Normandie (2)

Foto: Klaus H. Daams
Tausendmal auf Bildern gesehen, und dann nicht selbst geknipst – das darf nicht sein. Die Küste von Etretat mit der markanten Falaise d’Aval und der vorgelagerten Felsnadel Aiguille ist neben dem Mont Saint Michel das Wahrzeichen der Normandie, wenn auch schwerer zu finden. Den wohl besten Logenplatz mit Blick auf die Felsen hat, wer am Ortseingang von Etretat die D 11 verlässt und den Schildern zum »Musée Nungesser et Coli« folgt. Das Museum ist zwei Fliegern gewidmet, die hier am 8. Mai 1927 letztmalig gesichtet wurden, als sie auf dem Weg von Paris nach New York den Atlantik überqueren wollten, zwölf Tage vor Charles Lindbergh. Der Blick auf Falaise d’Aval und Aiguille ist übrigens unbeschreiblich.

Nach so viel grandios geformtem Kalk eine ordentliche Portion Technik und Stahlbeton. Vorbei an Le Havre, nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg eher zweck-mäßig als schön wieder aufgebaut, twisten die fetten Pneus durch ein verschlungenes Geflecht von Umgehungs- und Schnellstraßen zur Pont de Normandie über die Seine. 100 PS mehr und 200 Kilo weniger an Bord – die futuristisch-gigantische Brücke wäre eine Rampe zu den Sternen; na ja, zumindest zu tief hängenden Wolken. Auch nicht schlecht: Für Motorräder ist die Passage kostenfrei. Auf der anderen Seite der Seine liegt die alte Hafenstadt Honfleur, im 16. Jahrhundert ein bedeutender Seefahrerstützpunkt, seit dem 19. Jahrhundert eine prominente Künstlerkolonie und heute ein touristischer Magnet par excellence. Besonders das von schmalen Häusern umstandene Hafenbecken ist ein prima Postkartenmotiv, und beim Besuch der zahlreichen Galerien reift vielleicht sogar der Plan, statt in eine Sonderlackierung mal in die farblich wie formal gelungene Gestaltung eines Stückchens Leinwand zu investieren. Gut möglich aber auch, dass bei gefühlten 53 Grad Lufttemperatur die Lust auf ein Bad im Meer alle anderen Gedanken verdrängt. Ein geeigneter Sandstrand liegt jedenfalls gleich westlich von Honfleur an der D 513. An der so genannten Blumenküste zwischen den Mündungen von Seine und Orne finden sich Badeorte wie Trouville, Deauville – ein Gruß an Honda – und Cabourg. Reiseführer schwärmen vom nostalgischen Schick der Belle Epoque, Reisende schimpfen gelegentlich auf den Nepp, wenn für Ice Tea und Orangina zusammen 8,20 Euro zu zahlen sind; die Sehnerven signalisieren ans Gehirn ganz einfach »très joli«. Blumenkübel, groß wie Smart-Cabrios, trennen die Fahrbahnen, Motorradpolizisten in strammen Stretchhosen erfreuen die aufmerksame Touristin und der tägliche, überaus lebhafte Fischmarkt von Trouville nicht nur einkaufende Hausfrauen.
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Foto: Klaus H. Daams
So schwer der Ortswechsel fällt – zwei Stunden später sitzen wir nicht mehr auf einer Terrasse an der Côte Fleurie, sondern parken an der Pegasus Bridge, vis-à-vis eines ausgemusterten Panzers. Daneben gibt es Ansichtskarten mit Motiven von der Invasion. Das Innere des benachbarten Cafés ist bis zur Decke vollgestopft mit militärischen Devotionalien und erinnert daran, dass hier kurz nach Mitternacht des 6. Juni 1944 britische Fallschirmjäger und Lastensegler gelandet sind, um die strategisch wichtige Brücke zu erobern. Heute ist das Café Gondrée – zu erreichen über die Orne-Brücke an der D 51 nördlich von Caen – ein ideales Fleckchen Erde, um das meist friedliche Treiben an den Nachbartischen zu studieren. Der Krieg ist lang vorbei, wir Deutschen sind Gäste wie andere auch. Westlich der Orne, stoßen wir auf den Küstenstreifen, wo unter dem Tarnnamen Overlord die Landung amerikanischer, englischer und kanadischer Truppen im von der Wehrmacht besetzten Nordfrankreich erfolgte. Aufgeteilt auf die Abschnitte Sword Beach, Juno Beach, Gold Beach, Omaha Beach und Utah Beach, ging hier am frühen Morgen des 6. Juni 1944 – dem D-Day – eine gewaltige Armada an Land: 6000 Schiffe und 13000 Flugzeuge setzten innerhalb weniger Stunden 160000 Soldaten ab. Weitere zwei Millionen Soldaten und 400000 Fahrzeuge folgten. Am 21. August 1944 war für die Deutschen die Schlacht um die Normandie verloren, drei Tage später Paris befreit. Bei den wochenlangen Kämpfen starben schätzungsweise 200000 Soldaten der Alliierten, 350000 Angehörige der Wehrmacht und 50000 französische Zivilisten. Zum Gedenken an die Toten reisen alljährlich am 6. Juni Veteranen und deren Nachkommen an die blutgetränkten Strände, die ihre alten Codenamen bis heute behalten haben.

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