Norwegen mit Oldtimern Trollt Euch!

Auf Motorrädern, die sonst in Museen bewundert werden, wagen vier junge Leute eine Norwegen-Tour. Scheuchen ihre Schnauferl über hohe Pässe, durch tiefe Gräben und beweisen: Es geht! Da staunten nicht nur die Trolle.

Foto: Geißler

Aufrecht sitzend, den Hintern in einen komfortablen Schwingsattel gebettet, geht es seit Stunden geradeaus. Wir sind kurz vor der norwegischen Grenze. Jens und Stefan, die hinter mir fahren, erkenne ich nur, wenn ich den vibrierenden Rückspiegel meiner MZ eisern festhalte. Bernd dagegen ist nicht zu übersehen. Mit seinem BMW-Wehrmachtsgespann brettert er vorneweg und schlägt uns eine Schneise in den Wind.

Mit den Fahrzeugen, die uns während der letzten zwei Tage schon 1000 Kilometer durch Deutschland und Schweden getragen haben, würden sich die meisten wahrscheinlich gerade mal sonntags ins nächste Ausflugslokal trauen. Wir hingegen haben Größeres, Entfernteres und Höheres im Sinn. Unser abenteuerlicher Tross besteht aus besagter, seitenwagenbestückter BMW R 75, Baujahr 1942, meiner Emme RT 125/3 von 1959, Stefans schicker, elfenbeinfarbener Sport AWO aus dem Jahre 1956 und Jens‘ 1961er-MZ ES 250.

Mit 85 km/h Dauertempo sind wir dem Geschwindigkeitsrausch nicht mehr fern und kommen gut voran. Bernds Wind-schatten sei Dank begnügt sich meine RT mit phänomenalen drei Liter Sprit auf 100 Kilometern. Seine dicke 750er verbraucht fast das Dreifache, gerät vollbeladen rund 600 Kilogramm schwer auch beinahe in die untere Auto-Kampfklasse. Ein wenig erleichtert sind wir schon, als wir an diesem Abend das erste Mal die Zeltheringe in norwegischen Boden schlagen.
Angefangen hat unser Reiseprojekt vor Monaten. Wir waren nervös und hörten die Flöhe husten bei der Vorbereitung unserer Maschinen. Hat die Kurbelwelle nicht doch zu viel Luft? Stimmt das Ventilspiel? Wie lange springt der zündende Funke wohl zuverlässig über? Und dann kann es wie bei Stefans AWO vorkommen, dass eine kleine Gabelreparatur zwei Wochen vor Reisestart fast in einer Komplettdemontage des Motorrads endet oder sich ein komisches Geräusch am ES-Motor als Kurbelwellenlagerschaden entpuppt und in eine gesamte Motorüberholung ausufert.

Nichtsdestotrotz ziehen wir vier Sachsen los, um das Land der Trolle zu erkunden. Trolle stehen im Verdacht allerhand Unfug zu treiben, sind aber laut Auskunft anderer Norwegenreisender durchaus bestechlich: Einen Schnaps sollen sie selten verwehren. Als Gegenleistung halten sie dem Reisenden die norwegischen Regenwolken vom Hals. Man kann davon halten, was man will, doch die Fakten sprechen für das Schnaps-Opfer. Wir jedenfalls sind von 5500 Gesamtkilometern nur etwa 50 im Regen gefahren.

Leider verläuft die erste Kontaktaufnahme mit diesen langnasigen, norwegischen Ureinwohnern ziemlich holprig. Alles beginnt harmlos mit einem Stopp unter Felsbrocken, die von uns klar als Trollburg identifiziert werden. Ich steige ab, um Bernd bei seinem Bestechungsakt zu fotografieren. Nur zehn Meter trennen mich von der Emme, als sie langsam beginnt, sich Richtung Straßenrand zu neigen und mit einer eleganten 320-Grad-Drehung in einem hüfttiefen Schottergraben verschwindet. Das Herz pocht mir bis zum Hals, doch ich habe Glück im Unglück. Das übermäßige Gepäck, auf das ich als Frau nicht verzichten kann, wirkt wie ein gigantischer Airbag, der die RT vor größeren Blessuren schützt. So ist sie den schupsenden Trollen gerade noch mal entkommen.

Der Schock ist schnell vergessen. Abends in Lysebotn am Lysefjord nimmt die ursprüngliche norwegische Natur das Zepter in die Hand und uns komplett gefangen. Die kleine Piste, die von der Straße 9 Richtung Lysebotn abzweigt und dabei eine baumlose Hochmoorlandschaft durchquert, besitzt alles, was eine waschechte Motorradstrecke braucht: steile Serpentinen runter zum Fjord, weite unberührte Natur und vor allem keine anderen Verkehrsteilnehmer, die den Genuss womöglich stören könnten. Allerdings zeigt sich hier, dass die Spritreserven unserer Oldtimer in den dünn besiedelten Gebieten Norwegens oft bedenklich knapp werden. Zwar hat Bernd auf der BMW eine Notration in Form eines Reservekanisters gebunkert, doch einmal reicht selbst der nicht mehr, und wir müssen elf Kilometer antriebslos bis zur nächsten Tanke rollen. Glücklicherweise alles bergab.
In den nächsten Tagen stehen bekannte norwegische Sehenswürdigkeiten auf dem Plan: Der Predigtstuhl wird erklommen und das Tunnelsystem Richtung Hardangervidda, Bergen und Flam erkundet. Über 40 Tunnel an einem Tag sorgen für er-höhten Puls, es gibt weder eine zweite Spur noch Pannenbuchten. Zwar sind die windigen sechs Volt-Lichtmaschinen an allen Fahrzeugen gegen moderne 12-Volt-Anlagen ausgetauscht worden, doch so ein Oldie ist in jeder Situation gut für Überraschungen. Erfreulicherweise stehen außer dem obligatorischen Vergaserputzen aber keine größeren Reparaturen an.

Allerorten wird unsere Reisegruppe von Einheimischen sowie anderen Reisenden bestaunt. Einmal, im Gebiet des Jostedalsbreen Richtung Geiranger, interessiert sich ausnahmsweise mal jemand nicht in erster Linie für Bernds BMW, sondern gerade für meinen kleinen Zweitakter. Dieser Norweger besitzt offenbar selbst eine RT und ist stolzes Mitglied in einem deutschen MZ-Club. Nette Begleiterscheinung, wenn man mit alter Technik reist: Die Leute sind aufgeschlossen, interessiert und stets hilfsbereit, was sich einige Tage später an einer einsamen Landstraße bestätigt.
Wir hatten bis dato kilometerreiche und sonnige Tage verlebt, den Dalsnibba mit immerhin 1467 Höhenmetern erklommen, im Geiranger geangelt, die Serpentinen des Trollstiegen befahren und waren über die Atlantikstraße bis nach Kristiansund gelangt. Nun sind wir wieder auf dem Weg Richtung Süden, als Bernd vor einem einsamen Briefkasten in der Nähe von Andalsness Richtung Jotunheimen anhält. Seine Vorderradbremse greift nicht mehr richtig, und er tippt auf Dreck als Verursacher. Also Rad raus und putzen! Um Platz zum Schrauben zu schaffen, will Stefan hinter ihm ein Stück zurücksetzen, übersieht dabei leider den zugewucherten Straßengraben und verschwindet plötzlich samt AWO in anderthalb Meter Tiefe. Jens, der helfen will, achtet in der Hektik nicht auf seine eigene Maschine, so dass auch die ES zu Boden geht.

Wenigstens hat sich die AWO mit Fußraste und Ölwanne an einem vorspringenden Stein verfangen und daher den Grabenboden nicht ganz erreicht. Auch die ES bleibt relativ unversehrt. Dennoch kann jeder sehen, dass nicht alles glatt läuft, so wie wir dort am Straßenrand laborieren. Und als das Werkzeug grade großflächig um Fahrzeug und Mechaniker verteilt ist, setzt prompt fiesester Landregen ein. Klasse! Doch plötzlich steht die zum Briefkasten gehörende Norwegerin neben uns und fragt, wie sie helfen könne. Gar nicht so einfach, klarzumachen, dass ausgerechnet eine Fettpresse fehlt. Wer kennt so was noch? Doch die freundliche Dame entpuppt sich als Oldtimer-Kennerin und präsentiert wenige Minuten später das Gewünschte. Unfassbar. Wir revanchieren uns mit einer Flasche deutschem Hochprozenter. Prima Sache in einem Land, wo Spirituosen teurer als Vier-Sterne-Menüs sind.
Die Reise geht weiter, und wir erklimmen zu Fuß mit dem Galdhoppigen den höchsten Berg Nordeuropas. Dann geht‘s durch den grandiosen Jotunheimen Nationalpark, das Rijukangebirge, über die Märchenstraße und zur Stabkirche in Heddal. Norwegen in Bestform.

Über Oslo und Dänemark machen wir uns schließlich auf den langen Heimweg. Stefans Krümmer hängt bereits seit 1000 Kilometern an einem Draht, und auch das irgendwann unterwegs mit Kronkorken und Silikon reparierte Zündschloss der ES sollte nun dringend erneuert werden. Trotzdem haben wir bewiesen, dass selbst über 50 Jahre alte Motorräder noch anspruchsvollste Reisen packen und sehen unseren nächsten Projekten, die wie immer ohne Begleitfahrzeug, Ersatzteile und Hotelzimmer, dafür aber mit einer guten Portion Blauäugigkeit angegangen werden, mit Freude entgegen. Was soll denn schon groß kaputtgehen?

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote