Namib-Wüste Hinter Rostock beginnt die Wüste

Entlang der gesamten Küste von Namibia erstreckt sich die Namib: eine Wüste in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest, wo zwischen Lüderitz und Rostock Heino-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten kommen wie Enduristen.

Eiskalter Wind bläst in die offenen Helme. Die Augen blinzeln in die tiefstehende Wintersonne. Unter einem stahlblauen Himmel fahren wir durch die Namib-Wüste. Die tiefschwarze Teerstraße mit dem grellweißen Mittelstreifen verliert sich irgendwo am Wüstenhorizont, dahinter liegt der Südatlantik, liegt Lüderitz, unser erstes Reiseziel in Namibia. Vor zwei Tagen sind Katja und ich mit unserer BMW R 1100 GS bei noch sommerlichen Temperaturen am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika gestartet, jetzt läuft die Griffheizung auf Hochtouren: Die Eiseskälte kommt mit dem Bengualastrom aus dem größten Kühlschrank der Erde, der Antarktis.In Lüderitz begann im August 1883 die deutsche Kolonoialgeschichte. Der Chef des Touristenbüros präsentiert uns am Abend ein altes Ölgemälde, auf dem der Bremer Kaufmanns Lüderitz zu sehen ist, der als ersten Deutscher in dieser öden Wüstenbucht dem hier lebenden Volk der Nama Land abkaufte. Bereits ein Jahr später übernahm die deutsche Reichsregierung weite Teile des heutigen Namibias als Deutsch-Südwestafrika. Obwohl die Kolonialherren nur bis Ende des ersten Weltkriegs das Sagen hatten, haben sie das Land vielerorts bis heute geprägt. Unzählige deutsche Ortsnamen fallen schon beim ersten Blick auf die Karte auf.Am nächsten Morgen durchbricht die Sonne nur ganz kurz den dichten Küstennebel. Von Lüderitz gibt es keine Verbindung in Richtung Norden, wo riesige Sanddünen locken. Also wieder auf die Teerstraße und zurück nach Osten. Nur wenige Kilometer von der Küste entfernt fahren wir in herrlicher Morgensonne, nach einer Weile biegen wir von der Teerstraße ab und folgen der kleinen, kaum befahrenen Piste, die am Ostrand der Namib-Wüste bis ins zirka 100 Kilometer entfernte Helmeringhausen führt - einem trostlosen Nest, daß nur aus wenigen Häusern besteht. Alles wirkt wie ausgestorben. An der Tankstelle ein deutsches Schild: »Vorsicht bissiger Hund«. Im Hotel gegenüber blickt ein ausgestopfter Giraffenkopf traurig auf das verstaubte Mobiliar aus den 50er Jahren, auf den Toiletten gibt´s Selbstgehäkeltes.Am nächsten Tag rauschen wir über eine feste Piste am Ostrand der Namib entlang weiter in den Norden des Landes. Erst durch topfebenes Wüstenland, dann vorbei an schroffen Hügelketten. Schließlich tauchen im Westen die ersten roten Dünen der Namib auf, kurz darauf erreichen wir Sesriem, das Tor zum Sossus Vlei-Naturpark. Leider ist ein Abstecher zu den größten Sanddünen der Welt im Park per Motorrad verboten - und jede Diskussion mit dem Ranger zwecklos. Wir müssen mit einem klapprigen Geländewagen vorlieb nehmen.Die Piste schlängelt sich durch ein enges Dünen-Tal, nach einer halben Stunde erreichen wir das Sossus Vlei, eine Lehmpfanne, die von bis zu 350 Meter hohen, roten Sterndünen umschlossen ist, die auf der Erde ihresgleichen suchen. Zu Fuß quälen wir uns einen messerscharfen Dünengrat eine Stunde lang nach oben. In dem weichen Sand eine mörderische Plakerei. Doch der Ausblick von oben ist atemberaubend. Sand, Sand und nichts als Sand, darüber ein tiefblauer Himmel, ab und an schneeweiße Wolken. Und es herrscht eine fast schon unheimliche Stille, außer uns ist niemand zu sehen - oder zu hören.Weiter der Namib entlang nach Norden. Das Land scheint sich endlos auszudehnen. Nur die parallel zur Piste verlaufenden Zäune der riesigen Farmen unterbrechen die Weitläufigkeit. Dann Richtungswechsel. Nördlich der Farm Rostock wendet sich die Piste nach Westen, durchquert den spektakulären Kuiseb-Canyon, der die südlichen Dünengebiete der Namib von der nun vorherrschenden Kieswüste trennt, die sich wie ein schräg abfallendes Dach zum Atlantik neigt. Obwohl es noch über 100 Kilometer bis zum Meer sind, können wir am Horizont bereits die viele hundert Meter hohe Nebelwand erkennen, die sich an der Küste fast nie auflöst. Doch noch fahren wir in gleißender Nachmittagssonne. Kein Verkehr, keine Probleme mit der Piste. So einfach kann Wüste sein.Wie schon vor Lüderitz fällt die Temperatur plötzlich um über 15 Grad, auf einmal bläst uns ein kalter Wind fast vom Motorrad. Es dauert nur ein paar Minuten, und wir fahren wieder im dichten Nebel. Verschwunden ist die Schönheit der Namib, alles wirkt grau und abweisend. Wir kriechen eine Stunde durch den Nebel, dann plötzlich Teer, Straßenlaternen, ein Kreisverkehr: Walvis Bay. Aber der größte Hafen Namibias bietet nur wenig für Touristen. Wir bleiben nur zum Tanken.Auf der Küstenstraße in Richtung Norden nach Swakopmund schleichen die Autos mit eingeschaltenen Scheinwerfern durch den Nebel. Der Sturm peitscht die Gischt bis zur Straße hoch, wir sind bald durchnäßt. Schließlich rollen wir durch die breiten Straßen von Swakopmund, im Nebel erkennen wir verzierte Häuser aus der deutschen Kolonialzeit - und plötzlich stehen wir vor dem Café Anton. Drinnen sitzen ein paar alte Frauen, und unter ihren neugierigen Blicken bestellen wir in unseren verstaubten und nassen Motorrad-Klamotten Sachertorte und heiße Schokoladen. Ein Genuß - trotz Heino-Plakaten und deutscher Volksmusik.Zwei Stunden später sitzen wir an einem kleinen Lagerfeuer. Um uns herum ragen die Felsen der Spitzkuppe in den sternenklaren Nachthimmel. Im Mondlicht erkennen wir eine herrliche Urlandschaft aus riesigen Gesteinsmurmeln, senkrechten Felswänden mit steilen, geschwungenen Flanken. Hier im Damaraland gibt es keine Zäune, keine Verbotsschilder, keine weißen Farmer.Auf einer guten Schotterpiste gelangen wir nach Palmwag, die letzte sichere Tankstelle vor dem Kaokoveld. Wir gehen auf Nummer Sicher, füllen den Tank und die beiden jeweils 20 Liter fassenden Kanister randvoll mit Benzin, bunkern dazu noch 30 Liter Trinkwasser. Skeptisch schauen wir auf die völlig überladene GS: Mit Fahrer und Sozia wiegt die ganze Fuhre gut und gerne 500 Kilogramm.Das Kaokoveld ist die Heimat der Himba, den letzten Nomaden Namibias. Im Westen geht diese Halbwüste die Namib-Wüste über, im Norden bildet der Kunene-Fluß die Abgrenzung nach Angola. Schon bald nach Sesfontein, dem letzten Außenposten der namibischen Administration, durchquert die Piste weite Sandflächen. Damit haben wir im Kaokoveld nicht gerechnet. Sofort liegen wir mit der Maschine im Sand. Jetzt rächen sich die Unmengen von Gepäck. Nur unter Ausnutzung sämlicher Hebelkräfte gelingt es uns, die Maschine hochzustemmen. Aufsitzen und weiter in der tiefen Sandspur. Keine 50 Meter weiter liegen wir wieder im Sand, dann schaffen wir zirka 100 Meter - und ein Ende des Sandfelds ist nicht abzusehen. Ich lasse die Luft aus den Reifen, immer noch das wirksamste Mittel bei tiefen Sandpisten. Mühevoll wuchten wir die Maschine wieder hoch, aber Katja zieht es vor, zu Fuß zu gehen. Sie kann nicht ahnen, daß ich immerhin einen Kilometer weit komme, bis ich wieder im Sand liege. Als die BMW endlich wieder steht und ich weiterfahren will, vergräbt sich der Hinterreifen bis zur Achse im Sand. »Da rauchts«, ruft Katja. Sofort steigt der beißende Gerucht abgeriebender Kupplungsbeläge in die Nase. Wir starren auf das qualmende Kupplungsgehäuse - und hoffen, daß die Kupplung jetzt nicht vollständig abbrennt. Endlich, nach einer halben Minute, die uns wie eine Ewigkeit erscheint, läßt der Qualm nach. Aber wir sind gewarnt, denn ein Ersatzteil haben wir nicht dabei. Mit bloßen Händen graben wir das Hinterrad aus. Plötzlich kommt die blanke Karkasse zum Vorschein. Ein Stollen ist abgerissen. Wie lange wird der Reifen jetzt noch halten? Unsere Erastzreifen hatten wir per Spedition nach Nairobi geschickt, weil wir im südlichen Afrika noch nicht mit Reifenproblemen gerechnet haben. Schleunigst pumpe ich wieder etwas Luft in den angeschlagenen Hinterreifen - und komme gerade einmal 100 Meter weit.Inzwischen haben Katja und ich Übung im Aufrichten, doch langsam spüren wir in der Hitze die Kräfte schwinden. Es dauert noch viele Stunden, bis wir die zehn Kilometer lange Sandpassage hinter uns haben und die Piste wieder ein moderates Tempo erlaubt. Endlich können wir die traumhaft schöne Landschaft genießen. Im Norden erstrecken sich die sanft geschwungenen Giraffenberge, um uns herum vegetationslose, schwarze Ebenen.Die Sonne ist hinter den Hügelketten längst untergegangen, als wir in der Ferne ein paar Hütten erkennen: Purros. Sofort sind wir im Halbdunkel von Himbanomaden umringt, die uns reserviert, aber freundlich einen Platz zum Campen anbieten. Das Abendessen fällt heute aus, wir wollen einfach nur noch schlafen.Früh am Morgen spazieren wir durch das Dorf. Wie Statuen sitzen überall Himbafrauen vor den erdfarbenen Lehmwänden ihrer Hütten. Ihre Haut, die mit einem Gemisch aus tierischen Fett und pulverisierten, eisenhaltigen Gestein eingerieben ist, glänzt braunrot. Um die Hüften tragen sie locker fallende Lederhäute von Kälbern, ihre Arme und Beine sind mit schweren Ringen geschmückt. Ketten mit kleinen Lederlappen und filigrane Eisenringe um den Hals geben Aufschluß über die Größe ihrer Rinderherden.Gegen Mittag sind wir schon wieder unterwegs. Die Piste nach Orupembe ist entgegen aller Erwartungen in einem guten Zustand. Doch der angebliche Ort ist nicht mehr als eine Wasserstelle. Ein kleines Mädchen kommt mit ihren Ziegen aus der Wüste, läßt die Tiere trinken und verschwindet wieder. Wir folgen jetzt einem breiten, grasbewachsenen Tal nach Norden. Nirgendwo sind Tiere oder Menschen zu sehen, die Himba haben sich anscheinend in die Berge zurückgezogen, die langsam vor uns auftauchen.Bald darauf stehen wir am Fuß des steilen Van Zyl’s Passes. Mühsam balancieren wir die schwere Enduro vorbei an großen Steinbrocken und durch enge Kehren. Unter uns verschwindet langsam das karge, hügelige Land, bis wir am Horizont die Skelettküste und den Atlantik entdecken.Inzwischen verliert der Hinterradreifen Stolle um Stolle. Mit Tempo 60 holpern wir durch das Ovamboland bis nach Tsumeb. »Best tire in country« steht auf einem Schild vor einem Reifenhändler für Geländewagen - und uns fehlt inzwischen ein Dutzend der Profilblöcke. Doch wir haben Glück: Ein Angestellter erinnert sich an einen nie abgeholten Motorradreifen. Total verstaubt liegt er bald auf der Theke. Er wirkt winzig, hat Straßenprofil, aber durch die Staubschicht lesen wir »17 Zoll«. Paßt. Zugegeben, der neue Reifen sieht an unserer riesigen Maschine mickrig aus. Doch für den Highway in Richtung Botswana wird´s reichen.

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