Namibia und Südafrika Männerträume

Fette Motorräder, große Landschaften – manchmal darf es ruhig etwas mehr sein. Das Ego will schließlich auch etwas vom Leben. Doch wann ist Schluss mit lustig? Ein Reise-Test mit der BMW R 1200 GS Adventure im südlichen Afrika.

Foto: Schröder
Diese unendliche Weite – darauf ist ein Mitteleuropäer, der nach knapp zwölf Stunden im Flieger afrikanischen Boden betritt, einfach nicht vorbereitet. In jede Richtung, in die man blickt, lässt sich nur das Braun der Wüste und das tiefe Blau des Himmels ausmachen. Die Augen können dieses Unermesslichkeit kaum fassen, und im Kopf vermengt sich eine totale Orien-tierungslosigkeit mit dem bedrohlichen und gleichzeitig angenehmen Gefühl absoluter Einsamkeit. Im Süden Namibias ist die Welt eine andere, keine Frage.

»The BMW R 1200 GS Adventure is the perfect bike for this part of the world!” Die Adventure sei also das perfekte Motorrad für diese Region. Aha. Jan – südafrikanischer Farmbesitzer und Offroad-Instruktor mit der Statur eines Bären – wird wissen, wovon er redet. Mit knappen Worten schwört der bärtige Hüne acht abenteuerlustige Zweiradjournalisten auf die bevorstehenden zwei Tage ein. Jede Menge Piste im Süden von Namibia. Über einen Eselspfad bis auf den Grund des 560 Meter tiefen Fish River Canyons. Und zum Schluss quer durch ein Dünenfeld. Artgerechtes Testterrain für die große Fernwehkuh, die daheim das Schicksal nahezu aller Geländefahrzeuge teilt: verdonnert zu einem staubfreien Leben auf dem Boulevard zu sein. In den Alpen hat dieses Trumm von Motorrad bei Tests seine Qualitäten bereits bewiesen. Nun ist das Outback im südlichen Afrika dran.

Für Menschen wie mich beginnt das Abenteuer bereits im Stand. 172 Zentimeter Körpergröße kontra 89,5 Zentimeter Sitzhöhe – die niedrige von zwei Positionen. Mit 33 Liter Benzin im Fass und montierten Alu-Koffern entpuppt sich der Aufstieg als waschechte Herausforderung an den Gleichgewichtssinn. Den definitiv coolsten Start legt »Stargast« Charley Boorman (»The Long Way round«) hin, der dieses Motorrad für ein neues Filmprojekt über eine Reise durch ganz Afrika ausprobieren möchte. Motor an, Klong (erster Gang), Wheelie. Perfekt. Vermutlich kann ein Rallye-Pilot gar nicht anders losfahren. Passenderweise trägt er seine mit Sponsorenaufnähern übersäte Kluft von der letzten Dakar.

Gut 100 Kilometer nördlich von Noordoewer. Eine »Pad«, wie die breiten Pisten Afrikas genannt werden, schleudert die Gruppe hinaus in die rotbraune Weite Namibias. Gefahren wird ab nun ausnahmslos im Stand, zu zweit nebeneinander und mit mindestens 500 Meter Abstand zum Vordermann, um nicht völlig blind in dessen Staubfahne herumzustochern.

Tempo 100. Jan zieht an. 120, 140, 160, 180 Sachen. Auf losem Grund. Angestrengt scannen meine Augen über die Strecke. Bodenwellen, die eine oder andere sandige Furt, lang gezogene Kurven. Entweder sind unter der Piste Schienen verlegt. Oder die Adventure läuft wirklich wie von einer Schnur gezogen. Nichts scheint dieses vollgetankt 292 Kilogramm wiegende Monstrum vom eingeschlagenen Kurs abzubringen. Bestenfalls ein leichtes Schlingern ist zu spüren. Das Gefühl, dass da noch mehr geht, sorgt für großes Vertrauen. Prompt mutieren gestandene Männer zu Wühlmäusen, halten sich im Geiste bereits für Rallye-Helden. Driften, wheelen, springen. Die Macht ist mit dir, denn der Punch des Boxers ab 5000 Umdrehungen scheint unerschöpflich. Eine mickrige 350er-Enduro im vollen Reisedress da vorne auf der Piste? Einfach aufschnupfen. Herrlich! Die Augen leuchten wie die von Kindern in der Weihnachtszeit.

Gut 60 Kilometer nördlich von Klein-Karas der Abzweig nach Springfontain. »Only 4 x 4« mahnt ein handgemaltes Schild. Eine glaubhafte Ansage beim Anblick der Spur, die den kargen Busch in westliche Richtung durchschneidet: tiefer Sand. Jan demonstriert die einzig mögliche Überlebensstrategie: einkuppeln, Füße auf die verzahnten Rasten, die Knie eng an den fetten Tank und rechte Hand auf Durchzug. Je mehr Druck von hinten, desto eher stabilisiert sich die Front, und du bleibst oben. Klare Sache. Eigentlich. Wenn nur dein innerer Schweinehund dich nicht anbellen würde, dass die bockelschwere Karre doch im Sand versinkt wie ein Stück Blei im Wasser. Aber die Ehre will’s wissen (so viel zum Thema »Gruppendynamik unter Männern«). Also, jetzt bloß nicht schwächeln und rein in den Staub. Unglaublich, wie der Boxer anschiebt und sich die ganze Fuhre ab Tempo 40 tatsächlich allmählich stabilisiert. Solange das Kabel unter Zug steht, hält der Sechs-Zentner-Brocken selbst auf solchem Grund bis zur eigenen Mutgrenze stur die Richtung. Die schiere Kraft des Triebwerks erweist sich bisweilen sogar als Rettungsanker. Das Vorderrad droht zu versinken? Spurwechsel, weil ein Stein – oder ein Bummelant den Weg versperrt? Zwei, drei hoch motivierte Gasstöße, und die Sache erledigt sich wie von selbst. 98 PS und imposante 115 Newtonmeter sind eben eine echte Ansage.

Wer dagegen am Hahn auch nur für eine Sekunde zögert, hat verloren. Unweigerlich. Die 1200er-Adventure bestraft die ersten Reiter in diesem Terrain prompt mit stabiler Seitenlage – und sorgt nebenbei dafür, dass sich das Team näher kommt: Bergemanöver gelingen in dieser Gewichtsklasse am besten in Kleingruppen. Mit dem Brecher allein unterwegs im Busch? Hm. Da gelten andere Gesetze. Und niemand wagt in diesem Moment an richtiges Reiseleben zu denken. Schwer bepackte Alu-Koffer, Tankrucksack, Zelt, Ersatzreifen, Werkzeug...

Kurz vor Sonnenuntergang der Fish River Canyon. Der Blick fällt in eine gewaltige, gewundene Schlucht, die sich über eine Länge von etwa 160 Kilometern durch den Süden Namibias zieht. Ein imposantes Naturschauspiel. Doch Jan treibt zur Eile. Das Beste für heute stünde noch bevor: die Abfahrt hinunter zum Camp am Flussufer.

Der schmale, steinige Pfad stürzt sich sofort in die Tiefe. Diverse Kehren, hohe Absätze, viel Geröll. Nach der Bolzerei im Sand nun eine gepfefferte Trail-Einlage. Viele Pfunde stemmen sich gegen die ermüdeten Arme und suchen sich irgendwie ihren Weg bergab. Einfach rollen lassen – eine Alternative gibt’s eh nicht – und hoffen, dass die Kraft noch reicht, sich ein weiteres Mal gegen die aus dem Gleichgewicht geratene GS zu stemmen, wenn das 19-Zoll-Vorderrad mal wieder zwischen zwei Felsbrocken verschwunden ist.

Spät nachts in Bierlaune am Lagerfeuer. Charley füttert die Gruppe mit Anekdoten seiner verfilmten Weltreise, die er zusammen mit Hollywoodstar Ewan McGregor auf zwei BMW R 1150 GS Adventure abgespult hat. Zum Heulen sei die Etappe in der Mongolei gewesen. Die schwer beladenen Bikes hätten sie das eine oder andere Mal am liebsten vor lauter Verzweiflung im Schlamm liegen gelassen. Oder erst die Flussdurchquerungen in Sibirien. Aber deswegen auf einen vergleichsweise federleichten Einzylinder umsteigen? »Never ever!« Keine Power, kein Speed, kein Image. Und wo, bitte schön, bliebe da die Herausforderung? Die folgt am nächsten Morgen. Den gleichen Weg bergauf. Rauchende Kupplungen, durchdrehende Räder, das eine oder andere verletzte Ego. Dieser Hang entpuppt sich als Schlüsselstelle. Ohne ausreichend Offroad-Erfahrung, so viel ist spätestens jetzt klar, mutiert eine Adventure im Groben schlagartig vom Spaß- zum Frustmobil. Das Feld zieht sich auf dem Weg zurück zur Hauptpiste überraschend weit auseinander.

Gut eine Stunde später heißt die Devise endlich wieder laufen lassen. Vorbei am »Canon Roadhouse«, einer Tanke mit Restaurant mitten im Nichts, und weiter bis zu einem Mega-Aussichtspunkt. Für diesen Blick vom Rand hinunter in den Fish River Canyon, der sich an dieser Stelle mit einer großen Schleife von seiner besten Seite präsentiert, wäre man selbst zu Fuß bis hierher marschiert. Viel fehlt da nicht im Vergleich zum amerikanischen Grand Canyon, der Nummer eins der Schluchten.

In loser Formation fliegt die Gruppe über eine bolzgerade Strecke weiter in südliche Richtung. Erst kurz vor Ai-Ais geht es wieder richtig ab in die Botanik, wo Jans letztes Schmankerl wartet: Dünen. Keine Berge wie in der Sahara, aber immerhin 40 bis 50 Meter hohe Hügel aus fein gemahlenem Sand. Irgendwie wollen es jetzt alle wissen. Erster, zweiter, dritter Gang. Alles, was geht. Mit Tempo 100 stieben zehn Piloten gefühlsmäßig senkrecht in den blauen Himmel. Kaum zu glauben: Der Puderzucker-ähnliche Grund trägt tatsächlich! Unverdünntes Adrenalin schießt durch die Adern, setzt beim Anblick weiterer Dünenkämme un-
geahnte Kräfte frei. Jetzt bloß hart am Gas bleiben. Auch bergab. Schussfahrt. Für einen kurzen Moment scheinen sich Mann und Maschine im Schwebezustand zu befinden, bis sie abermals von der Power des Boxers förmlich nach oben gerissen werden. Wow. Nur wesentlich besser. Dass eine große GS hier so souverän durchmarschiert, darauf wollte vorher keiner wetten.

Drei Tage später. Das Kap der Guten Hoffnung markiert das Ende des Trips. Rund 700 Kilometer durch Südafrika. Sozusagen Teil zwei der Reise – ohne Jan und ohne Reisegruppe. Die autobahnähnliche N 7 hatte ich auf der Höhe von Clanwilliam verlassen, um parallel zu ihr durch die Cederberge in Richtung Süden zu gelangen. Gut 250 Kilometer Buckelpiste, drei jeweils rund 1000 Meter hohe Pässe und rechts und links ein Netz von überaus verlockenden Bergpfaden. »FOUR WHEEL DRIVE ONLY!”

An jedem Abzweig der gleiche Hinweis. Ganz bestimmt ist mir was entgangen. Aber ohne Crew und mit einigen Kilo Gepäck hintendrauf den Bock schlimmstenfalls über Geröllhalden schieben oder aus einer Schlucht ziehen müssen, das könnte eng werden. Dann lieber weiter auf der einsamen Haupttrasse, die erst bei Ceres aus den wild zerklüfteten Bergen heraustritt und sich von dort an vergleichsweise harmlos durch eine immer grüner werdende Landschaft windet.

Paarl, Stellenbosch, Strand. Piekfeine Weingüter, luxuriöse Villen, herausgeputzte Orte auf dem Weg hinunter zur Küste. In Sachen Prestige kommt dieses Motorrad offensichtlich gleich nach Rollce Royce. Fahrer von teuren Geländewagen grüßten aufgeregt per Lichthupe, Männer im Business-Look eilten herbei, um während eines Tankstopps über Tank und Sitzbank zu streichen. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Oder doch: Dort, wo der Atlantische und der Indische Ozean aneinander branden, versinkt der afrikanische Kontinent mit einem fulminanten Paukenschlag im Meer – die Schönheit dieser Steilküste mit dem markanten Tafelberg im Hintergrund ist schier unfassbar. Darauf ist man als Mitteleuropäer auch an Tag fünf in Afrika einfach nicht vorbereitet.

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