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Offroad-Tour in Washington Rainforest Ride in der Nähe von Seattle

War es der Jetlag, die Vorfreude auf die Enduro-Tour oder die neue Bekanntschaft mit interessanten Menschen? Geschlafen hat MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer beim Rainforest Ride in der Nähe von Seattle wenig.

"Du wirst begeistert sein von dieser Offroad-Tour. Gib mir Bescheid.“ Jeremy LeBreton tippt mit dem gestreckten Zeigefinger auf eine virtuelle Telefontastatur, dreht sich um und verschwindet in der Menge der Messebesucher auf der „Motorräder“ in Dortmund.

Was für eine abgedrehte Idee, für eine Zwei-Tages-Enduro-Tour im nordwestlichsten US-Staat um den halben Erdball zu fliegen. Das wäre doch, als würde man zum Skifahren in die Rocky Mountains fahren, zum Baden nicht ins Freibad pilgern, sondern auf die Seychellen fliegen oder zum Radfahren mal eben nach Südafrika reisen…

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Rainforest Ride in den Olympic Mountains

Vier Monate später. Das schlechte Gewissen hat mittlerweile klein beigegeben, sein letzter Rest ist nun endgültig weggewischt von der Pfadfinder-Atmosphäre auf dieser Lichtung. Zelthäringe werden in den moosbedeckten Boden geklopft, das Lagerfeuer frisst sich knackend durch die dünnen Anfeuerspäne. Das Bollern von Motoren mischt sich immer wieder dezent in diese Idylle. Graubärtige Mittsechziger blubbern mit ihren alten BMW GS-Boxern genauso daher wie drahtige Mittzwanziger auf KTM-Wettbewerbsenduros, zierliche Damen bugsieren ihre Suzuki DR 350 mit demselben Elan zu einem freien Zeltplatz wie untersetzte Best Ager ihre Yamaha Ténéré.

Kein Zweifel, der Hoh Rainforest Ride scheint bei den Bikern auf ihren Dualsport-Maschinen, wie man in den USA das Segment von gemäßigten Sport- bis großen Reiseenduros nennt, angesagt zu sein. Und Schuld daran hat Jeremy. Der Selfmade-Unter-nehmer produziert in Seattle unter seinem Label AltRider seit vier Jahren Anbauteile für die populärsten Reiseenduros und organisiert einmal im Jahr im riesigen Waldgebiet der Olympic Mountains besagten Rainforest Ride.

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Hunderte von Kilometern legal befahrbar

Vom urwüchsigen Regenwald ist am nächsten Morgen freilich wenig zu sehen. Erstens, weil Dave, mein Vordermann, eine dichte Staubfahne hinter seiner 450er-KTM EXC herzieht, und zweitens, weil fast alle Baumriesen vor etwa 100 Jahren als Bauholz in den kalifornischen Küstenstädten endeten. Nur ein karger Rest von gerade mal 40 Quadratkilometern blieb übrig. Den Großteil der etwa 100 mal 150 Kilometer großen Halbinsel prägen seither diverse Nadelhölzer, lassen die Landschaft dadurch frappant an den Schwarzwald erinnern. Mit einem entscheidenden Unterschied: Das Hunderte von Kilometern lange Netz der Wirtschaftswege ist samt und sonders legal befahrbar. Wie in einem Naturtunnel schwingen wir uns im Schlepptau von Dave über diese Forest Roads. Rechts, links, rechts, der festgefahrene Sandboden und die langen Bögen reizen, den Gaszug zu spannen. Auch Dave will sehen, was seine Gruppe draufhat. Uuuuaah - das Vorderrad meiner BMW F 800 GS schiebt beängstigend zur Kurvenaußenseite.

Gas weg, Bein raus oder doch Gas geben? Die Entscheidung nimmt mir der Zweizylinder ab. Die Front fängt sich im griffigeren Randstreifen. Noch mal gut gegangen. Ob Dave was bemerkt hat? Er scheint ein Gefühl dafür zu haben, welches Tempo machbar ist. Kein Wunder, der 45-Jährige wohnt am Rand des Nationalparks und arbeitet hauptberuflich als Motorrad-Tourguide. Er kennt hier jeden Weg und Steg. Wir dagegen haben die Orientierung längst verloren. Zum Glück schrauben wir uns nach oben. Allmählich lichtet sich der Wald, gibt endlich den Blick frei. Am Horizont sehen wir die Olympic Mountains mit den Gletschern des 2428 Meter hohen Mount Olympus hinter den Baumwipfeln hervorspicken.

Uns stockt der Atem. Dieser Mensch ist wahnsinnig.

Wir stellen die Motoren ab. Totenstille. Kaum zu glauben, dass Olympia, die Hauptstadt des Bundesstaates Washington, gerade mal 60 Kilometer entfernt ist. Dave lässt sich nur selten auf den Trubel der Stadt ein, erzählt uns lieber ehrfurchtsvoll von der Geschichte dieses Landstrichs. Zum Beispiel, dass die Namensgeber des Regenwalds, der Stamm der Hoh-Indianer, Mitte des 19. Jahrhunderts als Sklaven verschleppt wurden. Heute lebt der kümmerliche Rest der nicht mehr als 200 Nachfahren dieser Ureinwohner in einem winzigen Reservat an der Mündung des Hoh Rivers in den Pazifik.

Foto: Mayer
Schwindelfrei? Auch wenn die Rettungsaktion von Guide Dave (links) nur ein Schwindel war-anschließend fuhr der Bursche mit seiner Enduro über diese Brücke. Geländer? Fehlanzeige.
Schwindelfrei? Auch wenn die Rettungsaktion von Guide Dave (links) nur ein Schwindel war-anschließend fuhr der Bursche mit seiner Enduro über diese Brücke. Geländer? Fehlanzeige.

„Let’s go!“ Auf geht’s! Daves klare Anweisungen klingen so scharf wie ein Befehl bei den US Marines. Auch wenn der stämmige Bursche schon beim ersten Wort grinst, wagt dennoch keiner zu zaudern. Vielleicht wollte uns unser Chef auf Zeit auch nur wachrütteln. War das einmal ein Weg, oder soll’s erst noch einer werden? Tief hängen die Zweige in unsere Fahrspur. Wir machen uns so flach auf unseren Maschinen wie die amerikanischen Dirttrack-Profis bei Vollgas auf den Mile-Ovalen. Ein paar Hundert Meter später wartet Dave bereits, deutet uns mit ausgestrecktem Arm weiterzufahren. Doch keiner von uns wird je schneller gebremst haben. Bereits der Anblick genügt für gemeinschaftliches Herzrasen. Eine für den Holztransport um die Jahrhundertwende gebaute Eisenbahnbrücke führt über eine gut und gern 100 Meter tiefe Schlucht. Zwei rostige Schienenstränge, wenig vertrauenerweckende Schwellen, kein Geländer. Nicht einen Fuß würde einer von uns je auf dieses Bauwerk setzen, ein Rad schon gar nicht. Dave grinst, schwingt sich auf seine KTM, fährt die 300 Meter zur gegenüberliegenden Seite und wieder zurück. Uns stockt der Atem. Dieser Mensch ist wahnsinnig. Wir nicht.

Und nicht nur wir. Die Umleitung für Hasenfüße ist so zerfahren wie eine Motocross-Strecke. Überhaupt sind die schnellen Forststraßen längst vergessen. Auf schmalen Singletrails schrauben wir uns die Hänge hinauf und hinunter. Wer ihn noch nicht kannte, versteht spätestens jetzt den Geist des Trailridings: immer gefordert, aber nie gestresst zu sein.

Elch-Gulasch und über dem Feuer gegarte Austern

John, auch auf einer F 800 GS unterwegs, kennt das. Zwischen Mai und Oktober verbringt er fast jeden Monat ein ganzes Wochenende in diesen Wäldern. „Zelt, Schlafsack, Ersatzkanister, ein paar Brötchen, das reicht“, meint der hünenhafte Bursche, der so ganz und gar nicht wie ein Abenteurer wirkt. Etwa drei Stunden braucht er von seiner Motorradvermietung in Seattle per Achse hierher. Motorradvermietung? „Die gehört mir“, deutet John auf meine BMW. Gut, dass ich damit Dave nicht über die Brücke gefolgt bin, oder?

Es dämmert. Als wir unsere Lichtung erreichen, liegt der dichte Rauch des Lagerfeuers über den Zelten. Eine Familie des Skokomish-Stammes hat für die insgesamt etwa 100 Biker aufgekocht. Elch-Gulasch und über dem Feuer gegarte Austern. Einfach nur köstlich. Man stößt mit Bud Light an. Fast alle stammen aus der Gegend um Seattle, arbeiten bei Boeing oder den Zentralen von Amazon, Microsoft oder Starbucks. Die Branchenriesen machen die Gegend wohlhabend. Viele der Motorradfahrer waren schon in Europa, haben Paris, Rom und - natürlich - Heidelberg besucht. Ein paar sind sogar als Kinder von Army-Soldaten in den US-Kasernen in Deutschland aufgewachsen, erfüllen mit ihrem rudimentären deutschen Sprachschatz grinsend jedes Klischee: guten Tag, Eisbein, Oktoberfest.

Die Weite entspannt das Miteinander

Man ist interessiert, kann über sich selbst lachen, jeder hat für den anderen ein nettes Wort. Die sprichwörtliche Oberflächlichkeit der Amerikaner? Mag sein. Angenehm ist die Atmosphäre trotzdem. Und überhaupt: für zwei Tage Endurofahren in die USA zu fliegen? Wo ist das Problem? Schade sei es trotzdem. Washington böte für Dualsport-Bikes auch jede Menge verschlungener Straßen oder für den großen Urlaub natürlich den 2500 Kilometer langen Highway 101, die malerische Küstenstraße bis hinunter zur mexikanischen Grenze. Träume. Noch.

Ob Dave am nächsten Tag bemerkt hat, dass Zelt und Schlafsack unsere Maschinen unhandlicher gemacht haben? Offensichtlich nicht. Wir rumpeln fußelnd über Geröllfelder, balancieren schmale Grate entlang, genießen immer wieder tolle Aussichten, treffen hier und da auf einsame Angler oder Wanderer. Kein böses Wort fällt, die Weite entspannt das Miteinander. Vielleicht auch, weil Barry auf seiner einzylindrigen KTM Adventure bei jedem Stopp reihum Landjäger anbietet. Die Dauerwürste kennt er seit einem Europa-Trip vor drei Jahren. Eine Sechs-Tage-Rundreise zu den Brauerei-Hochburgen in Belgien, Tschechien und Deutschland. Nach Chimay, Pilsen und Bamberg. Nur zum Biertrinken? Das wäre ja wie Ja, wie zum Endurofahren in die USA zu fliegen.

Foto: Archiv

Infos

Jeremy LeBreton
Der Hoh Rain-forest Ride ist für den Organisator dieser Offroad-Tour nur ein Wochenend-Vergnügen. Im wirklichen Leben ist der umtriebige 33-Jährige Chef seiner vor vier Jahren gegründeten Firma AltRider (www.altrider.com). Der Fokus liegt auf Zubehör für Reiseenduros, das der zweifache Bachelor (Fine Arts und Business) selbst entwickelt und bei Zulieferern in Seattle fertigen lässt.

David McKay
Der hauptberufliche Motorrad-Guide wohnt im Nationalpark und kennt dort jeden Weg und Steg. Mit seiner Firma Griptwister Tours (www.griptwister.com) bietet er geführte Touren an (30 US-Dollar je Stunde, geteilt durch die Teilnehmerzahl), offeriert aber auch Leih-GPS-Geräte mit aufgespielten Routen. Den 45-Jährigen erreicht man per E-Mail oder über die Mobilnummer 0 01/36 07 91 11 28.

John Isenberg
Zwischen seinen Motorrad-Offroad-Ausflügen in die Olympic Mountains betreibt der lässige 46-Jährige die Motorrad-Vermietung Motoquest (www.motoquest.com). Durch die Niederlassungen in Anchorage/Alaska, Seattle und San Diego/ Kalifornien sind auch One-Way-Mieten möglich. Der Preis: etwa 115 US-Dollar pro Tag für eine BMW R 1200 GS. Johns Mobilnummer: 0 01/20 66 01 45 24.

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