Norwegen (2)

Foto: Deleker
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003

Je weiter ich ins Landesinnere vordringe, umso mehr gewinnt die Landschaft an Dramatik. Abends habe ich den König der Fjorde erreicht, den Sognefjord – 200 Kilometer lang und 1350 Meter tief. Die Entstehung dieser Tröge lässt sich entweder nüchtern wissenschaftlich erklären, oder mit einer der in Norwegen so beliebten Geschichten: „Das Meer wurde einst neugierig, als es die zerklüftete Küste sah. Also beschloss es, ins Land zu wandern. Weil es ihm dort aber so gut gefiel, wollte es nie mehr zurück. Und schon waren die Fjorde entstanden“. Ausnahmsweise werden mal nicht die Trolle dafür verantwortlich gemacht. Den knuffigen Fabelwesen wird sonst alles mögliche in die viel zu großen Schuhe geschoben, von der Entstehung einer Insel bis zum Verschwinden eines Rasierpinsels.

Der mächtige Sognefjord verzweigt sich am Ende in viele einzelne Wasserarme, einer spektakulärer als der andere. Der wildeste von ihnen ist der Nærøyfjord. An seiner schmalsten Stelle kaum 200 Meter breit, eingeengt von 1600 Meter hohen, nahezu senkrechten Felswänden und nur vom Schiff aus zu bewundern. Fährpassagen machen sprachlos angesichts dieser Landschaft. Nirgendwo ist die Welt der Fjorde dramatischer als hier. Es fehlen nur die normalerweise so zahlreichen Wasserfälle. Aber der ungewöhnliche Sommer hat alles ausgetrocknet. Lediglich die Gletscherflüsse, gefüttert von den Eiskappen auf den Bergen, sind randvoll. Das weitaus größte Eisfeld ist der Jostedalsbre, 90 Kilometer lang und 600 Meter dick. Aber erst 2500 Jahre alt, denn vorher war es für solche Eisschichten zu warm in Norwegen.

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Foto: Deleker
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003

Vom Endpunkt der Fähre lenke ich die F 650 nach Norden ins Jostedal. Von hier soll die Sicht zu den Gletscherzungen atemberaubend schön sein. Ist sie auch. Vor allem der Nigardsbre begeistert, schiebt er sich doch steil und zerklüftet in einer weiten S-Kurve bis tief ins Tal. Aber Norwegen hat immer noch eine Steigerung parat. Kaum 15 Kilometer weiter, auf der anderen Seite des Jostedalsbre, erfüllen die Täler von Olden und Loen alle Klischees des Fjordlands. Um dorthin zu kommen, bedarf es wieder einmal eines Umwegs. Entweder 200 Kilometer über die neue tunnelreiche Strecke nach Skei, oder 300 Kilometer über Lom. Beide Varianten können mit diversen sehenswerten Abstechern durchaus ein paar Tage in Anspruch nehmen.

Schwierige Entscheidung. Aber ist nicht der Weg das Ziel? Also über Lom. Was sich als Volltreffer entpuppt, denn die Straße über das Sognefjell zielt mitten hinein in die höchsten Berge Nordeuropas. Bevor die BMW die Luft dort oben schnuppern darf, gilt es, 1500 Höhendifferenz zu überwinden. Die Straße vom Lustrafjord hinauf in die Berge ist eine überaus gelungene Kombination perfekter Kurven und Kehren. Fahrspaß pur. Dann bin ich oben im Jotunheim, der Heimat der Riesen. 200 Gipfel überragen hier die 2000-Meter-Marke. Breite Gletscherzungen fließen in kristallklare Seen. Mitten durch diese fast unberührte Wunderwelt zieht sich die Reichsstraße 55. Oft bis Juli von meterhohen Schneewänden gesäumt, hat dieser Sommer nur noch kümmerliche Reste vom letzten Winter übrig gelassen.

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