Nordwest-Spanien (3)

Foto: Deleker
Zwei Tage fesselt mich die Stadt, dann locken die Strände der Westküste. Schon früh morgens spüre ich, dass ein perfekter Tag auf mich wartet. Das nächtliche Gewitter hat die Luft gereinigt und diese einzigartige Kombination aus Wärme und Feuchtigkeit zurückgelassen, die sich so angenehm auf der Haut anfühlt. Der würzige Duft von Eukalyptusbäumen schwängert die Luft, ab und an vom süßlichen Aroma blühender Ginsterbüsche angereichert. Mein Ziel an diesem Tag ist klar: das Ende der Welt. Nicht mehr und nicht weniger. Wobei der Weg zum Cabo Finisterre nicht weit ist, rund 100 Kilometer.

Irgendwo weit vor mir liegt der Atlantik. Berge sieht man meist lange, bevor man sie erreicht. Das Meer nicht. Dafür kann man es riechen. Ich spüre ganz fein die ersten Ausläufer seines kühlen Atems. Mit entspannten 80 Sachen läuft die XT nach Westen. Es gibt sogar einige Kurven, aber heute Morgen brauche ich nicht mal die vorletzte Rille. Die Leichtigkeit des Seins. Es gibt solche Tage. Ab und zu ein „café cortado“ vor einer sonnigen Bar. Der Geruch nach Seetang und Salz wird intensiver. Und plötzlich, nach einer langen Rechtskurve, liegt das Ende der Welt auf einer felsigen Landzunge vor mir. Cabo Finisterre mit seinem weißen Leuchtturm, auf drei Seiten umgeben vom langweilig ruhigen Atlantik. Irgendwo da hinten liegt Amerika.
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Foto: Deleker
Ab hier folge ich der grünen Küste im weiten Bogen ostwärts. Wiesen wechseln mit Eukalyptuswäldern ab, hin und wieder ein kleines Dorf. Den Leuchtturm am Cabo Vilán hat der Seenebel verschluckt, der in langen Streifen entlang der Küste zieht. Von Osten nähert sich ein gigantischer, tiefschwarzer Gewitterturm, von der Abendsonne dramatisch beleuchtet. Dumm nur, dass ich auf Kollisionskurs mit diesem Monstrum bin. Kein passender Ausklang für den perfekten Tag. Doch die Lösung wartet hinter der nächsten Kurve. Ein sandiger Weg windet sich hinunter zu einer kleinen Bucht, flankiert von rundlichen, braunen Felsen. Vor dem Sandstrand breitet sich eine ebene Grasfläche aus, der absolute Traumspot. 20 Minuten später steht mein Zelt an genau dieser Stelle, das Teewasser kocht, der Atlantik rauscht, und der Gewitterturm kratzt die Kurve hinaus aufs Meer. Ich wusste doch, dass dies ein perfekter Tag wird.

Die Nordküste Galiciens ist eher beschaulich als dramatisch. Kleine Fischerdörfer, manchmal malerisch in einer Bucht versteckt, hügeliges, grünes Land mit ausgedehnten Eukalyptuswäldern, zwischendurch leider auch hässliche Industriestädte. Zudem hat sich Seenebel breit gemacht und sorgt für feuchtes, graues Wetter. Wenig einladend zum gemütlichen Bummeln. Es fühlt sich eher nach irischem Herbst an, denn nach spanischem Frühling. Das muss nicht sein. Also biege ich wieder ins Landesinnere ab, mal sehen, wie weit der Frühling in den Picos de Europa vorangekommen ist.

Es ist erstaunlich. Eine einzige sonnige Woche hat gereicht, um die Buchen- und Eichenwälder auch oberhalb von 1000 Metern in ein hellgrünes Meer aus frischen Blättern zu verwandeln. Fast kann man zusehen, wie alles wächst. Und wie der Schnee schmilzt. Ich kreuze noch ein wenig über die nahezu verkehrsfreien Kurvenwunder in den Picos, schraube mich dann hinauf zum Puerto de Piedrasluengas und staune noch mal über die so gewaltig erscheinenden Berge im Nordwesten. Ein paar Tage und viele Kilometer später rollt die XT in die heimische Garage. Wie sie gefahren ist? Wie immer, ohne ein einziges Problem. Womit der Traum von der ersten langen Ausfahrt des Jahres wahr wurde. Zum Glück. Auch ohne Dominator.

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