Neuseeland (2)

Foto: Jo Deleker
Vom Cape Reinga bis zur Südspitze bei Invercargill sind es 2000 Kilometer. Auf dem kürzesten Weg. Aber der interessiert mich nicht, schließlich habe ich Zeit. So nehme ich die Ostküste ins Visier, komme nach Waitangi, wo 1840 der staatsgründende Vertrag zwischen Maori und Engländern ausgehandelt wurde, kreuze über die Coromandel-Halbinsel mit ihren märchenhaften Farnbaumwäldern, fahre über die einsame Küstenstraße zum wilden Ostkap und lande schließlich in Rotorua, das schon von weitem zum Himmel stinkt. An allen Ecken und Enden blubbert grauer Schlamm, zischt schwefeliger Dampf aus dem zerrissenen Boden und jagen Geysire kochendes Wasser in den Himmel. Hier lebt die Erde noch. Rotorua ist nicht nur der vulkanische Hotspot des Landes, sondern gleichzeitig auch das kulturelle Zentrum der Maori. Nirgendwo sonst präsentiert sich die Geschichte und Gegenwart der Ureinwohner derart hautnah. Kein Wunder, dass ich ständig über Wortungetüme aus der Maorisprache stolpere. Das große Thermalgebiet heißt Whakarewarewa, das viel schönere Wai-o-tapu und der Berg nebenan Ngongotaha. Die vulkanische Zone erreicht ihren Höhepunkt im spektakulären Tongariro Nationalpark. Der Zauber dieser gewaltigen Vulkane erschließt sich allerdings nicht im Vorbeifahren. Ich packe den Rucksack und nehme noch vor Sonnenaufgang den berühmten Tongariro-Crossing unter die Wanderstiefel, steige hinauf zum Red Crater, dem mit 1886 Meter höchsten Punkt des 17 Kilometer langen Wegs. Was für eine grandiose Szenerie: direkt vor mir der riesige braune Vulkankegel des Ngauruhoe sowie der rote Krater, der aussieht, als könnte jeden Moment glühende Lava aus seinem Schlot quellen, und ein paar Meter weiter leuchten die Emerald Lakes in einem unwirklich transparenten Türkis.

130 Kilometer entfernt grüßt der Vulkan Taranaki über die im Nebel liegenden Täler. Warum der Taranaki so weit weg ist, verrät mir ein Maori, den ich am Red Crater treffe: „Vor langer Zeit gehörte der Taranaki ebenfalls zu den Tongariro-Vulkanen. Aber dann erwischte ihn der Tongariro in flagranti mit der wunderschönen Pihanga, die dummerweise die Geliebte des Tongariro war. Der Taranaki fürchtete sich vor dem Zorn des mächtigen Tongariro, machte sich folglich schleunigst vom Acker und ließ sich erst an der Küste in sicherer Entfernung nieder.“ Die Geologen haben sicher eine andere Geschichte zur Entstehung des Taranaki, aber ob die auch so schön ist?
Anzeige
Foto: Jo Deleker
Keine Erwähnung wert sind die nächsten Tage, an denen ich die XT nach Wellington treibe. Langweiliges Weideland entlang des viel zu vollen Highways, uniforme Orte, nichts, was eine Pause lohnen würde. Das ändert sich schlagartig jenseits der Meeresenge Cook Strait, die Nord- und Südinsel trennt. Kaum habe ich die Fähre in Picton verlassen, prasselt eine Fülle von Eindrücken durchs Visier. Die unzähligen Kurven des Queen Charlotte Drive, der sich durch üppig grünen Urwald windet und hinter jeder Biegung mit einer neuen Aussicht überrascht. Oder die Pisten nach Titirangi und French Pass in den einsamen Marlborough Sounds. Fast verkehrsfreie Panoramastraßen erster Klasse, die berauschende Blicke über das Labyrinth von Fjorden und Inseln sowie grenzenlosen Fahrspaß bieten. Zwischendurch winzige Zeltplätze an traumhaften Buchten. Mann, vergiss die hoch gelobte Bay of Islands und die Coromandel-Halbinsel, die Marlborough Sounds sind um Lichtjahre besser! Nur widerwillig verlasse ich dieses Paradies und bolze nach Christchurch, um meine Frau Birgit vom Flughafen abzuholen, die mich während der nächsten fünf Wochen im Sattel einer gemieteten BMW F 650 Dakar begleiten wird. Wir peilen den Abel Tasman Nationalpark an und tauschen die Motorräder gegen schnittige Seekajaks, denn nur so lässt sich dieser Winkel Neuseelands wirklich erkunden. Unzählige Buchten – eine schöner als die andere – mit goldgelben Sandstränden und dichter, grüner Urwald. Die gelben Kajaks scheinen über das glasklare Wasser zu schweben. Abends steht unser Zelt an einem dieser märchenhaften Strände, wir hocken am Wasser, staunen über den Sternenhimmel des Südens und lauschen in die Stille, die höchstens mal vom Meckern eines Opossums gestört wird. Es gibt Momente, in denen eine unendliche Zufriedenheit den Körper durchflutet, in denen alles passt. Die Euphorie hält drei Tage lang, während der gesamten Kajaktour. Das gute Wetter bleibt uns treu. Keine Selbstverständlichkeit für die berühmte Westküste, von den Kiwis „Wet Coast“ genannt. 600 Kilometer von Karamea bis Jackson Bay, dazwischen kaum eine Hand voll Orte. Der Highway 6 ist die einzige Verbindung. Südlich von Charleston trumpft er mächtig auf, windet sich achterbahngleich von Schlucht zu Schlucht. Fehlt nur noch ein Looping. Rechts rauscht die Tasmanische See, und links wuchert undurchdringlicher Regenwald. Hier und da ein kleiner Ort mit penibel gepflegten Holzhäusern, einem Café, einer Bar und einem Gemischtwarenladen. Die Einheimischen lenken praktische Pick-ups und grüßen beim Vorbeifahren. Eine äußerst entspannte Atmosphäre. Bis wir nach Franz Josef kommen, dem Touristenmekka der Westküste. Alle wollen den Mount Cook sehen, seine Gletscher fühlen. Und buchen dazu einen der Hubschrauber, die unablässig hinauf zu den Eisfeldern dröhnen und dort für ein paar Minuten landen. Die meisten Besucher kommen aus Australien und Südostasien und sehen zum ersten Mal einen leibhaftigen Gletscher. Für sie sind diese Flüge das Allergrößte. Wer die Alpen kennt, kann dagegen über diese winzigen Eisfelder nur schmunzeln.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote