Neuseeland (3)

Foto: Jo Deleker
Ein von Westen heranziehendes Sturmtief treibt Birgit und mich auf die andere Seite der Berge, die Southern Alps, nach Queenstown, der selbst ernannten Abenteuer-Metropole der Südhalbkugel. Die Adrenalinkicks, die man hier buchen kann, sind unüberschaubar: Bungeejumping von der Brücke, mit Fallschirm oder aus der Seilbahn, Heli-Hiking, Heli-Biking oder Heli-ich-weiß-nicht-was. Queenstown boomt. Geradezu anachronistisch mutet da der Dampfer „SS Earnslaw“ an, der seit 93 Jahren durch die Wellen des riesigen Lake Wakatipu pflügt. Der Pott nimmt sogar Motorräder mit. Diese Zeitreise lassen wir uns nicht entgehen. Zumal auf der anderen Seeseite eine spannende Piste beginnt, die gut 85 Kilometer weit über eine karge und weite Hochebene führt, die an Bilder vom südamerikanischen Patagonien erinnert. Gleich darauf die Regenwälder des Fjordlands – der Kontrast könnte nicht größer sein. Nur eine Straße dringt in die spektakuläre Wildnis der Fjorde vor, endet schließlich am weltberühmten Milford Sound. Der komplette Südwestzipfel Neuseelands steht als Nationalpark Te Wahipounamu unter Naturschutz. Ein Gebiet größer als Hessen, das Besuchern nur einen winzigen Einblick gestattet. Sofern es nicht regnet – was allerdings selten geschieht. Auch wir müssen auf bessere Zeiten warten, erleben Regen in einer nie gesehenen Intensität und finden zum Glück Schutz in einer urigen Herberge. „Hey Leute“, Carry, die in Milford lebt, übersieht unser Staunen angesichts der vom Himmel stürzenden Wassermassen nicht, „das ist noch gar nichts. Vor ein paar Jahren kamen 1,80 Meter in drei Tagen runter.“ In Mainz fällt diese Menge in drei Jahren.

Kaum hört der Regen auf, wagen sich die einzigen Raubtiere der Westküste aus ihren Verstecken – Sandfliegen in ungeahnten Mengen. Diese kleinen, stechenden Flugobjekte vermögen selbst das gelassenste Gemüt in den Wahnsinn zu treiben. Die Maori wissen, warum: „Das Fjordland ist der schönste Ort der Welt. Die Menschen sollen ruhig zum Staunen kommen. Damit sie aber nicht bleiben, hat Gott die Sandfliegen geschickt.“ Nun gut, dann geht’s halt weiter. Über den „Southern Scenic Highway“ viele einsame Kilometer durch weites Farmland bis zur Te Waewae Bay an der Südküste. Mächtige Wellen rollen an den menschenleeren Strand, der sich genau genommen bereits gegenüber der Antarktis befindet. Die Landschaft in Richtung Osten wird ereignislos. Wiesen, unzählige Schafe und nie endende Zäune begleiten uns. Vermutlich stehen in keinem anderen Land so viele Zäune wie in Neuseeland. Die wirklichen Höhepunkte des Südostens sind die Tiere. Dicke Hooker-Seelöwen, seltene Gelbaugen-Pinguine und die majestätischen Königsalbatrosse mit ihren über drei Meter Flügelspannweite. Doch so richtig genießen können wir das alles nicht, weil seit Tagen bleigrauer Seenebel für eine deprimierende Stimmung sorgt. Bis wir eines Morgens die sofortige Flucht beschließen. Die Sehnsucht nach Sonne und Wärme erlaubt lediglich einen Plan – fahren, bis wir wieder Licht erreichen.
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Gerade mal drei Stunden später: Alexandra, Central Otago, wolkenlos und 25 Grad. Das erste Café wird gestürmt, es gibt frisch gebackenen Kuchen und den zweitbesten Cappuccino der Welt. Besser können das nur die Italiener. Alexandra ist das Tor zu den Southern Lakes, sieben großen Seen, die sich aus der Grassteppe Otagos bis zu den Southern Alps ziehen. Jeder dieser Seen hat einen ganz anderen Charakter. Der eine ist stahlgrau, der nächste eisblau und ein anderer wiederum milchig grün. Die südlichen Seen kennen wir bereits, deshalb folgen wir dem Highway 8 zum Lindis Pass. Dort wird es wirklich einsam. Gelbes Tussockgras, so weit das Auge reicht, karge, schwarzbraune Berge nicht ein einziges Haus. Und auf einmal der Lake Pukaki, ein 35 Kilometer langer türkisgrüner Gletschersee. An dessen Nordende ragen wie eine gigantische Wand die Südalpen mit ihren Promis Mount Tasman und Mount Cook auf. Wie wenig beeindruckend diese Berge doch von der anderen Seite, von Franz Josef, aussahen. Erst hier zeigen die majestätischen Riesen ihr wahres Gesicht. Birgit und ich reizen die letzten Tage bis zum Abflug aus, erkunden die spannenden Schotterwege entlang der Seen Pukaki und Tekapo oder hocken einfach vorm Zelt und bewundern die vergletscherten Berge. Die Region des Southern Lakes zählt ohne Zweifel zu den Höhepunkten der Reise. Gerade erst tropisch anmutender Regenwald und nun Kanada, Argentinien und Norwegen auf einmal – das winzige Neuseeland vereint gänzlich unterschiedliche Landschaften, die sonst nur auf mehreren Kontinenten zu finden sind. Und genau das macht den Reiz des Landes aus, nämlich das Gefühl, fast die ganze Welt durchfahren zu haben.

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