Nordwest-Spanien (2)

Foto: Deleker
Ich packe die Karte aus und suche nach tiefer gelegenen Pisten, die nicht wieder im Schnee zu verschwinden drohen. Aber nicht etwa die Wege ziehen mich magisch an, sondern die blaue Fläche auf der Karte – der Atlantik. Kaffee am Meer statt XT im Schnee? Ein prickelnder Gedanke. Zwei Stunden später macht die Yamaha Pause unter einer Palme und ich in einem Strandcafé am Atlantik. Dunkelblaues Wasser, tiefblauer Himmel, 25 Grad im Schatten. Habe ich nicht eben noch im Schnee festgesessen?

Für den Rückweg nach Potes finde ich in der Karte eine Strecke, die weit hinauf in die Berge führt. Diesmal in Nord-Süd-Richtung und somit deutlich von den schattigen Nordhängen entfernt, wodurch die Sonne bessere Chancen hat, die weiße Pracht zu schmelzen. Zwei Stunden Kurven schwingen vom Meer bis hinauf nach Sotres an der Nordseite der Picos. Dort zweigt der Weg über die Berge nach Espinama ab. An der Kreuzung stehen vier englische Biker mit dicken, mehrzylindrigen Reiseenduros. Allerdings kommen die Jungs nicht von Espinama, wie ich gehofft hatte, sondern sind gerade im Begriff umzukehren. Ich kann sie nicht überreden, gemeinsam die Piste zu versuchen, sie murmeln etwas von zu viel Gepäck. Warum ihre Motorräder wohl „Adventure“ oder „Varadero“ heißen?

Egal, ich will jedenfalls Schotter. Die schmale Spur holpert im weiten Tal bergwärts. Ab und an eine Steilstufe, die den ersten Gang fordert, sonst tut es auch der zweite. Mehr geht aber nicht. Für die imposanten Kalkfelsen beiderseits des Tals habe ich keinen Blick frei, die Piste ist anspruchsvoller, als erwartet. Dicke Steine, ausgewaschene Rinnen, schmierige Felsplatten, steil und geil. Und völlig legal zu fahren. Und schneefrei. Noch. In einem langen Bogen folgt der Weg einem grünen Grat, hält direkt auf eine verschneite Nordwand zu. Kein Mensch ist zu sehen, nur ein paar Ziegen.
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Foto: Deleker
Der Höhenmesser zeigt 1700 Meter, als ich den höchsten Punkt erreiche. Pause und genießen. Mir ist mächtig warm geworden, der XT ebenfalls. Die Abendsonne setzt die gewaltigen Berge ins beste Licht, mahnt mich indes auch, nicht zu lange zu warten. Wer weiß, was noch kommt, bevor es dunkel wird. Und tatsächlich, kaum einen Kilometer weiter stoppe ich vor einem etwa 20 Meter breiten Schneefeld, das von zwei tiefen Reifenspuren geteilt wird. Eine verdammt weich und nasse Masse. In den Spuren kann ich unmöglich fahren, doch ans Umkehren will ich nicht denken. Also durch! Fünf Meter Anlauf, mehr geht nicht. Tief durchatmen. Erster Gang, Vollgas und Kupplung kommen lassen, los. Der Schnee saugt die XT geradezu auf, die Räder tauchen blitzartig bis zu den Achsen ab, der Vortrieb sinkt gegen null. Ich springe ab, versuche gleichzeitig zu schieben und am Gas zu bleiben, zentimeterweise buddeln wir uns zum rettenden Ende des Schneefelds durch – und schaffen es! Puh, erschöpft lasse ich die Arme sinken, das war knapp.

Jetzt reicht es endgültig mit dem Schnee, schließlich war Frühling angesagt! Ich entschließe mich dorthin zu fahren, wo es garantiert keinen gibt: noch einmal zum Meer. Immer nach Westen, so weit es geht. 700 Kilometer durchs Landesinnere, durch eine überraschend einsame und bergige Landschaft. Stundenlang folge ich kleinen Teerstraßen entlang der Cordillera Cantábrica in Asturien und Galicien, genieße das wunderbare Frühlingswetter und staune über 2000 Meter hohe Pässe, von denen ich noch nie gehört habe. Einfach nur fahren. Ohne Zeitplan und Hektik. So lange, wie die Lust reicht.

Je näher ich Santiago komme, desto öfter begegnen mir große, blaugelbe Schilder am Straßenrand, „Camino de Santiago“, der Jakobsweg. Der berühmte Pilgerweg (siehe auch Kasten auf Seite 154) endet in Santiago de Compostela, einer der schönsten Städte des Landes. Das Leben pulsiert rund um die imposante Kathedrale im Centro historico. Enge Gassen, gemütliche Restaurants und Eiscafés unter alten Arkaden, windschiefe Häuser mit hölzernen Balkonen und viele Jakobsweg-Pilger. Einige sind sogar zu Fuß gekommen, waren Wochen oder gar Monate unterwegs, und vielen sind die Strapazen anzusehen. All das gehört zur einzigartigen Atmosphäre Santiagos.

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