Nord-Norwegen (3)

Karte: Maucher
Wir suchen sicherheitshalber lieber eine trockene Unterkunft und stoßen dabei auf das ockergelbe „Vandrerhjem“ in Stamsund. Es besticht mit zivilen Preisen und ist „surrounded by natural beauty“, wie der Prospekt durchaus treffend verkündet. Und hier lebt Roar. Einer der 5000 Einwohner, die nach der Landflucht in den 80er Jahren auf den Lofoten und Vesterålen geblieben sind. Abgesehen von knapp drei Millionen Touristen pro Jahr. Früher wäre Roar, der stämmige Bart- und Pulliträger, vielleicht Seeräuber, noch früher Wikinger gewesen; heute ist er Chef des Heims und der Jugendherberge im Rorbuer-Stil und hat sogar noch ein kleines Zimmer mit Meerblick für uns. Spitze!

Wir laden schnell ab und fahren noch mal los, auf die Insel Gimsøya, wo wir bei Kleivan der Sonne beim Nichtuntergehen zusehen wollen. Der Platz ist schön gewählt. Um uns herum Wiesen, mit filigranen Pusteblumen übersät, aus dem Wasser wie Maulwurfhügel ragende Felsbrocken und der Leuchtturm von Kleivan. Die zerklüfteten Bergketten der Nachbarinseln bilden den Horizont im Westen und Osten. Und über allem der mit einem weißgrauen Wolkengemälde geschmückte, hellblaue Himmel, der sich durch rasche Veränderung einer präzisen Beschreibung entzieht. Alles wird stroboskopisch von der Sonne angeblitzt, die, völlig unberechenbar, mal hier-, mal dorthin ein paar Millionen Lux wirft.

Zurück in der Jugendherberge, gibt’s mal wieder das inzwischen schon vertraute Mitternachtssüppchen, das eigentlich mit Blick auf Bucht und Felsen auf der Terrasse verspeist werden sollte – wären da nicht die lästigen Mücken. Egal. Das Schicksal des Nordens. Vor uns türmen sich die Felsen. Einst soll Göttervater Thor sie im Nordmeer zerschlagen und so die Lofoten geschaffen haben, erzählt die Legende. Und anschließend schichtete er die Brocken auf, um einen besseren Blick auf die Fischschwärme zu ergattern. Keine Frage, Fisch ist auf den Inseln das tragende Thema.
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Karte: Maucher
Insbesondere der zwischen Januar und April von der Barentssee zum Laichen in den bis zu 90 Kilometer breiten Vestjord ziehende Kabeljau brachte bis in die 50er Jahre den Fischern beste Fänge, bevor gnadenlose Überfischung das Ende zu bedeuten schien. Erst strenge Fangquoten ließen die Bestände und damit auch die Zahl der Beschäftigten wieder wachsen. Heute werden pro Jahr 20 Millionen Tonnen Kabeljau von 2000 Fischern aus dem bis zu 400 Meter tiefen Meer gezogen. Die Tiefe ist zusammen mit dem warmen Golfstrom einer der Gründe, warum sich hier sogar Wale tummeln.

Ein letztes Sit-in bei Nescafé und Müsli auf den hölzernen Planken der Jugendherberge, und schon katapultieren sich die Kolben von einem Totpunkt zum nächsten und uns in den neuen Tag hinaus.

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