Norwegen: Winterreise zur Savalen-Rallye

Da rutscht nichts mehr: Zwei Enduroreifen voller Spikes sorgten auf den vereisten Straßen Norwegens für den nötigen Grip einer 143 PS starken Suzuki GSX-R - bis zur Savalen-Rallye.

Kein Problem«, hatte Carola, die Organisatorin der Savalen-Rallye, am Telefon gesagt, »natürlich kannst Du auch im Januar mit einer Straßenmaschine nach Norwegen kommen. In Oslo brauchst Du nicht einmal Winterreifen«. Ein paar Tage später, ich stehe mit meiner Suzuki GSX-R voll beladen und auf »Sommerreifen« im Hafen von Oslo. Schneeweiß strahlt die Stadt, die Fahrbahn spiegelglatt vereist. Es dauert lange, bis ich auf dem Motorrad die etwa hundert Meter lange Strecke von der Fähre bis zur Paßkontrolle gerutscht bin. Eine halbe Stunde etwa. Dann der Weg zum Reifenhändler, der mir ganz schnell meine mitgebrachten Enduroreifen mit Spikes versehen soll. Zwar liegt nur noch Schneematsch auf den Straßen, mehr als Tempo 50 geht aber trotzdem nicht mit den dicken Niederquerschschlappen, auch nicht auf der Autobahn. Frustrierend, aber wahr: Zum ersten Mal auf meiner GSX-R bin ich derjenige, an dem hier furchteinflößend vorbeigeschossen wird. Viel mehr als die Kälte plagt mich plötzlich die Furcht vor den rund 350 eisglatten Kilometern, die vor mir liegen. Nicht gerade das beste Terrain für ein Superbike.Ole, der bärtige Reifenmonteur, ahnt meine Sorgen. »200 Spikes pro Rad, daß sollte genügen«, beruhigt er mich. In einem Autoreifen seien normalerweise nicht mehr als 60 Spikes. »Schneller als !00 solltest du aber nicht fahren, sonst fliegen dir die Nägel um die Ohren«. Gut gemeint. Im Moment wäre ich froh, einen Schnitt von 30 hinzulegen.Die ersten Fahreindrücke auf der Straße in Richtung Norden überraschen mich, die Spikereifen fahren sich unerwartet problemlos. Nur in den Kurven bin ich vorsichtig. Denoch gewöhne ich mich schneller an das neue Fahrgefühl als an die schräge Optik meiner Suzuki: ein Supersportler auf grobstolligen Enduroreifen, die gespickt sind mit 400 Stahlnägeln. Vorne ein 120er Metzeler Enduro-III-Sahara-Hinterradreifen, hinten ein 140er des gleichen Typs, der auf der schmaleren Felge eines älteren GSX-R-Modells sitzt, die ursprünglich für eine 160er Niederquerschnitt-Bereifung gedacht war. Der Clou: Die groben Stollen wurden mir vom TÜV sogar in die Papiere eingetragen. Da die Sahara-Bereifung keine »M&S«-Beschriftung trägt, erhielt ich eine Sondergenehmigung, allerdings schrieb mir der Herr vom TÜV einen Aufkleber für den Tachometer vor: bis 160 km/h. Macht aber nichts, in den nächsten Tagen werde ich kaum schneller fahren können. Bis Hamar fährt es sich fast wie in Hamburg-Barmbeck: unter grauem Himmel schleudern Autos schmutziges, schmieriges Spritzwasser auf mein Visier. Aber je weiter ich nach Norden komme, desto weißer leuchtet die hügelige Landschaft neben der Straße. Langsam macht das Fahren auf der bespikten GSX-R Spaß. Ich bin froh, nicht auf meine guten Freunde gehört zu haben, die mir kopfschüttelnd von dem eisigen Trip auf diesem Bike abgeraten hatten. Kurz vor Hamar biege ich rechts nach Elverum ab. Die Straße ist jetzt trocken, und ich komme schnell voran. Es gibt eigentlich nur ein Problem: Elche. Im Winter spazieren diese Viecher lieber auf der Straße, als mühevoll durch den Tiefschnee zu stapfen. Ein Bulle wiegt immerhin bis zu 800 Kilo, und deshalb entscheide ich kühl, elchmäßige Kontakte aller Art zu vermeiden. Die Straße erklimmt einen Höhenzug, 500 oder 600 Meter hoch, erreicht wenig später den Fluß Glomma. Ich befinde mich weit jenseits des 60. Breitengrades, und da liegt die Baumgrenze schon unterhalb von 700 Meter. Kurzum: Sobald die sanft geschwungenen Hügel einmal über diese Höhe hinausragen, tragen sie eine felsige Glatze, und das macht diese Landschaft auch im Winter ganz unverkennbar. Hier bekommt die GSX-R erstmals festgefahrenen Schnee unter die bespiketen Stollen - fahrerisch enttäuschend problemlos. Das Bike läßt sich beinahe mühelos auf Kurs halten, nicht einmal kurze heftige Gaßstöße lassen das Hinterrad rutschen. Na bitte.Inzwischen steht das Thermometer hier oben auf minus 22 Grad, doch ich will kein falsches Heldentum vortäuschen: Es herrscht eine völlig trockene Kälte, längst nicht so unangenehm wie deutsches Null-Grad-Nieselregen-Wetter. Mit einer vernüftigen Thermo- oder Goretexkombi läßt es sich hier prima Motorrad fahren. Auch im vereisten Tal der Glomma, das zu den kältesten Gegenden Norwegens zählt. Mehrere Höhenzüge verhindern hier die Zufuhr warmer Luftmassen vom Meer. Nicht selten fällt das Thermometer bis auf minus 40 Grad - immer dann, wenn keine schützenden Wolken am Himmel hängen, unter denen sich die letzten Reste »warmer« Winde fangen könen. In diesem Sinne habe ich heute fürchterliches Glück: der Himmel srahlend blau und wolkenlos, trotzdem nur minus 20 Grad. Fast schon sommerliche Temperaturen. Dafür glänzt auf der Straße kurz hinter Elverum eine geschlossene Eisdecke mit einer absolut planen Oberfläche. Ich spüre förmlich, wie sich die Spikes in das Eis krallen, langsam und vorsichtig fahre ich die ersten Meter auf dem spiegelglatten Untergrund. Es funktioniert, wenn auch nur im Schrittempo.Plötzlich grollt es hinter mir, und da zieht auch schon ein norwegischer Truck mit Volldampf vorbei. Für einen Moment fühle ich mich wie im Epizentrum eines Erdbebens und im Auge eines Schneesturms zugleich - ich weiß nicht mehr, wo es langgeht, weiß nur , daß sich fünf Zentimeter Eis unter meinen beiden einzigen Rädern befindet. Augen zu und durchhalten. Das Gewicht des Trucks macht auf Eis offenbar jegliche Spike-Bereifung überflüssig. Gegen die Elche schützt eine chromglänzende, armdicke Reling vor dem Kühlergrill; ein paar große Dellen beweisen, daß sie nicht nur als Zierde fungiert. Jedenfalls fährt der Trucker, als sei er geimpft gegen Angst aller Art. Aber es kommt noch schlimmer: drei Gespanne überholen mich, darunter eine Zündapp KS 601 — der legendäre Grüne Elefant von anno dazumal. Da erwacht schlagartig der GSX-R-Fahrer in mir: Ich laß mich doch nicht von einer Uralt-Möhre versägen! Nix wie hinterher, ich vergesse Furcht und Vaterland, hänge mich dran. Auf der Geraden reiße ich den Gashahn auf, im fünften Gang, versteht sich, und beschleunige auf 90, 100 Stundenkilometer. Der Hinterradreifen spurt brav und dreht kein bißchen durch. Ist ja auch kein Wunder, bei rund 5000 Umdrehungen verzichte ich immer noch auf mindestens 100 der angeblichen 143 PS. Ich hänge mich hinter das letzte Gespann, wie im Formationsflug rauschen die vier Motorräder durch die schneeweiße Landschaft. In den Kurven sind die Dreiräder zwar deutlich im Vorteil, auf den Geraden hole ich sie dafür sofort wieder ein. Wir überholen sogar zwei Autos — sicherlich Touristen und keine Norweger. Im Augenblick erscheint alles viel spannender als jede Vollgasetappe auf heimatlichen Autobahnen. Plötzlich bleiben die drei am Straßenrand stehen, und auch ich halte an. Motorschaden an der Zündapp. Aber auch diese Panne wird Manfred, ein waschechter Elefantentreiber, auf seinem Weg zur Savalen-Rallye nicht aufhalten können. Der GSX/R-Scheinwerfer erleuchtet den kranken Motor, Manfred fummelt mit verölten Händen am lädierten Triebwerk herum, Schraubenzieher und -Schlüssel machen die Runde. Es hilft nichts, wir müssen das Gespann fürs erste ins Schlepptau nehmen.Wir warten schon wieder auf Manfred. Seit Stunden schraubt er in Røros an seinem Gespann herum. Die Temperatur ist inzwischen auf minus 25 Grad gesackt, es dunkelt langsam, ein sternklarer Himmel wölbt sich über uns. Wir stehen mitten in einem verschneiten Tal, absolute Stille, kein Mensch weit und breit. Kaum bin ich vom Motorrad abgestiegen, kriecht mir die Kälte in die Wäsche. Während der Fahrt halten mich die elektrisch beheizten Strümpfe und Handschuhe warm, aber wenn der Motor steht, gilt es, die Batterie zu schonen. Ich laufe auf der Straße auf und ab, um mich aufzuwärmen, und — flutsch, schon liege ich auf der Nase. Schallendes Gelächter. Ich muß einsehen: Auf Glatteis lieber nicht laufen, sondern vorsichtshalber Motorrad fahren.Bis zum Savalen-Fjellhotel bei Tynset halten wir uns stur an diese Regel - immer noch mit dem grünen Elefanten immer noch im Schlepptau. »Warum kommt Ihr denn jetzt erst?« Carolas herzlicher Empfang läßt alle Strapazen vergessen, weder die technischen Probleme noch die vereisten Straßen und schon gar nicht die klirrende Kälte können ihrem unverfrorenen Blick als Entschuldigung standhalten. Peter und Andreas seien schließlich auch schon da. Per Dnepr-Gespann von Bochum über Helsinki auf der Nordroute über den Polarkreis bis hierher. Mein Gott, sind wir Weicheier.Macht aber nichts, denn beim abendlichen Saunadurchgang schwitzen alle gleichermaßen, sozusagen neben dem Motorradfahren auf Eis die zweitliebste Beschäftigung aller Biker, die zur Savalen-Rallye kommen. Merkwürdige Schreie hallen dann durch die Nacht, wenn die harten Kerle sich draußen im Schnee abkühlen, bei minus 30 Grad.Über 100 Motorradfahrer sind diesmal zur Savalen-Rallye gekommen. Ein zwangloses Treffen in der bitterkalten, aber wunderschönen Einsamkeit rund um den Savalen-See. Vor zehn Jahren hatte Carola aus Hamburg erstmals hierher eingeladen. Anders als während der bekannten Kristall-Rallye wollte sie aber ihren Gästen auch ein kleines Rahmenprogramm bieten. Da fügte es sich gut, daß das Savalen-Fjellhotel im Februar praktisch leer steht. Einst wohnten hier die norwegischen Kandidaten für die olympischen Winterspiele, heute schlittern aus allen Richtungen dick vermummte Gestalten auf ihren vereisten Bikes direkt bis vor die Tür. Am nächsten Morgen dann die gemeinsame Ausfahrt ins Bergwerkmuseum von Røros. Anschließend der Motorradkorso durch die kleine Stadt; eine harmlose Rutschpartie im Vergleich dazu, was Carola für den Nachmitag geplant hat: ein Schlitten-Wettrennen auf der hoteleigenen Eisbahn. Die Regeln sind einfach, es gilt, einen Schlitten zirka 100 Meter weit ins Ziel zu schieben - über spiegelglattes Eis. Nach dem Startschuß bricht das pure Caos aus. Dickvermummte Gestallten rutschen, schlittern, fallen und fluchen, was das Zeug hält, Zuschauer lachen, bis die Tränen kommen. Schon nach wenigen Minuten ist es völlig egal, wer als erster ins Ziel kommt, viel wichtiger ist es, überhaupt auf den Beinen zu bleiben.Nachts starte ich mit ein paar Verwegenen bei Vollmond und unter sternklarem Himmel zu einer Tour rund um den verschneiten Savalen-See. Meterhoch liegt das weiße Pulver auf den Wanderwegen, aber mit einem Ural-Gespann vorneweg werden wir es schon schaffen. Nach zweikommasieben Kilometern wissen wir, daß es ein aussichtsloses Unterfangen ist, Väterchen Frost überlisten zu wollen. Der Alte zeigt uns, wer Herr im Hause des Nordens ist: wir stecken hoffnungslos im Tiefschnee fest und bekommen die Gespanne nur mit Mühe wieder flott, schwitzen bei minus 30 Grad wie die Bauarbeiter in der prallen Sonne.Ubd - welche schädlichen Auswirkungen hat ein solches Winterreffen auf den Menschen? Ich meine: keine. Wieder daheim im minus zehn Grad warmen Wien geb´ ich meinem Herzi einen Kuß, lösch´ schnellstens den Ofen aus, reiß´ alle Fenster auf und nehm´ erst mal ´ne kalte Dusche, damit mir wieder richtig frisch wird.

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