Neuseeland Kiwi-Country

Es gibt drei Sorten von Kiwis: die Früchte, die Vögel und die Neuseeländer. Letztere bezeichnen ihre landschaftlich überaus vielfältigen Inseln selbstbewusst als „Godzone“ – gelobtes Land.

Foto: Jo Deleker
Das Urteil des technischen Prüfers trifft mich wie ein Schlag: keine Plakette für meine mitgebrachte nagelneue XT. Ohne den Stempel kann ich das Motorrad aber nicht zulassen und somit auch nicht fahren. Das Problem: der Scheinwerfer, der nicht für Linksverkehr ausgelegt ist und sich beharrlich allen Einstellungsversuchen widersetzt. Mein Hinweis, dass Kontinentaleuropäer, wenn sie England besuchen, die Scheinwerfer mit schwarzen, keilförmigen Klebestreifen versehen, ist dem Prüfer neu. Er überlegt kurz, verschwindet in seinem Büro und kommt mit einem Erste-Hilfe-Kasten zurück, aus dem er grinsend ein Pflaster zieht. Akribisch verarztet er die Lampe der XT, klebt schließlich den WoF-Stempel auf den Tank, die Zulassungsplakette auf die Alu-Kiste und wünscht mir viel Spaß in Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke.

Als ich Auckland verlasse, sorgt die Aussicht auf drei Monate Freiheit für Hubschrauber im Bauch. Wie im Rausch nehme ich die schier endlosen Vororte mit ihren bildhübschen Holzhäusern wahr, später die großzügigen Farmen, eingebettet zwischen sanften grünen Hügeln. Die feuchtwarme subtropische Luft duftet nach Sommer, Meer und Blumen. Stundenlang folge ich dem Highway 12 nordwärts, immer der Sonne entgegen. Bis die Straße plötzlich vom undurchdringlichen Dschungel des Waipoua Forest verschluckt wird. Exotische Farnbäume und gigantische Kauri-Bäume, 1500 Jahre alt und fünf Meter dick, zeugen davon, wie die Nordinsel vor Ankunft der Menschen ausgesehen hat. Neuseeland im Originalzustand.
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Foto: Jo Deleker
So unvermittelt, wie mich der Urwald aufgenommen hat, spuckt er mich auch wieder aus. In Ahipara rollt die XT auf einen Bilderbuchstrand, den berühmt-berüchtigten Ninety Mile Beach. Das Fahren auf dem Strand ist erlaubt und die Gelegenheit günstig. Noch habe ich vier Stunden Zeit, bis die Flut zurück ist und den schmalen Sandstreifen unter Wasser setzt. Also los. Feinster gelber Sand erstreckt sich bis zum Horizont, an Backbord glitzert die unendliche Fläche der Tasmansee, und an Steuerbord türmen sich Dünen auf, aus denen der steife Ostwind dünne Sandfahnen über den Strand treibt. Anfangs lauern weiche Löcher im Untergrund, scheinen die XT aufsaugen zu wollen. Maximale Adrenalinproduktion, denn stecken bleiben wäre keine gute Idee. Schnell bekomme ich ein Gefühl für den Boden, lerne die weichen Abschnitte zu lesen und rechtzeitig Gas zu geben. Die Angst vorm Eingraben verfliegt im Glück des Surfens. Ein überirdisches Gefühl. Als die Flut da ist, stehe ich längst am Cape Reinga, dem Nordkap Neuseelands. 160 Meter unterhalb des weißen Leuchtturms treffen sich Pazifik und Tasmanische See, sorgen für wilde Wasserwirbel und lange Wellen, die in der unverschämt schönen Te Werahi Bay auslaufen. Ein älterer Kiwi gesellt sich zu mir und will wissen, warum mein Motorrad ein so großes Nummerschild habe. „Oh, from Germany!“ Sein Blick verrät Anerkennung, und er beginnt von seinen Verwandten in England zu erzählen. Ich verstehe kaum die Hälfte. Kiwi-Englisch ist gewöhnungsbedürftig. Bevor er zu seinem Wohnmobil schlurft, tippt er mir grinsend auf die Schulter: „Weißt du, wovor wir Kiwis am meisten Angst haben?“ Keine Ahnung. „Dass wir von der Landkarte fallen, und der Rest der Welt bemerkt es nicht mal.“

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