Norddeutschland (2)

Foto: Daams
Ein Bus hupt. Der Doppeldecker für die Hafenrundfahrt. Schichtwechsel im Treffpunkt Kaiserhafen. Werftarbeiter nehmen die frei gewordenen Plätze ein, Lkw-Fahrer aus dem nahen Containerterminal, Matrosen aus Asien, US-amerikanische Crewmitglieder, auf deren Jacken „Pride of America“ zu lesen ist. Man ist wieder unter sich.

Die Aprilia schlägt einen Haken um die Lloyd-Werft. Schiffsbau seit 1857. Riesige Lagerhallen, ein Schwimmdock, gewaltige Kräne. Die „Queen Elizabeth 2“, die „Europa“, die „Norway“ und die „Norwegian Sky“ liefen in Bremerhaven vom Stapel oder wurden hier wieder in Stand gesetzt. Die „Pride of America”, das vorerst letzte Großprojekt, fertig zum Auslaufen. Als schwimmende Hotelstadt für Luxuskreuzfahrten überragt der modern gestylte weiße Riese sämtliche Hafenbauten. Made in Bremerhaven als weithin sichtbares Gütesiegel. Die Zukunft der Werft ist dennoch ungewiss, schon mehrmals drohte das Aus. Einst waren hier über 10000 Arbeiter beschäftigt. Der Hafen profitierte von einer gewaltigen Auswanderungswelle in die Neue Welt, die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, der Schiffsbau florierte. Heute sind auf der Werft gerade noch 530 Personen angestellt. Der weltweite Wettbewerb hat deutliche Spuren hinterlassen.

Quer durch die Stadt geht’s in Richtung Norden. Die Aprilia braucht dringend Auslauf. Vorbei an der Amüsiermeile, Candy’s House, Happy Midnight Bar II, Club Kristall. Neonreklamen an heruntergekommenen Fassaden, Müll vor den Türen, besten-falls drittklassiges Rotlicht-Ambiente. Schnell noch ein Kaffee am Kiosk. Zwei Asiatinnen aus dem „Mai Thai Club“ schielen herüber, lachen, widmen sich wieder einem Kampfhund, der wie verrückt an der Leine zieht. „Jungs, haut ab. Fotos mögen wir hier nicht!“ Trainingsanzug im XXL-Format aus heller Ballonseide – das Herrchen vom Hund und beide in Habachtstellung. Eine Szene wie in einem Western. Zeit, die Stadt zu verlassen.
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Foto: Daams
Kurven zwischen Wremen, Dorum und Cuxhaven? Allenfalls ein leichter Knick. Die Straße eingefasst zwischen Deich und sattgrünem Weideland. Mächtige Bauernhäuser mit herausgeputztem Fachwerk und tief herunter gezogenen Reetdächern tauchen auf. Gärten, so groß wie Fußballfelder. Eine Auffahrt führt über den Deich, und der Weg endet vor dem Watt. Ab und zu blitzt die Sonne durch die schnell dahinziehenden Wolkenfetzen und liefert in diesen kurzen Momenten überraschende Lichtreflexe, wenn sich die Strahlen in den vereinzelten Wasserpfützen spiegeln. Leuchtende Punkte bewegen sich draußen im Schlick. Spaziergänger in Ostfriesennerzen, den in dieser Gegend obligatorischen gelben Regenmänteln. Strandkörbe halten als Logenplatz für ein einmaliges Schauspiel her. Von hier aus wandert der Blick haltlos bis zum Horizont. Es ist dieser Himmel, der den Norden so gewaltig erscheinen lässt, der aus jedem noch so belanglosen Gegenstand etwas Besonderes macht. So imposant die Alpen auch sein mögen – mit der unglaublichen Großzügigkeit dieser Landschaft können sie nicht mithalten.

Cuxhaven an der Elbe. Gediegenes Ambiente. Ein Seeheilbad, das gut vom Tourismus lebt. Drei Millionen Übernachtungen im letzten Jahr, mehr als in jedem anderen Kurort der Republik. Geschätztes Durchschnittsalter der Besucher: 60 plus. Andere Motorradfahrer? Fehlanzeige. Plattdeutsche Seemannslieder berieseln mich beim Tanken. Plakate verraten, dass demnächst der Musikantenstadl gastiert. „Moin.“ Die Begrüßungsformel für morgens, mittags und abends. Mit Fischerhemd, blauem Troyer und Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf bedient der Tankwart auch sonst jedes Klischee. Zum Hafen? „Hinterm Zentrum.“ Marschmentalität. Kein Wort mehr als nötig. Die Aprilia passiert „Feuerschiff Elbe 1“, rollt an ewig langen Hallen für die Fischverarbeitung vorbei, gelangt zum leuchtend roten Dock der Mützelfeldtwerft. Alter und neuer Fischereihafen, Amerikahafen, Freihafen. Zwei Schlepper liegen vertäut an den Kaimauern, die vielen Kräne verharren vollkommen bewegungslos am Rand der verwaisten Hafenbecken. Eine Fahrt wie durch ein Industriemuseum. Rückzug nach Bremerhaven. 40 Kilometer über die A 27. Kein Tempolimit, kein Verkehr, keine Kurven. Heftige Windböen von rechts sorgen dennoch für abartige Schräglagen. Die Propeller der riesigen Windkraftwerke rotieren im Grenzbereich.

Ein Euro für einen Pott Kaffee, einssiebzig für ein üppig belegtes Brötchen. „Kiosk Weserschlösschen“ in Blexen lockt hungrige Frühaufsteher nach kurzer Fährfahrt über die Weser mit einem unschlagbaren Preis-LeistungsVerhältnis. Birkenalleen säumen die Strecke über die wenig bewohnte Halbinsel Butjadingen weiter bis Langwarden. Leere Straßen, die im rechten Winkel zueinander verlaufen, die feuchten Weiden und Wiesen von unzähligen Kanälen und Flüssen durchzogen. Der Entwässerung wegen. Kühe, Schafe und Menschen würden sonst früher oder später im Sumpf versinken. Norddeutsche Provinz. Stammtischbrüder in Tossenserdeich erteilen Nachhilfe in Plattdütsch. „Köm un Beer“ heißt Kümmel und Bier und werde „bi de Dorpslüüd“, den Dorfbewohnern, ausnahmslos in dieser Reihenfolge getrunken.

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