Nordengland Meilen und Moore

Geheimnisvolle Moore, einsame Gebirge und fjordartige Seen: Der Lake District in Englands Norden bietet für Motorradfahrer eine interessante Kombination aus Menschenpause und Top-Tourenrevier.

Es ist zehn Uhr abends, als ich mit der Honda CB 750 durch den Lake-District-Nationalpark rolle. Die einzigen Weggesellen sind Schafe, die sich im fahlen Dämmerlicht wie Sommersprossen über die Berge verteilen. Ansonsten ist es hier so einsam wie im 18. Jahrhundert, als das uralte Gebirge im Nordwesten Englands noch als unwirtlich und furchteinflößend galt. Bis Dichter wie William Wordsworth die herbe Natur ihrer Heimat gesellschaftsfähig machten, hielt sich kein vernünftiger Mensch in diesen Bergen auf. Es sei denn, irgendwelche Widrigkeiten zwangen ihn dazu und er musste dorthin.Bald wird die Straße so schmal, dass ein Auto – sollte tatsächlich mal eins entgegenkommen – auf das löchrige und von Felsen gesäumte Bankett ausweichen muss. Mitten im Nirgendwo taucht eine britisch-rote Telefonzelle auf, daneben ein kleiner Schilderwald: Hardknott-Pass!, Achtung: 30 Prozent Steigung!, Enge Straße!, Extreme Kurven!, Die Warnungen verdrängen die Müdigkeit, die durch die lange Anreise wie Blei in den Knochen steckt. Seit Stunden sitze ich nun im Sattel der guten alten Siebenfünfziger: Über Manchaster nach Lancaster, dann quer rüber in die Cumbrian Mountains, in denen die Bergsträßchen mit jeder zurückgelegten Meile abenteuerlichere Windungen aufweisen. Obwohl kaum mal 400 Meter hoch, bietet der Hardknott-Pass fahrtechnisch interessantere Schnörkel als so mancher Alpenübergang. Und der Blick von der Passhöhe ist auch nicht zu verachten: Im Norden prangen die Konturen des Scafell Pike, Englands höchstem Berg, westlich glitzert die Irische See, und davor zeichnen sich an der Küste die Türme von Muncaster Castle wie ein dunkler Scherenschnitt am Himmel ab. Windböen fegen über die schier endlose Hochebene zwischen Hardknott- und Wrynose-Pass, der Mond schaut zwischen vorüberziehenden Wolkenfetzen hervor. »Meidet das Moor«, lautet der gut gemeinte Ratschlag in allen mir bekannten Werwolf-Filmen . Und meist befinden sich die Hauptdarsteller dann schon mittendrin. So wie jetzt. Die Honda und ich jagen durch das gespenstisch erleuchtete Hochmoor, als sei eine blutrünstige Bestie hinter uns her.Noch ein paar extreme Haarnadelkurven am Wrynose-Pass, dann rücken die ersten Farmhäuser von Langdale in Sicht. Zwei Ecken weiter, das bereits heiß ersehnte Pub: »The Three Shires Inn«. Als ich eintrete, verfliegen die schaurig schönen Werwolf-Gedanken so schnell wie sie gekommen sind. Statt verschrobene Einsiedler in düsterer Kneipen-Atmosphäre treffe ich die feine englische Gesellschaft an, die in noblem Ambiente gebratene Keule vom Lakeland-Lamm zu sich nimmt – das Dinner für satte 35 Euro.Fakt ist: Der Lake District, so verlassen er bisweilen auch wirken mag, zählt zu den beliebtesten Ferienzielen der Briten. Als ich am nächsten Morgen zu einer Runde über Ambleside, Windermere und Hawkshead starte, wird schon nach wenigen hundert Metern klar, dass sich begnadete Landschaftsgärtner in dieser Region ausgetobt haben müssen. Am Fahrbahnrand fliegen üppige Rhododendron-Wälder vorbei, die wie violette Plüschkissen in einer tiefgrünen Parklandschaft wirken. Hortensien und Narzissen blühen in den weitläufigen Gartenanlagen elisabethanischer, gregorianischer und viktorianischer Herrensitze um die Wette. Die schroffen Bergregionen der Cumbrian Mountains, wo die Natur noch sich selbst und ein paar tausend Schafen überlassen ist, sind als imposante Silhouette in den Hintergrund gerückt.In Ambleside färbt sich der Himmel erst silbergrau, dann schwarz. Als die Gewitterfront polternd näher rückt, wirken die kleinen, schiefergedeckten Steinhäuser wie mit glänzenden Fischschuppen überzogen. Ein paar Tropfen fallen auf blumengeschmückte Fenstersimse, dann flüchten die Regenwolken zum nächsten Hügel. Ihre Schatten ziehen eilig hinterher. Kein Wunder, dass der Dichter Wordsworth, der einst im nahe gelegenen Rydal Mount lebte, bei solch dramatischen Naturschauspielen zu kreativer Höchstform auflief.Von seinem Arbeitszimmer konnte er direkt auf Rydal Water schauen, einen von zehn großen und über einem Dutzend kleiner Seen im Lake District. Eine Aussicht, die man stundenlang genießen könnte, wären da nicht diese genialen Motorradstrecken auf dem Land dazwischen. Kaum breiter als die mit Satteltaschen bestückte Honda, bieten sie perfekte Links-rechts-Kombinationen in Verbindung mit extremen Steigungen und Gefällen. Das ist Fahren in der dritten Dimension! Während die Dampfschiffe auf dem Lake Windermere geruhsam ihre Bahnen ziehen, flitze ich mit der Honda über das schmale Asphaltband im Hinterland, mit einem Kitzeln in der Magengruppe wie sonst nur beim virtuellen Kurventraining am PC. Erst am Ufer des Esthwait Water lege ich eine Pause ein. Als ich durch den Schilfgürtel zum See hinunter gehe, gerät die Welt für einen Moment aus den Fugen. Der Haubentaucher taucht erschreckt unter die Wasseroberfläche, ein Reiher flüchtet sich krächzend in die Luft, eine Entenfamilie paddelt zeternd vorbei. Es duftet nach wildem Knoblauch, der hier zwischen steinalten Eichen- und Ahornbäumen gedeiht. Nach einer Weile kehrt Ruhe ein. Ein Kanufahrer, der mit leisen Paddelschlägen vorübergleitet, bleibt völlig unbeachtet von den Gefiederten. Keswick, Buttermere, Loweswater. Nach Nordwesten hin tauchen hin und wieder kleine Ortschaften auf, umgeben von Wiesen, Wäldern und Weideland. Große Städte haben im Lake District nie eine Rolle gespielt. Geschweige denn breite Straßen. Auf »für Busse ungeeigneten« Wegen kurve ich durch die Berge, erlebe eine Weite und Einsamkeit, wie sie in Europa selten anzutreffen ist. Von Geröllfeldern überzogen, tief ausgekerbt und geschliffen durch eiszeitliche Gletscher, war dieses nordische Gebirge schon existent, als die erdgeschichtliche Entwicklung der Alpen und des Himalaya noch in den Kinderschuhen steckte. Zwei Schwäne ziehen mit langsamen Flügelschlägen über mich hinweg, am Crummok Water taucht sogar ein Kormoran auf.Vor dem beißenden Geruch, der sich zur Küste hin über die Landschaft legt, scheinen selbst die Berge zu kapitulieren. Einer nach dem anderen verschwindet im Rückspiegel, zurück bleibt eine weite Ebene. Vor mir liegen die alten Industriezentren Workington und Whitehaven, kleinere Ableger der Industrieballungsgebiete von Manchester und Liverpool im Süden. Die qualmenden Schornsteine, die Arbeitersiedlungen und Fabrikgebäude wirken unwirklich und wie Fremdkörper. Die Naturidylle des Lake Districts hat mich offenbar vergessen lassen, dass von Englands Norden einst die industrielle Revolution ausgegangen und von hier bis tief ins kontinentale Europa hineingesickert war. Eilig biege ich auf die Küstenstraße ab, in der Hoffnung, dass sich die Landschaft mit der Krise der Schwerindustrie in Richtung Süden schon etwas verändert hat. Treffer! Bereits nach wenigen Kilometer stoße ich auf die Kühltürme der atomaren Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Eine Gegend, in der man zwar keine Werwölfe, aber womöglich Kälber mit zwei Köpfen sehen kann. Besorgt, der CB 750 wachse gleich ein fünfter Zylinder, nehme ich den nächsten Abzweig hinauf in die Berge.Zurück in Ambleside halte ich mich Richtung Kirkstone-Pass und kurve über Penrith und Alston in die Nord-Pennines. Auf dem Weg nach Middleton-in-Teesdale regnet es so stark, dass man befürchten muss, den umherziehenden Schafen verschimmele die Wolle bei lebendigem Leibe. Englisches Roulette: Die Chance, einen der 290 Regentage zu erwischen, die der knapp 900 Meter hohe Gebirgszug im Jahresdurchschnitt zu verzeichnen hat, liegt statistisch bei 80 Prozent. Sturmböen fegen über die tundraähnliche Moorlandschaft, die nie zum Nationalpark erklärt wurde und dennoch zu den unberührtesten Gebieten Europas zählt. Wie ein riesiger schwarzer Schwamm saugt die von Rissen und Spalten durchzogene Torfschicht den Regen in sich auf und nährt eine seit 10 000 Jahren fast unveränderte Pflanzenwelt. Als der Regen allmählich durch den Jackenkragen dringt, kommt nun doch ein klein wenig Freude auf über die Auswirkungen der industriellen Revolution. Immerhin hat sie dazu geführt, dass man in Momenten wie diesem ein schnelles Motorrad unterm Hintern hat. In Kirkby Stephen ist der Regenspuk zu Ende. Das Eden-Tal präsentiert sich ganz namensgemäß in paradiesischem Sonnenschein, und ich wage bei Nateby einen erneuten Schlenker in die Berge. Das erste Schaf, das mir auf meinem Weg nach Osten begegnet, erscheint mir fast schon wie ein enger Vertrauter. Ohne die wolligen Vierbeiner würde es hier oben in den Yorkshire Dales sicher einsam werden. Meilenweit entdecke ich auf meinem Weg nichts als Weiden, Bäche, Hügelketten. Hin und wieder tauchen verlassene Gehöfte auf, Steinbrücken, Mäuerchen und Umfriedungen, die aussehen wie die Filmkulisse zu Macbeth.Als ich kurz vor Richmond die kleine Ortschaft Reeth erreiche, ist es schon Nachmittag und die klassisch-britische Tea Time steht unmittelbar bevor. Rund um den akkurat gestutzten Rasen des Dorfplatzes zähle ich denn auch sechs Tea Rooms. Und schon der erstbeste passt: Bistrotische, Spitzendeckchen, rosa Nelken und Schleierkraut – genau das richtige Ambiente nach einem Trip durch Hochmoore und Weideland. Unschlüssig studiere ich die Karte: Earl Grey, Indischer Darjeeling, Assam Earl Grey, Darjeeling Yorkshire – bestelle mir dann doch lieber eine heiße Schokolade. Zum Entsetzten meiner Tischnachbarin, die mit einem Stück Zitrone ihr alltägliches Teeritual zelebriert. Das Gespür für feine Sitten scheint mir in den rauen Bergen abhanden gekommen zu sein. Aber was soll’s: 185 Millionen Tassen Tee, die die Briten laut Statistik täglich konsumieren, sind schließlich genug. Ich verlasse Reeth und rausche über die Landstraße nach Richmond, eine mittelalterliche Stadt mit normannischer Burg, schiefen Häusergiebeln, Kopfsteinpflaster und historischem Marktplatz. Interessiert betrachte ich die Auslagen der Stände, deren Repertoire sich vom Apfelkuchen über das Schiff in der Flasche bis zum Mobiltelefon mit integriertem Moorhuhnspiel erstreckt. Schräg gegenüber positioniert sich gerade eine uniformierte Schulklasse in Reih und Glied vor der Bushaltestelle. Nicht weit davon klaubt ein Hundebesitzer die Notdurft seines Rauhhaardackels vom Rasen, um sie in einem der »Dog Waste«-Behälter, die an jeder Ecke stehen, zu entsorgen. Die Menschen hier scheinen die perfekte Ordnung zu zelebrieren, während der Wind oben in den Bergen ungebändigt über die Landschaft fegt. Nein, lieber wieder raus aus der Stadt und ihrer Reglementierung. Nach Südwesten, in den Yorkshire Dales Nationalpark, wo der Kot der Schafe unbehelligt auf der Straße vermodert. Und wo es zu wenig Menschen gibt, als dass Behälter für »Sheep Waste« für ihr Wohlergehen erforderlich wären.

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