Nord-Ostsee-Kanal Canale Grande

Im Norden gibt es keine Kurven? Entlang des Nord-Ostsee-Kanals umschlingeln kleinste Teerschneisen die Moore und das weite Land. Im Schatten majestätischer Ozeanriesen bekommt Motorradfahren einen besonderen Kick.

Die Monster sind bunt und tauchen scheinbar aus dem Nichts auf. Und sie bewegen sich mit stoischen 15 Kilometer pro Stunde durch die endlose norddeutsche Tiefebene. Schieben ihre gewaltigen Leiber – länger als zwei Fussballfelder – gemächlich vorbei an düsteren Mooren, Storchennestern, Fahrradwegen und roten Backsteinhäusern mit Reetdächern. Schwarzweiß gefleckte Kühe und verschlammte Traktoren wirken wie Ameisen gegen die Ozeanriesen, die den knapp 100 Kilometer langen Nord-Ostsee-Kanal als Verbindungsweg zwischen den beiden nördlichen Meeren nutzen. Ein Anblick, der mehr als makaber wirkt und Besuchern oft dem Atem raubt.Die Idee eines Schifffahrtswegs durch Schleswig-Holstein hatte viele Väter. Schließlich galt die Umsegelung Jütlands einst als eine der größten Gefahren der Seefahrt. Unter Wilhelm dem I. wurde der Nord-Ostsee-Kanal schließlich gebaut, am 21. Juni 1895 eröffnet und danach mehrmals vergrößert. Heute ist er mit rund 45000 Befahrungen jährlich der meistgenutze Seekanal der Welt. Revolutionär für den Schiffsverkehr, unspektakulär für den Tourismus. Vor allem für Motorradfahrern hat Norddeutschland anscheinend keinerlei Reize zu bieten. Keine Kurven, keine Berge, Langeweile wird neu dimensioniert. Alles Vorurteile. Denn folgt man den kurvigen, kleinen Sträßchen entlang des Nord-Ostsee-Kanals, wird man schnell eines Besseren belehrt. »Voon Kiel bis Bruunsbüttel, dat sind so sieben bis aacht Stunden Faahrt«, erklärt ein Kieler Hafenarbeiter auf tiefstem Platt. Mit dem Schiff versteht sich. Prüfend hebt er den Daumen und blickt über ihn hinweg auf mein Zweirad: »Damit biste inner Stunde in Bruunsbüttel.« Doch ich will nicht fliegen, sondern fahren. Auf Erkundungsfahrt vergehen schnell auch zwei Tage, drei Landstraßen-Fahrstunden sind es auf direkten Weg.Keine zehn Kilometer außerhalb Kiels saugt mich Norddeutschlands herbe Natur auf. Eine salzige steife Brise, alte Fachwerk-Gutshöfe mit Schatten spendenden Linden vor der Haustür. Zwischen den einzelnen Bauernhöfen diese unbeschreiblich saftig-grünen Wiesen, über denen die Kühe als Kontrast zu schweben scheinen. Und überall Möwen. Egal, wo man sich gerade befindet – das Gekreische ebbt nie ab, wie ein kleiner, weißer Schweif folgen die Vögel dem Motorrad. Das Meer scheint hinter jeder Kuppe – für die Einheimischen übrigens Berge – zu lauern.Hier, wo jeder auf Sand baut und die Telefonzellen alle noch gelb sind, durcheilen mehr Sturmflutwarnungen den Äther als Hinweise auf Geisterfahrer. Die norddeutsche Besonnenheit hat sich auch auf den Verkehr übertragen. Dieser besteht nicht selten nur aus Traktoren. Deren windgegerbte Lenker mit Schiffermützen und grüner Arbeitskluft erheben meist schon aus der Ferne grüßend die Hand. Diese Zeremonie ist so einladend, so ehrlich, dass einem nie der Gedanke kommt, hier nicht willkommen zu sein. Freundlich empfangen wird man auch auf den Fähren. Wer über den Kanal will, muss nichts zahlen. Nirgends. Auch nicht auf der Schwebefähre in Rendsburg – übrigens die einzige in Europa. Sie pendelt täglich unter der Rendsburger Hochbrücke. Mit zweieinhalb Kilometern und 16700 Tonnen Gewicht war sie bei ihrer Fertigstellung 1913 das größte Stahlbauwerk der Welt. Und als gäbe es nichts Schöneres als die Aussicht auf den Nord-Ostsee-Kanal, haben die Rendsburger am Ufer mit 503 Metern die längste Bank der Welt aufgestellt. Wer sich lieber gruseln will, kriegt Schauergefühle kostenfrei in den vielen Mooren, die den Nord-Ostsee-Kanal umgeben. Wie von Reizströmen animiert, richten sich Nacken- und Armhaare empor, wenn Hundegejaul über die topfebenen Moore in der Dämmerung dringt. Edgar Wallace, Dartmoor, Werwölfe. Unter einem nur das verträumte Säuseln des Vierzylinders, der in regelmäßigem Rhythmus von den Teererhebungen durch die vielen Rohre zur Moor-Entwässerung, die unter der Straße verlaufen, erschüttert wird. Vor einem der Scheinwerfer, der die Nebelschwaden wie Zuckerwatte aufblitzen lässt.Und dann in einem der vielen kleinen Gasthöfe entlang des Kanals Grünkohl und Pinkel genießen, dazu einen Korn. Denn: »Trocken geeht dat nich runter!« Dazu erhält man noch nicht ohne Stolz den Hinweis auf die tiefste Stelle Deutschlands. »Gleich beim Schild Friischee Eier reechts abbiegen.« Dort angekommen, verweist ein Stein mit Inschrift auf das geographische Lowlight. Ungleich unspektakulärer als das Gegenstück, die Zugspitze. Aber es gibt ja auch kein Plus ohne Minus...

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