Nordamerika, Teil 2 Alles nur ein Traum?

Kanada und Alaska – im zweiten Teil ihrer Reportage zieht es Jane und Thomas hoch in den Norden. Die beiden Australier sehnen sich nach der unerschlossenen Wildnis, nach Abenteuer, nach der großen Freiheit – und verzweifeln bisweilen an der Realität.

Foto: Wielecki

Kalifornien, Oregon, Washington. Über den Küsten-Highway treiben Jane und ich die BMW F 650 und R 60/7 rasch in Richtung Kanada. Dichte Wälder flankieren die Strecke bis hoch zur Grenze, und auf halbem Weg passiert man die gigantischen Redwoods, mit bis zu sieben Meter Durchmesser die größten Bäume der Erde. Sattes Grün, dazu dieser intensive Geruch nach Meer – wer drei Monate im wüstenhaften Südwesten der USA zugebracht hat, genießt so einen Tapetenwechsel doppelt intensiv.

Per Fähre geht’s hinüber nach Victoria auf Vancouver Island. Die Einreise nach Kanada zieht sich, weil die beiden optisch inzwischen arg ramponierten Bikes und das Erscheinungsbild der Piloten den Beamten verdächtig vorkommen. Nicht das erste Mal, dass wir wegen dubioser Gesetzesüberschreitungen verdächtigt werden. Während alle anderen passieren dürfen, vermutet man bei uns Drogen und Waffen.

Wir folgen dem Highway 19, der einzigen Straße, die der Länge nach über die Insel führt. Auf halbem Weg zwischen Campbell River und Port Hardy kreuzt urplötzlich ein Bär nur wenige Meter vor uns die Straße. Zum Glück stellt Janes BMW erst kurz darauf ihren Betrieb ein. Kein Licht, kein Zündfunke, nicht einmal ein Klacken im Anlasser. Kanadas Wildnis liegt vor uns, und diese Möhre streikt zum wiederholten Mal. Ich bin kurz davor, die alte F 650 endgültig im nächsten Fluss zu versenken. Die Reparatur – ein defekter Kabelbaum – schlägt mit 873 kanadischen Dollar zu Buche. Nach einer Woche Wartezeit in Campbell River sind wir bereits Stammgäste im örtlichen Kino.

Inzwischen hat das Wetter umgeschlagen. Sturmböen peitschen vom Meer her über das Land, und es gießt wie aus Kübeln. Wir mühen uns bis Port Hardy, wo die Fähre nach Prince Rupert bereits im Hafenbecken wartet. Die Motorräder verschwinden im Bauch des Dampfers zwischen unzähligen Wohnmobilen im XXL-Format, sogenannten RVs (Recreation Vehicles): Häuser auf Rädern, vollklimatisiert, antennenbestückt und mit getönten Panoramafenstern, aus denen wir mit unseren bescheidenen Gefährten mitleidig beobachtet werden. Unsere Befürchtung beim Anblick dieser dicken Dinger sollte sich alsbald bestätigen: Die wenigen Straßen, die sich durch Kanada und Alaska winden, sind im Sommer voll solcher Fahrzeuge, die in endlosen Konvois hoch in den Norden pilgern.

Im strömenden Regen lassen wir Prince Rupert hinter uns. Wenige Stunden später haben Handschuhe und Stiefel bereits vor der Macht des Wassers kapituliert, Brust, Rücken und Beine sind ebenfalls feucht. Im Rückspiegel sehe ich Jane, die einen verzweifelten Kampf gegen das Beschlagen des Visiers und ihrer Brillengläser ausficht, um überhaupt noch etwas von der matschigen Straße ausmachen zu können. Am schlimmsten sind jedoch die vielen Trucks, egal, aus welcher Richtung. Die Fahrer gehen nicht für eine Sekunde vom Gas, und in der Gischt aus flüssigem Schlamm ist für Sekunden überhaupt nichts mehr zu sehen. Bald sind wir über und über von einer graubraunen Schmutzschicht überzogen. Zusätzlich macht uns dieses permanente diffuse Dämmerlicht zu schaffen. Mittag oder Mitternacht – so einfach lässt sich das im Nordsommer nicht definieren. Diesen Umstand quittieren die Körper mit ungewohnter Ruhelosigkeit. Frühstück gab’s heute gegen 16 Uhr, Mittagessen um 23.30 Uhr.

Anzeige
Foto: Wielecki

Am dritten Tag passieren wir die Grenze zum Yukon-Territorium und biegen auf den Alaska-Highway ab. Die ersten blauen Flecken am Himmel! Auf einmal präsentiert sich das Land in seiner vollen Größe: prächtige, bewaldete Hügel bis zum Horizont. Wunderschön. So viel Weite ist nur schwer zu fassen, Jane und ich fahren wie hypnotisiert. Vielleicht sind wir aber auch einfach nur todmüde.

Drei Tage Rast auf dem Zeltplatz von Haines Junction. Jeder auf dem Weg in den US-Bundesstaat Alaska passiert diesen Ort, der im Prinzip nur aus Souvenirshops besteht. Zwei Monate Hochbetrieb: Geschätzte 250 Wohnmobile parken neben unserem Zelt. Einige davon erkennen wir von unserer Fährpassage nach Prince Rupert wieder. Das Durchschnittsalter auf dem Platz muss irgendwo bei 50 Jahren liegen. Mike, ebenfalls Australier und per Motorrad unterwegs, klärt uns auf, dass es erst im September wieder ruhiger wird. »Wer die Einsamkeit sucht, sollte nicht während der Sommerferien hier hoch fahren.«

In einem Rutsch donnern wir nach Anchorage – knapp 700 Meilen. Unsere bisher längste Tagesetappe. Dabei hatten wir nie vor, so lange im Sattel zu sitzen. Wir wollten eigentlich nur bis in den frühen Abend unterwegs sein – vergessen jedoch dabei, dass es einfach nicht dunkel wird. Um drei Uhr am Morgen laufen wir wie Zombies durch Alaskas größte Stadt, überrascht, dass kein Restaurant offen hat.

Auf dem Campground lernen wir Pete kennen, der in einem Wohnwagen am Stadtrand lebt und aus seiner kruden Vergangenheit kein Geheimnis macht: »Mit 15 habe ich einen Mann erschossen.« Detailliert erzählt er, wie die Kugel durch den Mund bis ins Gehirn gedrungen sei. Willkommen in den USA, denke ich mir. Noch bevor unser Zelt richtig steht, taucht Perry auf, dessen Camper nur wenige Meter neben uns parkt. Der Vietnam-Veteran lädt uns spontan zum Frühstück ein und serviert ein verkohltes Stück Rinderherz sowie ein paar Dosen Bier. Ungefragt erzählt er von seinen Kriegserlebnissen. Wie er mit einem Flammenwerfer in der Hand von Haus zu Haus gezogen sei. Oder wie seine Truppe Fußball gespielt hätte – mit den abgeschlagenen Köpfen der Feinde. Und dies, betont Perry, sei nur die lustige Seite des Kriegs gewesen. Die ganze Wahrheit würde er niemandem erzählen können. Jane und ich beschließen, den Zeltplatz zu wechseln.

Ein Abstecher nach Seward hebt unsere Laune indessen ungemein. Der kleine Hafenort liegt eingerahmt von den wahrhaft majestätischen Kenai-Bergen am oberen Ende der Resurrection-Bucht. Doch irgendwie will sich trotz dieser wild eingeschnittenen, fjordartigen Landschaft das erhoffte Alaska-Feeling nicht wirklich einstellen. Es ist zu voll. Hunderte von Anglern sind unterwegs, ringen um die besten Plätze an den Flussläufen, in denen es vor Lachsen nur so wimmelt – am Straßenrand findet sich zwischen all den Pick-ups und Motorhomes nicht einmal mehr ein Parkplatz für die beiden BMW. Die Alaskianer, erfahren wir von einem kanadischen Angler, würden in den zwei Wochen, in denen der Lachsfang freigegeben sei, nur noch fürs Fischen leben. »Combat Fishing« sei die gängige Bezeichnung für das, was da abgeht. Kampffischen.

Zurück auf den breiten Highway, Kurs Fairbanks, wo die beiden Bikes neue Reifen und frisches Öl kriegen. 120 Kilometer nordwestlich der Stadt zweigt der 666 Kilometer lange Dalton Highway ab, der bis Deadhorse nahe der Prudhoe Bay am Arktischen Ozean führt, dem nördlichsten Ort auf dem Kontinent, der per Straße zu erreichen ist. Diese Trasse wurde als Transportweg während der Bauarbeiten für die Trans-Alaska-Pipeline durch die Wälder und die Tundra-Landschaft getrieben und gilt unter Nordland-Fans als letzte große Herausforderung. Warnungen gab’s zuhauf mit auf den Weg. Zuletzt vom Tankwart. Plötzliche Wetterumschwünge, blutrünstige Moskitos, hungrige Bären, rücksichtslose Lkw-Fahrer. Wir sollten stets mit dem Schlimmsten rechnen. »Don’t forget – in Alaska gilt das Recht des Stärkeren.«

Die Wildnis beginnt gleich hinter der Stadtgrenze. Die Fahrt über die teilweise arg holprige Piste entpuppt sich als Tortur im Sattel einer betagten R 60/7, deren Fahrwerk sämtliche Stöße wie ungefiltert an Handgelenke und Rücken weiter gibt. Die erste richtige Pause gönnen wir uns nach 186 Kilometern am Polarkreis. Dahinter schwindet allmählich die Vegetation, kurze Sommer und der Permafrostboden lassen kaum noch Baumwuchs zu. Die Nacht verbringen wir in Coldfoot, dem letzten Truckstop vor Deadhorse, das noch 384 Kilometer entfernt ist. Ob wir für eine so lange Etappe gut genug gerüstet seien, will eine ältere Frau wissen, deren Mann soeben rund 250 Liter Sprit in den Tank ihres riesigen Wohnmobils gefüllt hat. »Yes, Mam.« Ich kann mir ein Schmunzeln allerdings nicht verkneifen – als Australier ist man ganz andere Distanzen ohne Versorgung gewöhnt.

Tags darauf quert die Strecke die Brooks Range. Kurz vor dem 1450 Meter hohen Atigun-Pass weist ein Schild auf den nördlichsten Tannenbaum der USA hin. Eine einsame Fichte im kalten Wind. Tatsächlich empfängt uns hinter dem Gebirgszug nur karges, graues Land, das sich konturlos bis zum Eismeer erstreckt. Schlagartig sinkt die Temperatur – es ist, als führen wir in einen Eisschrank hinein. Die Kälte dringt sofort durch jede auch noch so kleine Öffnung bis auf die Haut; Füße, Hände, Knie, Mund und Nase sind am schlimmsten dran. Dazu das entsetzliche Gefühl, in dieser endlosen Weite nicht voranzukommen. Der Anblick von Deadhorse erscheint da wie eine Erlösung – allerdings nur für einen kurzen Moment. Das einzige Hote inmitten dieser Ansammlung von einfachen Unterkünften für die Arbeiter der Ölgesellschaften verlangt Unsummen für ein Zimmer. Ob es einen Platz zum Campen gäbe, will ich wissen. »Nein, das ist in der Stadt verboten«, erklärt der junge Bursche an der Rezeption. Eine Nacht draußen vor der Stadt würde er mir auch nicht empfehlen. Erst letzte Woche sei ein Pärchen im Zelt von einem Grizzly-Bären getötet worden. Janes entsetzter Blick spricht Bände, und meine Kreditkarte wandert über den Tresen.

Nach einem Spaziergang entlang der Hauptstraße ist klar, dass garantiert niemand wegen diesem Nest bis hierher fährt. Der Weg ist das Ziel. Verkaufsrenner Nummer eins: T-Shirts, mit dem Aufdruck »I survived Dalton Highway«. Die meisten nehmen noch die letzten Meilen bis zum Arktischen Ozean unter die Räder, oder richtiger ausgedrückt: Sie zahlen 35 US-Dollar, um von einem Bus der Ölgesellschaften dorthin gebracht zu werden. Wir verzichten. Unser Trip in den hohen Norden endet unspektakulär vor einem großen Gatter, wo Wachleute uns zur Umkehr zwingen. Beim Tanken bekommen wir die bisher höchste Rechnung während der ganzen Tour präsentiert – und das, obwohl ein Viertel des gesamten Öls der USA direkt vor der Haustür gefördert wird. Rund eine Million Barrel fließt pro Tag durch die Pipeline. Irgendwie hatten wir gehofft, dass der Sprit hier verschenkt wird. Zumindest an arme Motorradreisende, die sich nun wieder auf den langen Rückweg in Richtung Süden machen.

Fünf Tage später: Totalausfall von Janes BMW rund 40 Kilometer vor Whitehorse. Uns bleibt keine andere Wahl, als die lädierte F mit einem Seil hinter den Boxer zu hängen und abzu- schleppen. Erster, gelegentlich auch zweiter Gang, zu mehr reicht die Kraft der alten R 60 nicht. Dieses Manöver dauert sechs Stunden. Die Schadensursache ist in einer Autowerkstatt dagegen schnell ausgemacht: ein verbranntes Auslassventil. Zwei Wochen müssen Jane und ich in Whitehorse ausharren. Weil in Kanada kein Ersatzteil aufzutreiben war, bestellten wir ein Ventil in den USA – welches aus irgendwelchen Gründen acht Tage lang vom Zoll beschlagnahmt wird. In der Zwischenzeit habe ich aus lauter Langeweile meine BMW komplett zerlegt, gereinigt und wieder zusammengebaut.

Anzeige
Foto: Wielecki

Fort Nelson, Dawson Creek, Jasper, Banff. Die Strecke hangelt sich am Verlauf der kanadischen Rockies entlang. Ein atemberaubend schönes Gebirge. Verschneite Bergspitzen, türkisblaue Seen, gewaltige Gletscher, beeindruckende hohe Wasserfälle – die Natur wird in sechs großen Nationalparks wie auf einem Silbertablett präsentiert. Der 285 Kilometer lange Icefield Parkway zwischen Jasper und Banff gilt für viele als die schönste Bergstrecke überhaupt. Die vollste ist es definitiv. Ein einziger Stau. Wir hätten das letzte Ferienwochenende erwischt, erzählt uns ein Ranger am Ufer des Lake Louise, laut Reiseführer die Perle der Rockies. Über eine Milliarde Menschen hätten diesen See im Banff-Nationalpark bis heute besucht. Vermutlich ist Kanada nirgendwo schöner – und nirgendwo besser erschlossen.

Entgegen aller Erwartungen verläuft die Einreise in die USA problemlos. Die prärieartige Weite Montanas verschluckt uns. Wenig Verkehr, kaum ein Ort und so gut wie keine Wohnmobile auf dem Weg hinunter nach Wyoming. Nie hätten wir gedacht, dass uns dieser abgelegene Teil der USA so gefallen würde. Wobei der Sommer mit einem Schlag zu Ende zu sein scheint, was sich an zwei Umständen bemerkbar macht: Die Straßen im Yellowstone-Nationalpark präsentieren sich überraschend leer, und am ersten Morgen im Park wachen wir im Zelt unter einer dicken Schneedecke auf. Das Startprozedere meines Boxers nimmt drei Stunden in Anspruch. Beim Verlassen des Parks kreuzt eine Bisonherde die Straße. Gewaltige Viecher, die langsam im Wald verschwinden, sich wie Bulldozer durch das dichte Unterholz schieben. Nur ein mächtiger Bulle harrt aus, schnaubt erregte Grunzlaute in unsere Richtung, bis die gesamte Herde verschwunden ist. Was bleibt, sind riesengroße Haufen auf dem Asphalt.
Den Ritt durch Wyoming genießen wir wie schon lange keine Etappe mehr. Nichts behindert den Blick in die Ferne, kein Baum, kein Strauch, kein Berg. Nur noch niedriges Gras, das auf den geschwungenen Hügeln der Prärie weht. Flauschige Wolken hängen wie übergroße Wattebäusche am dunkelblauen Himmel. Dubois, Riverton, Casper. Ortschaften am Highway, in denen der Mythos des Wilden Westens noch leibhaftig ist. Cowboys reiten auf Pferden neben den breiten Straßen, jede Kneipe heißt Saloon, und im Wind-River-Reservat bereiten Shoshonen ein Rodeo vor. Irgendwo mitten in Wyoming rechnet Jane aus, dass wir seit Beginn unserer Reise 30000 Kilometer weit gefahren sind. Mit einem Mal zeichnen sich die ersten Umrisse der Black Hills ab.

Eine Weile später steigt die Straße allmählich an, windet sich, flankiert von steilen Felsen, durch einen dichten Wald, bis der Berg auftaucht, in dessen Wand die Köpfe der Präsidenten Washington, Jefferson, Lincoln und Roosevelt gehauen wurden: Mount Rushmore. Wer anhalten und schauen will, wird mit einer Parkgebühr von neun US-Dollar zur Kasse gebeten. Eine Weile lang Kurs Ost, dann lenken wir die Bikes in südliche Richtung Nebraska. Schnurgerade zieht sich der Asphalt durch die schier unendliche Prärie. Ehemaliges Indianerland, durch das einst gewaltige Büffelherden zogen, heute eingezäuntes Farmland, bibelfest und patriotisch. In den wenigen Kleinstädten kaum ein Haus, vor dem nicht die Landesfahne weht. Hölzerne Kirchtürme sind neben riesigen Getreidesilos die einzigen Bauwerke mit mehr als zwei Stockwerken. Die Zeit scheint hier langsamer zu verstreichen. Oder ist irgendwann in den Sechzigern stehen geblieben. Wir fahren durch das Amerika, das wir aus so vielen Filmen und Büchern kennen und auf das wir ebenso neugierig waren wie auf die Wildnis Alaskas.

Im Zentrum von Grand Island spüren Jane und ich viele neugierige, gleichzeitig aber auch freundliche Blicke im Rücken. Touristen kommen anscheinend nur selten vorbei. Und verpassen so die genialen Hamburger im Truckstop. Die besten bis jetzt. Eigenartig, dass es uns hier so gefällt, dass die Erlebnisse in Kanada und Alaska rasch in den Hintergrund treten. Und dass wir uns dort am wohlsten fühlen, wo wir es nie erwartet hätten.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel