst Mitte Juni nicht weggetaut sind, ist es endlich soweit: Jana zieht Fleecejacke und dicke Handschuhe an, freiwillig. Waren es mittags an den Seen muckelige 30 Grad, so sind es oben am 2091 Meter hohen Gotthard-Pass nur noch deren 14. Wie bei einer Gipfelexpedition reicht ein Handyfoto zur Erinnerung. Anschließend erlebt die örtliche Murmeltierpopulation ihr orangefarbenes Wunder: Die Tachonadel pendelt um die 65, nur in den kopfsteingepflasterten Serpentinen der alten Tremolastraße geht unser kühnes Küken kurz vom Gas.

Foto: Daams
Der „Adler aus Maranello“ lotst sein Kind.
Der „Adler aus Maranello“ lotst sein Kind.

Das Geschlängel endet in Airolo, erster bzw. letzter Ort an der Südrampe des Gotthards. „Sollen wir weiterfahren oder Zimmer suchen? Du entscheidest.“ „Weiter!“ Ausführlicher die Kommunikation zwischen Vater und Tochter erst in Rodi-Fiesso, wo wir im Hotel „Baldi“ Quartier finden. Dass Jana beim Weckanruf am nächsten Morgen um 7.30 Uhr Glätteisen und Bürste vermisst, ist eine Folge von Mutters besorgter Umpackaktion vor der Abreise.

„Kennst du das? Die schwarzen Bitumenstreifen sind bei Nässe extrem rutschig“, erklärt der Routinier seiner toughen Schutzbefohlenen, während diese nach dem Frühstück in die Regenpelle steigt, sich dabei keineswegs als quengelndes Zuckerpüppchen erweisend. „Na und?“, steht dann auch wie zufällig auf dem gelben Überzieher, den Klaus vorsorglich mitgenommen hat. Und der schon bald wieder in der Gepäckrolle verschwinden kann, als an einer Tanke in Bellinzona nur noch der Sprit tröpfelt. 7,5 Liter für die 323 Kilometer seit zu Hause - da lacht das Sparschwein.

Von der Sonne ganz allgemein und dem Leben ganz besonders verwöhnt ist das Tessin. In den mondänen Orten Locarno und Ascona am Nordufer des Lago Maggiore gehören Maseratis zum guten Ton, und nach der italienischen Grenze geht das Dolce Vita erst richtig los. Von der Ape bis zur Cobra alles da, ab 15 Uhr auch wieder menschliches Gewusel auf der -Piazza - Ende der Siesta.

Wie eine Arche Noah liegt das „Hotel Milano“ in Belgirate direkt am See. Da macht es gar nichts, höchstens romantische Gefühle, wenn beim abendlichen Diner Blitze übers Wasser zucken. Und als sich zwischen den Wolkenfetzen schließlich noch der Vollmond die Ehre gibt, möchten wir gar nicht so schnell wieder weg. Weg soll nur der Muskelkater in den Armen von Jana, denn immerhin hat sie nun rund ein Tausendstel der Strecke bis zum fahlen Erdtrabanten gemeistert.

Auf der Rückfahrt sind Jana und Klaus mit ihren italienischen Klassikern wie Guzzi V7 und Vespa bei jedem Halt Mittelpunkt schwärmerischen Interesses. Da kann es schon mal passieren, dass beim Small Talk mit dem Ticketverkäufer die Fähre von Verbania nach Laveno glatt verpasst wird.

Foto: Daams
Packen im Schwarzwaldhaus.
Packen im Schwarzwaldhaus.

Das Schuhgeschäft in Luino wäre die letzte Möglichkeit vor der Grenze, stilvoll in Italien etwas Passendes für 16-jährige Füße zu erstehen, doch der Laden hat noch zu. Egal, denn Jana kann zu Hause im weltweit erreichbaren Schuhtempel Zalando wieder rund um die Uhr auf Shoppingtour gehen.

Auch wenn nicht unbedingt Frostbeulen drohen: Petrus prüft seine Lämmchen hart. Sie müssen den Gotthard in gespenstischem Grau und bei zehn Meter Sicht überqueren. Die Motoren quirlen wie Rührstäbe durch die zähe Suppe, dann voll konzentriert noch 140 Kilometer bis in den heimischen Stall. Bleibt die Frage, wie es war. Jana: „Schön und anstrengend. Würde auch noch mal wegfahren, dann aber lieber mit Freunden - und dahin, wo es wärmer ist.“ Klaus: „Unterm Strich hat es super geklappt, war eine tolle Erfahrung - hoffentlich für uns beide … Und nun sitzt sie schon wieder vorm Fatzebuk.“ Carmen: „Jetzt bin ich mächtig stolz auf Jana.“

Foto: Werel

Reise-Infos

Eine Motorradtour zusammen mit der Tochter oder dem Sohn - das ist wohl immer etwas Besonderes, vor allem, wenn der Nachwuchs nicht mehr auf dem Sozius sitzt, sondern seit kurzer Zeit am eigenen Gasgriff dreht. Ob es vom Schwarzwald über den Gotthard nach Italien an den Lago Maggiore geht oder Region und Route gänzlich anders sind, spielt bei solch einem „Generationenausflug“ dann eine eher sekundäre Rolle.

Anreise:
Die deutsch-schweizerische Grenze bei Stühlingen erreicht man am schnellsten über die A 81, Abfahrt Geisenheim, dann via Blumberg zum Abzweig an der B 314. Gerade im Schwarzwald ist aber die Auswahl alternativer, wenn auch selten gerader Strecken verlockend groß.

Unterkunft:
Wer es ganz eilig hat, schafft die 750 Kilometer dieser Tour auch ohne Übernachtung unterwegs. Aus gegebenem Anlass haben wir jedoch dreimal Quartier gemacht. Südlich des Gotthards liegt an der Kantonsstraße von Airolo nach Bellinzona, allerdings auch direkt an der Bahnlinie, das familiär geführte „Hotel Baldi“, CH-6772 Rodi-Fiesso, Telefon 00 41/91/8 67 17 82, www.hotelbaldi.ch, EZ 71,50 SFR, DZ 124,50 SFR. Die ideale Adresse für alle, die dem Lago Maggiore möglichst nahe sein wollen, ist das „Hotel Milano“, Via Mazzini 4, I-28832 Belgirate (VB), Telefon 00 39/3 22/7 65 25, www.hotelmilanolagomaggiore.it, EZ 60 EUR, DZ 90 EUR. Traditionelle Schweizer Gastlichkeit bietet das „Hotel Höfli“, Hellgasse 20, CH-6460 Altdorf, Telefon 00 41/41/8 75 02 75, www.hotel-hoefli.ch, EZ ab 90 SFR, DZ ab 130 SFR.

Literatur und Karten:
Reichlich Wissenswertes zum zweitgrößten See Italiens findet sich im Reiseführer „Lago Maggiore“ aus dem Michael Müller Verlag für 17,90 Euro. Derselbe Verlag ergänzt die Reisebibliothek bei Bedarf auch mit dem Titel „Südschwarzwald“ für 15,90 Euro. Und wer neugierig darauf ist, wo es die schönsten Motorradtouren im Land der Eidgenossen gibt, greife zum ADAC TourBook „Schweiz“ für 14,95 Euro. Um sich nicht nur aufs Navi verlassen zu müssen, sind folgende Straßenkarten, alle von Michelin im Maßstab 1:200 000 für 7,50 Euro, nützlich: Blatt 551 „Schweiz Nord“, Blatt 553 „Schweiz Süd-Ost“ und Blatt 351 „Piemont, Aostatal“.

Action Team-Tour:
Die Apennin-Reise schließt den Lago Maggiore und 100 Kurven ein. www.actionteam.de

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