Norddeutschland Den Bach runter...

Wirtschaftsflaute und weltweiter Strukturwandel haben Deutschlands Norden massiv gezeichnet. Umso tragischer, wenn’s die eigene Heimat ist.

Foto: Daams

Früh am Morgen im Hafen. Die Aprilia rollt an endlos lang erscheinenden Lagerhallen entlang. Das rechtwinklige Straßennetz, der Museums-Trawler Gerda, der permanente Geruch nach Salz und Fisch – alles so vertraut wie das Schreien der Möwen, das im nächsten Moment vom tiefen Horn eines Dampfers übertönt wird. Die würzige Seeluft sorgt für einen klaren Kopf, der dankend realisiert, dass vieles beim Alten geblieben ist. Historisches Mauerwerk aus dunklem Backstein für die Fischverarbeitung rund um die Uhr. Zumeist Familienbetriebe mit Direktverkauf von geräuchertem Aal, Scholle und Kabeljau. Äußerlich widersetzt sich Bremerhavens Fischereihafen hartnäckig der Moderne. Wirtschaftlich hält man sich im großen Stil mit Fischstäbchen über Wasser: 70000 Tonnen pro Jahr für Käpt’n Iglu und Co aus der weltweit größten Fabrik für Tiefkühlfisch. Von dieser zweifelhaften Delikatesse einmal abgesehen – es tut gut, endlich einmal wieder daheim im Norden zu sein.

Zehn Minuten später. Heringstraße, Ecke Lunedeich. „Schon mal was vom Fischereihafenrennen gehört?“ Roter Truck, freundlicher Fahrer. Uwe Wenta schielt vom hohen Sitz des Sattelschleppers hinunter auf die kantige Italienerin mit fremdem Kennzeichen. Termindruck? Auf ein paar Minuten Klönschnack unter Bikern käme es nicht an. Hauptsache, er sei heute Abend in Stuttgart. Und morgen zurück am Meer. Ein Leben ohne Deich? „Nee, lass man.“ Ohne das jährliche Rennen im Hafen schon gar nicht. Das „Monte Carlo des Nordens“ – die Erinnerung schlägt einen Salto. Pfingsten 1979. Showdown in Fishtown für die Vollgasfraktion, die es sich auf dem engen Kurs zwischen den Lagerhallen dermaßen besorgt. Kopfsteinpflaster, Schienen, keine Auslaufzonen. Der völlige Wahnsinn. Die Zuschauer – ganz dicht dran, nur durch Strohballen von der Strecke getrennt. Mittendrin ein Sechzehnjähriger, angereist auf einer brandneuen, roten Yamaha DT 50 M. Mit 2,9 PS gegen den Nordseewind in die Freiheit, die Eltern im 80 Kilometer entfernten Heimatort ahnungslos, welcher Virus sich bei ihrem Jungen da gerade einnistet.

Zurück im Hier und Jetzt. Georgstraße, schließlich Columbusstraße. Zerschundener Asphalt auf dem Weg ins Zentrum. Mausgraue Häuserfronten, renovierungsbedürftige Altbauten, auffällig viele leer stehende Ladengeschäfte. Die Stadt – seit dem Abzug der in der Nähe stationierten US-Army gegen Ende der Achtziger rapide gealtert. Die lässigen Boys hatten mit den Taschen voller Dollars als Wirtschaftsfaktor gesorgt. Einen Hauch von großer weiter Welt gab’s als Dreingabe. Dass hier die wildesten Partys gefeiert wurden, hatte sich bis zu uns aufs Land herumgesprochen. Gelegentliche Streifzüge waren die Folge. Der Musik wegen. Frisch importierter Soul und Funk. Die Neue Deutsche Welle hatte bei mir nie eine Chance.

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Foto: Daams

Drei hoch aufragende Wohnblocks markieren beim Museumshafen die Stadtmitte, dominieren die Silhouette. Dröge Bauten im Neue-Heimat-Stil, die Schiffschornsteinen nachempfunden sind. Vom Dach des Columbus-Centers dürfte die Aussicht dafür genial sein. Weser und Wattenmeer als silbrig glänzende Fläche, die spiegelgleich die vom Wind gehetzten Wolken reflektiert. Die ersten Sonnenanbeter zieht es inzwischen zum gegenüber-liegenden Strandbad. „Daran erkennt man Touristen. Oder die, die keine Arbeit haben.“ Stefan, Mitte 30, Schnauzbart, hellblauer Trainingsanzug. Seine Hand fühlt über den Tank der Aprilia. Seit Harz IV käme nur noch ein Golf I in Frage. Ob ich wüsste, dass die Arbeitslosenquote in Bremerhaven inzwischen bei 21,5 Prozent liegen würde? „Wir sind schlimmer dran als viele Gebiete in den neuen Bundesländern.“ Man müsse nur auf die vielen leer stehenden Wohnungen achten.

Beim Zollamt links ab in die Franziusstraße. Wenige Gasstöße genügen, um in den Überseehafen zu gelangen. Ein riesiger, unförmiger Schiffslaib spuckt fernöstliche Automobile aus. 2000, vielleicht 3000 Stück in wenigen Stunden, die wie ferngesteuert in langer Reihe über das weitläufige Areal flitzen. Neue Fracht wartet bereits. Deutsche Karossen für den internationalen Markt.

„Macht bei rund 1200 Schiffsladungen pro Jahr über eine Millionen Fahrzeuge, die hier im Auto-Terminal umgeschlagen werden.“ Peter Janßen ist Rentner und kennt sich aus. Er verbringt mehr Zeit im Hafen als daheim. Da drüben, das sei die Norway. Sein Blick richtet sich auf einen blauweiß gestrichenen Luxusliner. „Stapellauf 1960, 312 Meter lang, Platz für 2500 Passagiere und über 1000 Mann Besatzung.“ Der Pott würde nach zwei Jahren Liegezeit demnächst nach Malaysia auslaufen, vermutlich, um abgewrackt zu werden. „Eine Schande ist das bei einem so schönen Schiff!“ Die Aprilia stoppt direkt vor dem mächtigen Bug. Gänsehaut. Das Kind im Manne regt sich. Zur See fahren kam noch vor Lokomotivführer.

„Einmal Labskaus für alle!“ Treffpunkt Kaiserhafen – die letzte Kneipe vor New York. Eine Reisegruppe entert das bis in jeden Winkel mit ausgefallenen Souvenirs ausgestattete Hafenlokal in Sichtweite der Norway. Bayerische Mundart zwischen Schiffsmodellen, alten Taucheranzügen, Galionsfiguren, unzähligen maritimen Gemälden. Die Wände seit Jahren von Schiffsbesatzungen aus aller Welt als Gästebuch genutzt. Weil die Besucher daheim im Süddeutschen etwas erzählen wollen, kommt eben nur echte Seemannsnahrung in Frage: gepökeltes Rindfleisch, eingelegte Rote Beete, Salzgurken, Zwiebeln und Matjes. Im Fleischwolf zu einer unansehlichen Masse vermengt. Manche brauchen danach wirklich einen Schnaps.

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