Oberitalienische Seen (2)

Foto: Eisenschink
Valle del Caffaro: zwanzig, dreißig Kurven weiter. Waldarbeiter zersägen zwei umgestürzte Fichten, die sich über der Fahrbahn lang gemacht haben, am Straßenrand tobt ein Wildbach, eisige Kälte liegt in der Luft. Bei Valle Dorizzo röhrt mir eine Kehrmaschine entgegen, dann ist Ruh’. Verwaiste Skilifte, ein geschlossenes Restaurant, ein geparkter Schneepflug, menschenleere Gehöfte. In der Ferne ragen die schneebedeckten Ausläufer des Adamello-Massivs empor, darüber rabenschwarze Wolken. Ich stelle die Heizgriffe auf Stufe zwei.

Zwischenstopp am zweiten Durchfahrt-Verboten-Schild bei Kilometer 23. Während ich grüble, ob die italienische Vokabel „chiuso“ noch etwas anderes als „geschlossen“ bedeuten kann, bollert eine Horde italienischer Sportmaschinen heran. Der Pass sei – „chiuso“ hin oder her – ohne Probleme zu meistern, ermuntern mich die gut gelaunten Kollegen aus Brescia. Also weiter. Im Slalom an Wurzeln, Geröll und herabgestürzten Ästen vorbei, an Schneezungen, die in dichter werdender Folge auf die kaum noch handtuchbreite Fahrbahn lecken. Im Eiertanz durch den Südzipfel des über 600 Quadratmeter großen Adamello-Brenta-Naturparks, der Gemsen, Adler, ja sogar Braunbären beheimaten soll.

Erspähen lassen sich allerdings nur ein paar Straßenarbeiter, die das vom Winter gezeichnete Asphaltband akribisch von seinen Blessuren befreien. Frühjahrsputz. Es wird gekehrt, geschippt, gewienert und geflickt, bis jedes Loch verschwunden, jede Rille sauber abgedichtet ist. Als ich die BMW vorbeimogeln will – das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun noch immer im Nacken –, begrüßen mich die Herren charmant, halten zuvorkommend Ausschau nach Gegenverkehr, bevor sie mir freie Fahrt signalisieren.
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Karte: Maucher
Neben dem Rifugio auf der 1895 Meter hohen Passhöhe erhebt sich ein stattlicher Schneehaufen, darin steckt eine Eiskarte und ein Schild: „aperto.“ Geöffnet also, das verstehe, wer will. In der Gaststube drängen sich Ausflügler um den knisternden Kamin, auf den Parkplätzen ringsum beachtlich viele Vehikel, angesichts der Tatsache, dass über sämtliche Zufahrtswege bis Anfang Juni eine Wintersperre verhängt ist. Italien eben – und gut so.

Die Abfahrt ins Valcamonica führt in picobello gekehrten Kurven runter nach Breno, in eine andere Welt: brütende Hitze, brandender Verkehr – der Weg zum Iseo-See wirkt wenig verlockend. Ich verstaue das Fleece-Equipement in den Koffern und rufe die Lektion Pässe noch einmal ab: In der Praxis stellt sich hier offenbar niemand die Frage, ob „offen“ oder „geschlossen“, sondern ob es „geht“ oder nicht. Fasziniert von dieser Erkenntnis, durchforste ich die Landkarte nach weiteren Bergstrecken. Der Lago d’Iseo kann warten.

Valle di Scalve, Passo del Vivione: eine Straße, die bis auf 1828 Meter Höhe führt.
Wintersperre von Oktober bis Mai, Durchfahrt verboten. Adrenalinkick, Vorfreude, Neugier – unterbrochen von einer klitzekleinen Regung des Restgewissens, dann geht’s von blumenübersäten Almhängen begleitet den schneebedeckten Gipfeln der Bergamasker Alpen entgegen. Die Fahrbahn verengt sich mit jedem Kilometer, vollführt Dreher und Kapriolen, denen die F 650 lediglich im ersten Gang folgen kann. Nach dem Schild „Attenzione strada interotta“ beruhigt sich die Lage etwas. Schnurstracks passiert die Straße eine geöffnete Schranke und steigt, spektakuläre Ausblicke bietend, ohne jegliche Randsicherung Richtung Baumgrenze.

Riskant wird’s wohl erst, wenn der schmale Pass geöffnet und mit Gegenverkehr zu rechnen ist – denke ich und werde prompt eines Besseren belehrt: quer stehender Bagger hinter einer Kuppe, dahinter eine längs liegende Kluft. Gut fünf Meter Fahrbahn einfach weg. Lektion Nummer zwei: „Strada interotta“ heißt unterbrochene Straße. Ein Hinweis, den man durchaus ernst nehmen kann. Kaum ist die Maschine zwischen Abgrund und Felswand gewendet, rollt ein sandbeladener Lkw rückwärts auf mich zu und drückt sich millimetergenau am hastig eingeklappten Spiegel der BMW vorbei. Der Fahrer grüßt, die Kippe im Mundwinkel, mit unbewegtem Gesicht.

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