Norwegen Zeit des Lichts

Im Sommer dauern die Nächte im Süden Norwegens nur ein paar Stunden – gibt es einen besseren Zeitpunkt für eine Rundfahrt durch die spektakuläre Welt der Fjorde?

Foto: Deleker
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003
Mit allem hatte ich gerechnet, Regen, Schnee und Kälte. Aber sicher nicht damit, dass ich ohne Kälteschock im Hardangerfjord schwimme. Was nicht etwa daran liegt, dass mich das nordische Klima für solche ungewöhlichen Wasserausflüge abgehärtet hätte. Sondern das außergewöhnliche Klima hat das sonst eiskalte Fjordwasser auf 22 Grad erwärmt. Kein Wunder also, dass außer mir halb Norwegen unterwegs ist – schwimmend in den Fjorden.

Und zeltend auf den Campingplätzen. Einsamkeit ist relativ im nordischen Sommer mit seinen hellen Nächten. Die wenigen Monate des Lichts nutzen die Menschen, um draußen zu sein, um zu grillen, zu wandern oder eben zu schwimmen. Nach dem langen, dunklen Winter haben die Norweger eine Menge nachzuholen, scheinen jetzt doppelt intensiv zu leben. Es ist fast Mitternacht, als meine Zeltnachbarn Inga und Pål vom Fischen zurückkehren – natürlich mit viel zu viel Beute. Also feuern wir kurzerhand den Benzinkocher an und braten einen dicken Lachs. Der ist wohl aus einer der Lachsfarmen entkommen, die es überall an der Westküste gibt. Genießen konnte er seine Freiheit nicht sehr lange.
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Foto: Deleker
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003
Norwegen-Tour, MOTORRAD 17/2003
Die hellen Nächte bringen meine Zeitplanung durcheinander. Wer nachts bis zwei Uhr an einem Lachs nagt, kann nicht um acht schon wieder Motorrad fahren. Was aber auch völlig egal ist. Denn der Wetterbericht verspricht angenehme 25 Grad. Das sorgt für einen äußerst entspannten Tagesablauf, den ich so nur von Reisen in südeuropäischen Schönwettergebieten kenne. Es mag Mittag sein, als ich die BMW beladen habe und zur kleinen Fähre rolle, die mich ans andere Ufer des Fjords bringt. Die Fähren verkehren im Fjordland wie bei uns zu Hause die Busse. Alle paar Minuten kreuzt eins der schwarzweißen Schiffe von Ufer zu Ufer. Angesichts des guten Wetters wage ich einen Abstecher in Europas Regenmetropole Bergen. 250 Tage pro Jahr, an denen sich die Wolken von ihrer Last befreien, klingen nicht eben verlockend. Aber eine der schönsten Städte Skandinaviens lohnt bei jedem Wetter einen Besuch. Vor allem das Viertel „Tyske Brygge“ mit großen, schiefen Holzhäusern und engen dunklen Gassen atmet noch heute die nordische Atmosphäre der alten Hansestadt. Friedlich daneben das neue Bergen mit Fischmarkt, schicken Boutiquen und Straßencafés, die bei strahlenden Sonnenschein hoffnungslos überfüllt sind. So entspannt die Stimmung in der Stadt auch sein mag, mich zieht es zurück in die Welt der Fjorde. Wobei die Streckenplanung nicht ganz einfach ist. Der direkte Weg zum Ziel ist nur selten möglich – die Straßen winden sich endlos um die langen Wasserarme oder müssen Gebirgsmassiven ausweichen. Da hilft nur viel Zeit. Gemütlich bollert der Einzylinder mit den maximal erlaubten 80 km/h am Veafjord nach Norden. Die Strafen für zu schnelles Fahren sind drastisch, können über 100 Euro für kaum 10 Kilometer zu viel auf der Uhr betragen. Also strikt 80. Was mir aber zunehmend leichter fällt, denn die Ruhe der Landschaft wirkt wie eine Droge, mein Fahrstil wird immer gelassener.

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