Neuseeland Eine Welt für sich

Neuseeländer nennen sich Kiwis, verehren die britische Königin und fahren auf der falschen Straßenseite durch ein Land, in dem die Natur alle Register zieht - gleich einem Spektakel der Schöpfung.

Eigentlich«, sagt Peter, »ist heute kein guter Tag«. Skeptisch folgt sein Blick den dunklen Wolken, die rasend schnell über den Himmel ziehen, und - wenn überhaupt - nur für einen kurzen Moment den Blick freigeben auf die Vulkane Tongariro, Ngauruhoe und Ruapehu - die drei heiligen Berge der Maori, das Volk, das lange vor den Europäern Neuseeland besiedelte. Eine Stunde später sind wir trotz des schlechten Wetters zu Fuß steil bergauf im Tongariro-Nationalpark unterwegs. Zuerst noch auf einem ausgetretenen Pfad, dann querfeldein über loses Geröll und grauen Fels, vorbei an den längst erstarrten Lavaströmen, die sich unaufhaltsam von den Hängen des 2797 Meter hohen Ruapehu in die umliegenden Täler gewalzt haben. Ein düsteres Land, unheimlich und faszinierend zugleich. Noch heute brodelt es hier kräftig unter der Erde, zischt und faucht es aus vielen Geysieren im nahen Rotorua, dampft es ab und an aus dem Krater des ebenmäßig geformten Ruapehu. Der transpazifische Feuerkreis hält Neuseeland in Atem.Je höher wir steigen, desto schlechter wird die Sicht. Viele Pausen, um auf besseres Wetter zu warten, und viel Zeit, um mit Peter zu reden. Er hat das gemacht, wovon viele träumen: Nach einem längeren Aufenthalt ist er in Neuseeland geblieben und verdient sich seinen Lebensunterhalt als Tourguide, Bergführer und Organisator von Outdoor-Aktivitäten, die in diesem Ende der Welt so zahlreich sind wie nirgendwo sonst. Hauptsache, er sei draußen in der Natur. Mögen die Alpen in Europa höher und die Gletscher gewaltiger, der Regenwald in Südamerika undurchdringlicher und die Fjorde in Skandinavien tiefer sein - hier im vergleichsweise winzigen Neuseeland mache es eben die Mischung: von allem etwas und das fernab jedweder kontinentaler Hektik. Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Neuseeland als Endstation aller Sehnsüchte und Träume? Das Paradies auf Erden, daß anscheinend jederman am Ende einer Reise darüber nachdenken läßt, ob er sein Rückflugticket verbrennen soll?Wie auf einen Schlag öffnet sich der Himmel. Auf dem schmalen Gipfelplateau des knapp 2000 Meter hohen Tongariro angelangt, blicken wir auf einmal auf eine fremdartige Welt. Auf die grau-schwarzen Flanken der Vulkane, auf türkis oder blau schimmernde Seen, auf skurrile Gebilde aus Lava oder Basalt, in das Innere der Erde im weit offenen Kraterschlund des Ngauruhoe. Natur in ihrer ursprünglichsten Form.Tief unter uns erstreckt sich in nördliche Richtung das Land, durch das Franca, die unten bei den Motorrädern geblieben ist, und ich in den letzten drei Tagen gefahren sind. Von Auckland bis nach Hahei, daß an den tropisch anmutenden Stränden im Osten der Coromandel-Halbinsel liegt. Dann weiter, vorbei an den zum Himmel stinkenden Schwefelquellen rund um Rotorua und schließlich zum Lake Taupo, dem größten See Neuseelands. Drei lockere Fahrtage am anderen Ende der Welt, auf zumeist breiten Straßen durch sattgrünes, hügeliges Land, daß uns nach 26 Stunden im Flieger - wären die Berge im Tongariro-Park nicht in Sicht gekommen - eigentlich vielmehr an Irland oder den Schwarzwald erinnerte.Am nächsten Tag gut 200 Kilometer bis zur Küste, bis Whanganui. Dann in einem Rutsch nach Wellington, der Hauptstadt Neuseelands. Während der Fahrt viel Zeit, um die Eindrücke der ersten Tage zu verarbeiten, weil sich das Land kaum noch verändert, seit die Vulkane in den Rückspiegeln verschwunden sind: Farmland. Unspektakulär, aber erholsam. Die wenigen Orte ähneln sich. Eine breite Hauptstraße, links und rechts einstöckige Häuser aus Holz hinter weißen Zäunen. Dann der Gemischtwarenladen, die Tankstelle, der Fleischer und eine Bank, ein Agrargroßhandel und mindestens eine Bar, wo es neben Schnaps auch Fish´n´Ships und Videos zu kaufen gibt. Wir fallen auf, weil wir tagsüber kein leichtes Dosenbier trinken, sondern Apfelsaft mit Mineralwasser mischen. Und die schwarze Triumph fällt auf. Wegen des winzigen Union Jack auf beiden Seiten der Verkleidung. British? Great! Man ist stolz, Untertan von Queen Elisabeth II. zu sein.Langsam verschwinden hinter uns die Häuser Wellingtons, dann die letzten Umrisse der Nordinsel, taucht vor dem Bug der Fähre die fjordähnliche Einfahrt in die Marlborough Sounds auf. Bis Picton, einer kleinen Hafenstadt, manövriert das Schiff bei ruhiger See durch ein Buchten- und Inselwirrwarr, vorbei an leuchtenden Stränden und unverschämt schönen Häusern mit großen Terrassen, denen der dichte Busch längst bis zu den Dächern gewachsen ist und die nur per Boot zu erreichen sind. Die Südinsel ist mir auf Anhieb symphatisch.Kaum wieder Land unter den Rädern, zirkeln wir die Bikes über den schmalen Queen Charlotte Drive. Kurve an Kurve, abwechselnd im zweiten und dritten Gang, geht´s entlang der zerrissenen, tropisch-grünen Küstenlinie, mal mitten im Wald, dann wieder weit oberhalb hellsandiger Buchten, in deren Schutz weiße Segelyachten vor Anker liegen. Ausblicke wie aus einem Werbeprospekt. Und endlich wieder Arbeit für die auf vielen Highway-Kilometern eingeschlafenen Reflexe, endlich wieder Fahren und Schalten, Bremsen und Gas geben. Zumindest bis Nelson, wo das wilde Hin und Her der Straße in die breite Uferpromenade entlang der Tasman Bay mündet, schließlich bei Motueka für kurze Zeit im Hinterland verschwindet und als Sackgasse in dem winzigen, weltabgeschiedenen Collingwood an der weitläufigen Golden Bay endet.Früh am nächsten Morgen stehen wir auf dem nord-westlichsten Zipfel der Südinsel, auf dem Farewell Spit, einer 26 Kilometer langen Landzunge, die sichelförmig in die stets aufgewühlte Tasman-See ragt. Als Rastplatz für unzählige Vogelarten auf ihrem Weg in die arktischen Brutstätten ist dieser Naturschutzpark für Fahrzeuge tabu. Wir wären auch nicht weit gekommen, denn der Spit besteht nur aus feinem Quarzsand - von den starken Westwinden zu immer neuen, hohen Dünen modelliert, vor denen selbst der Ranger in seinem hochgelegten Jeep viel Respekt hat. Aber nach einer Weile ist auch für den Wagen Schluß. Zu Fuß, bei jedem Schritt bis über die Knöchel im Sand versunken, wandern wir auf und ab durch diese »Wüste« am Meer. Unaufhörlich schiebt die Tasman-See meterhohe Wellen an den Strand, treiben heftige Windböen die feinen Körner in jede noch so kleine Öffnung unserer Jacken. Kein anderer Landstrich Neuseelands, erfahren wir von dem Ranger, würde sich so schnell verändern wie dieser hier. Das Land sei ständig in Bewegung.Timaru. Rund 170 Kilometer südlich von Christchurch. Hinter uns liegen zwei Tage Fahrt und der Lewis-Paß, eine kurvenreiche Bergstrecke, die auf der Karte vielversprechend aussah, von der wir aber nur wenig mitbekommen haben. Regen. Aber nicht irgend ein Regen, sondern Wassermassen, die selbst die Schweibenwischer der Autos blockieren ließen. Dick in Regenkombies vermummt hangelten wir uns von einer schützenden Tankstelle zur nächsten, bis hinter Hanmer Springs irgendwann die Ostküste in Sicht kam, bis es schnurgerade durch die sonnenverwöhnten Canterbury Plains ging. Heckengesäumtes Weide- und Farmland, ein monotones Mosaik aus grünen und braunen Flicken. Wir gaben einfach Gas. Um möglichst schnell weiter im Süden wieder ins Landesinnere abzubiegen - in Richtung der »Southern Alps«, der neuseeländischen Alpen, deren Gipfel in der klaren Luft bereits von hier auszumachen sind.Zwei Stunden dauert die Fahrt dorthin. Von Timaru am Pazifik zum Lake Tekapo am Fuß der Gebirgskette, die sich auf der gegenüberliegen Seeseite senkrecht erhebt. Alpines Panorama in Vollendung, Kanada, Alaska und Österreich auf einmal. Perfekt, gigantisch und maßlos schön. Wir bleiben und sitzen auch am nächsten Tag lange auf den Steinen am Ufer. Neuschnee, unerwartet früh in diesem Jahr, leuchtet auf den Bergspitzen unter einem tiefblauen Himmel. Überall an den steilen Hängen grelles frisches Weiß. Ununterbrochen, fast bis hinunter an den grün schimmernden See, der weit hinten irgendwo zwischen den zahlreichen Gipfeln und Gletschern verschwindet. Unglaubliche Farben und Kontraste. So intensiv, daß der Kopf Probleme hat, alles zu begreifen.Aber dieser Teil des Landes scheint sich ständig selber überbieten zu wollen. Der breite Highway, der zumeist geradeaus in Richtung Süden über das karge, braungefärbte Hochland von Canterbury führt, verläuft im respektvollen Abstand stets parallel zu den Southern Alps, präsentiert uns auf den Motorrädern ungehindert einen Gipfel nach dem anderen, macht uns neugierig auf den Berg der Berge in Neuseeland, den Mount Cook, der hier irgendwo sein muß - und der hinter einer unüberschaubaren Kurve am Ufer des Lake Pukaki plötzlich vor uns steht. Ohne Vorankündigung. Eine gewaltige Pyramide, deren 3754 Meter hoher Gipfel alle anderen Spitzen in dieser scheinbar endlosen Kette aus Fels, Eis und Schnee um viele hundert Meter überragt und an deren östlicher Flanke sich der Tasman-Gletscher zu Tal schiebt, der größte Eisstrom Neuseelands. Kompliement an die Straßenbauer: Besser hätte man kaum eine Strecke verlegen können. Eingeschlossen der Abzweig, der bis direkt an den Fuß des Bergriesen führt. Rund 100 Kilometer haben wir heute geschafft - wenn das so weitergeht, werden wir wohl erst in sechs Monaten wieder zurück sein.Gelassen bummeln wir weiter in Richtung Süden, passieren den Lindis-Paß. Kein Übergang wie in den europäischen Alpen, sondern nur drei oder vier langgezogene Kurven, die genügen, um einen der vielen sanften Bergrücken zu überqueren. Auf einer Strecke, auf der Gegenverkehr etwa so selten ist wie die Anzahl der Ortschaften: Fünf waren es vom Mount Cook bis Queenstown, was eine Distanz von 240 Kilometern bedeutet. Beneidenswertes Neuseeland. Viel Platz für wenig Menschen.Noch einsamer, weil unzugänglicher: der äußerste Südwesten der Insel, das Fjordland. Schierer Größenwahnsinn der Schöpfung. Hunderte von Buchten, Bergen und Fjorden, immergrüner Regenwald, der rund ein Fünftel der Fläche Neuseelands bedeckt. Seit Urzeiten unverändert, mit wuchernden Farnen, Flechten und Moosen. Natur im Überfluß, artenreich und üppig gewachsen bei über 300 Regentagen im Jahr - Niederschläge werden hier sinnvollerweise gleich in Metern anstatt in Millimetern gemessen.Und nur eine Straße, die durch diesen irrwitzigen Teil des Landes führt, die hinter Te Anau erst in dunklen Wäldern verschwindet, dann von senkrecht aufragenden Bergwänden eingeschlossen wird, schließlich auf einen felsigen Paß bis in die Nähe verschneiter Gipfel führt. Wasser überall. Unzählige Seen, Gebirgsbäche und schäumende Kaskaden, die hundert Meter und tiefer über den Rand der Berge stürzen, dampfende Baumkronen unten im nächsten Tal, in das uns der steile Weg gleich wieder hinunter führt. Die Visiere beschlagen sofort im Dunst unter dem dichten, tropischen Blätterdach, es ist heiß und stickig. Wir hätten den ersten sonnigen Tag seit fast zwei Monaten erwischt, erzählt uns später ein Ranger.Plötzlich hört die Straße auf, und unsere Augen fühlen sich nun vollends überfordert mit dem, was sie zu sehen bekommen. Blaugrünes Wasser, eingeschlossen von himmelstürmenden Granitwänden, an schmalen Ufern von Palmen gesäumt, dazu die weiße Gischt von bis zu 560 Meter hohen Wasserfällen - der Milford Sound, die Majestät der Fjorde in Neuseeland, in dessen Mitte sich der 1600 Meter hohe, spitz zulaufende Mitre Peak theatralisch in Szene setzt. Hier, fast am Ende der Südinsel, von der es zur Antarktis nicht mehr ganz so weit ist, zieht die Natur noch einmal alle Register -so überzeugend, daß ich spätestens jetzt mein Ticket den Flammen opfern sollte.Queenstown. Zum Zweiten. Der selbsternannte »Abenteuerspielplatz der Nation«. Wir stürzen uns an einem Gummiseil hängend von einer Brücke, rasen in einem Jetboot mit Tempo 80 nur Handbreit an den Felsen im engen Skipper Canyon vorbei - und gönnen uns eine Zugabe, die beides verblassen läßt: mit unseren Enduros über die Piste, die am oberen Rand des Canyons verläuft. Off Road-Terrain. Verwinkelte Felsenpassagen, dann über eine aussichtsreiche Hochebene, runter in ein enges Tal, mit viel Schwung in den Ecken wieder bergauf, und - hoppla - der Canyon. Weit unter uns, mindestens 200 Meter oder tiefer. Und der Weg, kaum wagenbreit, hängt plötzlich in der senkrechten Felswand. Kein Seil, kein doppelter Boden, nur ein paar Büsche zwischen den Motorrädern und dem Fluß dort unten. Vom Feinsten. Und das Ganze gleich noch mal, weil es nach 27 Kilometern der verwegenen Piste keine andere Ausfahrt aus der Schlucht gibt.Dann hört der Spaß plötzlich auf. Erste Tropfen am Helm kurz hinter dem Städtchen Wanaka, dann ein heftiger Sturm an der Westküste, die nicht zu Unrecht »Wetland« - Naßland - genannt wird. Zwei Tage in Regenkombis und dunkle Wolken knapp über unseren Köpfen, wo sich Fox- und Franz-Josef-Gletscher ihren Weg von den Alpen durch den Regenwald bis in die Nähe der Tasman-See erzwingen. Die Strecke ist zwar ein Traum, kurvig und immer an der aufgewühlten See entlang, aber einfach keine Berge, kein Eis und keine Wetterbesserung in Sicht. Nur viele gefrustete Touristen, die seit Tagen auf die Sonne warten. Wir aber müssen weiter, zurück nach Auckland, weil wir noch immer unsere Tickets für den anstehenden Rückflug haben. Am vorletzten Tag in Napier auf der Nordinsel, da hätten wir sie fast doch noch verbrannt. Weil wir dort im Vorbeifahren dieses Haus gesehen hatten. Bunt, aus Holz, im viktorianischen Stil und direkt am Ufer des Pazifik. Unsere Gedanken überschlugen sich. Eigentlich war das kein guter Tag.

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