Normandie (3)

Foto: Klaus H. Daams
Heile Welt am anderen Zipfel der Cotentin-Halbinsel: Barfleur ist ein arglos hübscher Fischerort, in dessen Nähe der höchste Leuchtturm Frankreichs steht und wo der Tidenhub bis zu zehn Metern beträgt. Als sei das nicht genug der berichtenswerten Dinge, hat Richard Löwenherz von hier 1194 zur Krönung nach England übergesetzt. Fast noch einen Tick lieblicher erscheint das benachbarte Gatteville: ein margeritengeschmücktes Dorf wie aus dem Bilderbuch. Es ist spät geworden. Fast 21 Uhr. Diese Traumstrecke entlang der Bucht von Ecalgrain im äußersten Nordwesten der Halbinsel mussten Susanna und ich gleich zweimal fahren. Die Ausblicke auf das Meer rauben jedweden Sinn für die Realität. Ein Anruf im fernen Pontorson ist notwendig, dass es bis zu unserem Eintreffen im vorab reservierten Hotel wohl noch etwas dauere – und dann folgt ein gut dreistündiges, unvergessliches Road-King-Movie. Kein Stückchen Chrom, in dem sich nicht wie ein Kussmund die untergehende Sonne spiegelt, kaum ein Kreisverkehr, in dem es nicht erst links zu einer flüchtigen, fast kosenden Berührung von Metall und Asphalt kommt, dann nach rechts umgelegt und wieder hochgeschaltet wird, auf dass der 88er-Twin Cam seinen Blues weiter in die Nacht wummere. Um Mitternacht sind wir am Mont Saint Michel. Eigentlich genau die richtige Zeit für eine Audienz beim hell erleuchteten Klosterberg. Der an der Grenze zur Bretagne aus dem Meer ragende Granitfelsen, gekrönt von den Türmchen und Dächern einer Abtei, ist eine der markantesten Silhouetten der Christenheit und, wen wundert’s, zumindest tagsüber umbrandet von touristischen Fluten.
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Foto: Klaus H. Daams
Neun Kilometer weiter südlich entpuppt sich in Pontorson der »Istanbul Kebab« als Hort wahrer Menschenliebe, finden dort zu arg vorgerückter Stunde Döner nebst ein paar Dosen Bier dankbare Abnehmer. Der Wirt vom Hotel Montgomery, Besitzer einer alten R 100 S, versorgt uns mit den Zimmerschlüsseln, seine Frau Marie-Christine mit Tipps für die Rückfahrt – nach tiefem Schlaf. Der nächste Tag beginnt entspannt auf einer Hand voll schwungvoller Landstraßen, bis wir in Domfront landen, einem mittelalterlichen Festungsstädtchen. Im Zentrum des Geschehens: die Bar Normand mit Blick auf die neo-byzantinische Kirche. Bessere Crêpes haben wir übrigens während dieser Tour nicht verdrückt. Hätten wir allerdings auch den Cidre probiert, wären wir an diesem Tag nicht mehr weit gekommen. So rollen wir gelassen bis Bagnoles-de-l’Orne, Heilbad inmitten des Waldes von Andaines. Rund um den Brunnen an der Place de la Republique bitten die Bars zur Spätvorstellung. Wir nehmen – nachdem mit dem an Thomas Manns »Zauberberg« erinnernden Hotel le Christal eine passende Bleibe gefunden ist – gern an der letzten Vorführung teil. Freilich steht bei einer Normadie-Tour noch das Nationalgestüt Haras du Pin, Pilgerstätte für Pferdefans, auf dem Programm. Ebenso das Dorf Camembert, wo, richtig, ein normannischer Exportschlager reift. Zufall oder nicht, jedenfalls zerfließt rund um Camembert der Asphalt fast in der Mittagshitze, liegt Lethargie in der bleiernen Luft, so dass die Tachonadel freiwillig Siesta bei 70 macht. Die Äpfel an den Calvados-Bäumen sind noch nicht reif – aber wir so langsam reif fürs Meer.

Yport wartet mit einem Kies- statt Sandstrand auf, doch wer will da allzu pingelig sein? Muscheln gibt es etwas später in St. Valery-en-Caux unter den schützenden Schirmen der Brasserie Le Corsaire. Die Gläser auf den Tischen funkeln goldgelb oder rosé, vom Yachthafen weht Gelächter herüber. In Quiberville können wir anderntags zusehen, wie aus den Netzen eines Fischerboots der frische Fang gepflückt und direkt an den Marktstand nebenan weitergereicht wird. Kurz darauf zuckelt die Harley wieder durch den Ausgangspunkt der Reise, le Tréport. Straßencafés, Bars, der urige Hafen, die Klippen. Ein letzter Halt vor der Heimreise? Nur für ein paar Minuten? Lieber nicht. Die Gefahr, dann nicht mehr weit zu kommen, wäre groß. Viel zu groß.

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