Normandie Küste mit Geschichte

Tolle Strände, fantastische Klippenformationen, pittoreske Hafenorte – und jede Menge Historisches: Eine Runde durch die charmante Normandie führt automatisch zu den Schauplätzen der größten Invasion der jüngeren europäischen Geschichte.

Foto: Klaus H. Daams

Oh, là là, une Road King«, bemerkt ein Passant beim Blick auf das schmucke Stück Schwermetall in »two-tone chopper blue and brilliant silver«, als Susanna und ich unser Quartier in le Tréport für eine erste Erkundungsrunde verlassen. Die Gefahr, nicht allzu weit zu kommen, ist groß. Straßencafés und Bars locken mit frischen Muscheln und kühlem Wein zum Einkehrschwung, während der Blick neugierig auf den alten Fischerhafen fällt und die höchsten Klippen der Küste erklimmt, nach Sand und Sonne lechtzend über den Atlantik streift. »Klonk« – bevor das Unternehmen Normandie ein vorzeitiges Ende findet, rastet der erste Gang ein, gleitet die Harley wie von einem mächtigen Gummiband gezogen raus aus le Tréport.

Irgendwo hoch oben auf dem grünen Dach der Steilküste bei Mesnil-en-Caux findet sich ein stilles Aussichtsplätzchen. Engine off. Das Meer leicht gekräuselt, die Sonne wunderbar warm. Momente, in denen die Normandie, benannt nach dem Wikingerstamm der Normannen (Nordmänner), fast mediterran wirkt. Der nächste Tag beginnt dagegen düster. Nieseliges Grau hat die Klippen und die Kirche Saint-Jacques von le Tréport verschluckt. Wie ein Geisterschiff verlässt unser amerikanischer Reisedampfer die Hafenstadt mit Kurs Südwest, umrundet bald darauf in Touffreville eine mit Dahlien üppig bepflanzte Verkehrsinsel wie eine bunte Boje. Eigentlich kaum der Rede wert, hätten wir nicht wenig später angehalten und Thomas kennen gelernt, rote Haare, Game-boy in den Händen, der uns Ledermenschen anfangs skeptisch mustert. Aber die Neugier verdrängt jede Furcht, und schließlich dreht Thomas, acht Jahre jung und stolz wie Oskar, ein paar Ehrenrunden auf dem Sozius wie auf einem Kirmeskarussell. Beobachtet wird das von zwei älteren Damen. Eine erzählt mir von ihrem Mann, der ein Jahr im Krieg war, danach vier Jahre in Gefangenschaft. Erste Begegnung mit dem dunklen Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen. Stets mit ein paar Kilometer Abstand zur Küste kreuzen wir auf der D 925 über Land. Die aus dem Nebel auftauchenden Telegraphenmasten erscheinen wie Masten gestrandeter Schiffe, frisch geschnittenes Getreide bedeckt wellengleich die Felder. Dazu duftet es nach Salbei und Kamille. Gleich hinter Dieppe – im Sommer fest in der Hand urlaubsreifer Hauptstädter – verspricht die auf der Karte grün markierte D 75 Fahrspaß.

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Foto: Klaus H. Daams

Grüne »Schönheitslinie« hin oder her, eigentlich sind fast alle Straßen der Normandie, deren höchste Erhebung mit 417 Metern der Signal d’Ecouves ist, wie maßgeschneidert für die voluminöse Road King. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls cruist es sich im Sattel des 350-Kilo-Brockens ganz relaxed über die sanft geschwungenen, nur selten unvermittelt die Richtung wechselnden Straßen; zumindest auf solchem Terrain kommt der Wunsch nach fahrdynamischerem Gerät nicht auf. Der Wunsch nach Sonne wird am frühen Nachmittag endlich erfüllt. Wunderbarerweise genau am Château de Janville, wo die Hortensien im Schlosspark zu leuchtenden Bällen in Blau und Rosa werden. Deutlich gedeckter sind die Farben in der Kapelle Notre Dame du Salut oberhalb von Fécamp: An den Wänden des dämmerigen Gotteshauses hängt eine ganze Gemäldegalerie mit Windjammern, manche stolz unter voller Takelage, andere havariert oder mit zerfetzten Segeln in sturmgepeitschter See. Ebenfalls mit maximaler Schlagseite durchpflügen wir beim Abflug von Fécamp ein paar Serpentinen und steuern Etretat an.

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