Nord-Norwegen (2)

Foto: Daams
Wir inspizieren zunächst den südlichsten anfahrbaren Ort der Lofoten, der einfach kurz und prägnant Å heißt. Einer Herde Schafe gleich duckt sich dort eine weiße Wohnmobilkolonie zusammen. Sie haben Recht, auch wir sollten allmählich nach einem Zeltplatz Ausschau halten. Eigentlich ist aufgrund des Jedermannrechts die Suche nach einem Schlafplatz in Skandinavien genial einfach: Jeder darf zelten, wo es gefällt. Doch uns machen die vielen feinen Fleckchen offenbar zu wählerisch.

Dem Festlandwetter glücklich entkommen, muss für die erste Nacht auf den Lofoten natürlich ein Logenplätzchen her, mit 1a-Aussicht auf Meer, Mitternachtssonne und so. Doch je später die Nacht, desto bescheidener die Ansprüche – und leider auch das Wetter. Irgendwann sind wir froh, als sich bei Sakrisøy wenigstens eine passable Wiese findet, bevor es zu tröpfeln beginnt. Etwas abfallend zwar, aber immerhin mit Fjordblick.

Tief und lange genug im Schlafsack vergraben, lässt sich auch eine Regenfront ausliegen – alte deutsche Campingregel. Und tatsächlich. Um zehn Uhr früh ist die Welt wieder in Ordnung. Unter uns liegt der Kirkefjord, wie wir inzwischen ermittelt haben, der ein bisschen an den Königssee bei Berchtesgaden erinnert. Allerdings ohne Bartholomäus-Kapelle, dafür mit Fischkutter und Lofoten-Hochgebirge statt Watzmann. Wir werfen den Kocher an, und schon bald strömt Kaffeearoma durch die klare Luft. Auf der anderen Straßenseite duftet es dagegen deutlich herber. Auf hölzernen Gestellen trocknen lange Reihen von Fischköpfen und bizarr mumifizierte Reste von Dorsch und Kabeljau, die in Norwegen traditionell zu Stockfisch verarbeitet werden.
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Foto: Daams
Wir laden auf und fahren Richtung Norden. Und landen im Unesco-Kulturdenkmal Nusfjord, dem Rothenburg ob der Lofoten quasi und entsprechend von Reisenbussen umzingelt. Wegen autofreier Zone müssen wir ebenfalls einen kleinen Fußmarsch unternehmen. Und stoßen auf ein hübsch hergerichtetes Dorf. Der Clou: An dem kleinen Binnenhafen stehen einige Dutzend pittoresker Rorbuer, auf Stelzen balancierende alte Fischerhütten, die inzwischen als noble Ferienwohnungen vermietet werden. Nun, kein Fall für unsere Börsen, und so hangeln wir uns stattdessen weiter über die zerklüftete Inselgruppe.

Durch den Vestfjord vom norwegischen Festland getrennt, bilden die Lofoten (übersetzt bedeutet das übrigens „Luchsfuß“) zusammen mit den nördlich anschließenden Vesterålen („Streifen im Wasser“) eine 300 Kilometer lange, mit Brücken und Tunnels untereinander verbundene Inselkette. Höchster Gipfel ist der 1266 Meter hohe Møysalen. Schroff und steil ragen die Klötze aus der See empor und haben deshalb trotz relativ geringer Höhe ein Ausstrahlung wie die Walliser Alpen. Bäume gibt es fast keine mehr, sie fielen dem Bau von Booten und Häusern zum Opfer. Dank des Golfstroms kann das Thermometer im Sommer auf über 30 Grad klettern und an den vielen Badestränden die Wassertemperatur angenehme 20 Grad erreichen. Momentan scheinen die Temperaturen allerdings weit davon entfernt, und wir mummeln uns in die Motorradklamotten, als wieder ein Schauer hereinbricht.

Genau 312 Kilometer sind es auf der kurvigen Inselverbindungsstraße E 10 von Å im Süden bis Tjeldsund bru am Nordzipfel, wo eine Brücke den Festlandskontakt hält. E steht nicht nur für Europastraße, sondern auch für Extraklasse, für Ehrfurcht gebietend, für einmal ist keinmal, elysisch, erhaben, exzellent. Bei Valberg am Vestfjord biegen wir schließlich ab und potenzieren das Vergnügen für unsere Enduros noch mit einer Offroad-Einlage. Dabei stoßen wir auf eine kleine Herde Schafe, die auf einer winzigen Sandbank in „Seenot“ geraten ist. Dicht gedrängt stehen die Tiere auf einem winzigen, von Meer umwogten Eiland. Glück für die Rasenmäher, dass sie sich auf der zahmen Südostseite der Lofoten befinden und die Flut schon wieder zurückgeht. So dürften sie mit nassen Füssen davonkommen.

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