Nordkap (2)

Foto: Schulz
Torsten holt noch ein Bier aus dem Auto. „Ist der Fjord echt so toll?“ Ja! So tiefblau zwischen den senkrechten Felsen gehört er zu den Bildern, die du nie mehr vergisst. Dann fängt er von seiner Heimat zu erzählen an. Lappland, wo die Natur auf Sparflamme koche, die Sonne im Sommer nicht untergehe und von November bis Januar ums Verrecken nicht auf. Kalt bis ins Mark seien die Winter dort, und deshalb von so bitterer Einsamkeit geprägt, dass er sie eines Tages nicht mehr aushielt. „Und wenn du dann keinen Job hast, ist Schluss.“

„Jetzt lebt er im Auge des Hurrikans“, prustet Carina. „Mit mir und meinem Souvenirladen an der N 45 bei Östersund.“ Wir könnten uns nicht vorstellen, was sie dort alles vertickten. „Original Elchscheiße, zum Beispiel. Die Touristen fahren voll drauf ab.“ Und wenn gerade keine aufzutreiben sei, egal, „dann verkaufen wir eben irgendwelchen anderen Mist. Kommt doch einfach auf eurem Rückweg vorbei.“

Die Schweden schlafen noch, als wir Richtung Trondheim aufbrechen. Jetzt beginnt unser eigentliches Experiment: der weite Weg durch Norwegen – ohne E 6. Dieser trostlosen, über 2000 Kilometer langen Verbindung von Oslo nach Olderfjord, auf der Sommer für Sommer eine endlose Karawane aus Wohnmobilen und Bussen ans Nordkap walzt. Die schleichende Pest des Nordens und pures Gift für engagierte Biker. Wer hier die Nerven verliert, hängt kurz danach garantiert in einer Radarfalle und steckt das Bußgeld seines Lebens ab.
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Foto: Johann
Elf Landkarten sollen uns vor der E 6 bewahren. Bis hierher kein Kunststück, dank etlicher Alternativrouten. Ab Åndalsnes aber wird’s verzwickt. Die Strecke über Langfjorden, Tingvoll- und Stangvikfjorden sieht nach heilloser Verzettelung aus. Mit etwas Glück könnte der mautpflichtige „Bomveign“ bei Istfjorden allerdings den Durchbruch nach Sunndalsøra bringen. Als wir eine Stunde, drei Viehgatter und zwei Flussdurchfahrten später auf einer sumpfigen Wiese vor einer Felswand stranden, wissen wir, dass dies keine Abkürzung zum Kap ist.

Zurück. Neuer Plan. Am Fähranleger von Åfarnes fängt das Gebastel an einem umfangreichen Roadbook an: zielsicher zum Trondheimfjord. Die fadendünne 660 bis Eidsvag, dort rechts. In Sunndalsøra auf die RV 70. Vor Vognill links! Über Å auf die 700, 701, 65 bis Orkanger. Gut 350 Kilometer für deren 140 Luftlinie. Mit Effektivität, so viel steht fest, hat die E-6-Vermeidungsstrategie wenig zu tun.

Es ist 20 Uhr, als das Ortsschild „Å“ auftaucht – das Kaff heißt wirklich so. Einkaufen! Vor lauter Fahren voll vergessen. Die Sonne hängt ja stundenlang auf Halbacht. Zum Glück hat Å eine gut ausgestattete Tankstelle. Gerade ist ein Starterset für Angler im Angebot. 199 NOK inklusive Köder, macht 26 Euronen. Wir überlegen ernsthaft, doch wer sollte die armen Kerle dann umbringen? Lieber wieder Spaghetti und Thunfisch aus der Dose. Sämtliche Taschen bis zum Anschlag gefüllt, gehen wir auf Küstenkurs. Nur dort gibt’s nordwärts vor der E 6 ein Entkommen. Keine Ahnung, wie lange das gut geht, die norwegische Westküste ist zerklüftet wie das Milchzahngebiss eines Zweitklässlers. Schlagartig sind die letzten Wohnmobile verschwunden. Keine Zeltplätze, keine Nachtangler, überhaupt niemand mehr. Ob hier wirklich eine Fähre nach Brekstad ablegt? Jawohl. Zusammen mit zwei schraddligen Chrysler-Vans und einer brüllenden Z 1000 warten wir aufs letzte Schiff. Bleierne Einsamkeit in Brekstad, dem letzten größeren Posten vor der Westküste. Geschlossene Tankstellen, trostlose Kneipen. Irgendwo finden wir noch eine muffige Hütte, mit verlebter 60er Jahre-Kunstledercouch, aber bollernder Heizung. Es ist verdammt kalt geworden.

Alle Karten auf den Tisch! Jetzt gilt’s. Gibt es eine machbare Route zwischen den unzähligen Fjorden? Offenbar. Die kleine 715 aus der Provinzstraßenliga. Konsequent arbeitet sie sich um die Gewässer herum. Sie gehört uns. Hart an der Wasserlinie entlang segeln wir zwischen dem fast unwirklich blauen Nordatlantik und den rundgeschliffenen Felsen des Festlands. Im klaren Küstenlicht die messerscharfen Konturen: Bilder, Farben, Formen wie aus einer anderen Welt. Droge Natur.

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