Oman Erste Begegnung

Zerklüftete Berglandschaften, Wüsten und Sandsträne, viel orientalisches Flair und eine moderne Infrastruktur – eine Endurotour durch den Oman ist ein idealer Einstieg in die arabische Welt.

Es ist nicht schwer, als Tourist im Oman aufzufallen. Außer mir und David sind am Flughafen der Haupstadt Maskat praktisch keine anderen Urlauber gelandet. Aber wir ziehen aus einem weiteren Grund die Blicke der vielen Taxi- und diversen Autofahrer auf uns: David und ich spazieren in Crossstiefeln und kompletter Motorradkluft mit unseren Gepäckwagen über die Autobahn in Richtung Zolllager. Dort warten unsere Motorräder, die wir per Luftfracht vorausgeschickt haben. Um zwei Uhr nachts tut sich dort allerdings recht wenig, weshalb wir uns einfach vor dem Schalter für ein paar Stunden schlafen legen.Tatsächlich können wir – wenn auch nach zähen Verhandlungen – am nächsten Morgen Davids Yamaha XT 600 und meine 750er-Cagiva Elefant auspacken. Und gleich losfahren. Der Oman zeigt sich, obwohl eigentlich (noch) kein typisches Reiseland für individuelle Motorradreisende, als erstaunlich unbürokratisch. Und als ideales Winterfluchtziel. Waren es beim Abflug in Deutschland minus zehn Grad, empfängt uns der Wüstenstaat mit strahlendem Sonnenschein. Sowie einer vorbildlich ausgebauten Autobahn, die während der ersten hundert Kilometer links und rechts äußerst üppig begrünt ist: Blumenbeete, golfplatzähnlicher Rasen und Palmen. Gepflegt von zahllosen indischen und pakistanischen Gastarbeitern. Da wir uns nach einer Abkühlung sehnen, fahren wir erst mal ans Meer, gelangen zu einer wunderschönen Badebucht, wo wir sofort unser Zelt aufbauen. Wildes Campen ist im Oman kein Problem. Das Land ist extrem sicher, die Menschen sind sehr freundlich.Tags darauf rauschen wir weiter entlang der Küste in Richtung Süden. Bei Qurayat endet der Asphalt, und es beginnt eine Piste, die jemand angelegt haben muss, der sonst für Hallen-Cross-Parcours verantwortlich ist. Hinter jeder Kuppe oder Kurve fragt man sich, wie‘s wohl weitergehen mag. Gewaltige Steigungen, enge Kurven und Kehren, als Untergrund feiner Lehmstaub. Unsere Endurofahrerherzen schlagen auf einmal schneller. Zumal wir immer wieder Abzweige in enge Schluchten und Wadis entdecken. Als absolutes Highlight erweist sich schließlich das Wadi Tiwi. Die spektakuläre Piste führt durch eine Schlucht, die von 800 Meter hohen, fast senkrechten Felswänden umschlossen ist – an denen Häuser wie Adlernester kleben. Auf dem Weg zum Dschebel Achdar, einem Gebirgszug, zieht das wüstenhafte Land alle Register. Enge Schluchten und ausgetrocknete Flussläufe, in denen manchmal nur Platz für eine Spur ist. Nach etlichen Kilometern tut sich zu unserer Rechten der tiefe Snake Canyon auf. Ein unheimlicher Anblick. Pechschwarzes Gestein, das das restliche Tageslicht, das noch in den schmalen Spalt fällt, fast zu verschlucken scheint. Am nächsten Tag lassen wir unsere Zelte einfach am Rand des Canyons stehen, um zu einem sehr abgelegenen Dorf in die Berge zu fahren. Eine Traumstrecke! Die Auffahrt entpuppt sich als so steil, dass ich es genau wissen will und meinen Kompass mit Winkelmesser hervorkrame. Satte 32 Prozent Steigung. Nicht schlecht. Eine Weile später erspähen wir am Felsen eine Handvoll Häuser über unseren Köpfen. Dort angekommen, genießen wir eine atemberaubende Aussicht und klebrig-süße Datteln, die uns von einer Schaar Kinder sofort angeboten werden.Wir halten uns weiter in Richtung Norden, biegen bei Ibri wieder zur Küste ab, folgen der Straße bis an die Grenze zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Unser Ziel: die Halbinsel Musandam, eine vom Nachbarland umschlossene Enklave des Oman. Wir müssen also ein kurzes Stück durch Emirate fahren. Aus- und Einreise erweisen sich als problemlos. In Khasab, der recht lebendigen Hafenstadt dieser omanischen Enklave, die ein Umschlagplatz von Schmuggelware in den Iran ist, wollen wir von den Motorrädern in eine Dhau umsteigen, um eine Seefahrt entlang der zerklüfteten Küste zu unternehmen – die vielen Fjorde haben diesem Kap die Bezeichnung »das Norwegen des Golfs« eingebracht. Aber Ausflüge mit den eigentümlichen Holzbooten, die Jahrhunderte lang für den Handel mit Afrika und Indien eingesetzt wurden, kosten ein kleines Vermögen. Zu viel für uns. Überhaupt ist der Oman ein teures Pflaster. Nur Benzin ist mit etwa 35 Cent pro Liter erfreulich günstig.Tags darauf reisen wir ein weiteres Mal in die Emirate ein, fahren bis nach Dubai. Was für eine Stadt. Luxus ohne Ende, futuristisch wirkende Gebäude. Und viel Hektik. Zuviel für uns. Nach kurzer Zeit kehren wir bei Hafit zurück in den Oman, geben Gas und halten uns südwärts, biegen schließlich bei Suma´ll auf die Strecke ab, die in die »Wahaybah Sands« führt, ein riesiges Dünengebiet. Wir decken uns mit Wasser, Benzin und Lebensmittel ein und lassen den Asphalt hinter uns.Noch ist die Piste recht gut. Und so tief gespurt, dass sie nicht zu verfehlen ist. Uns soll’s recht sein, wir müssen uns erst wieder an die Sandfahrerei gewöhnen, lockerer werden. Dann gibt’s kein Halten mehr. Hinein in die ersten Dünen. Wunderbar. David muss bei seiner XT ganz schön am Gas drehen, um voranzukommen. Meine Elefant hat zwar mehr Power, dafür muss ich schneller fahren, um mit dem schwereren Hobel nicht einzusinken. So hat jeder zu tun. Aber wir sind völlig begeistert. Das Gefühl, wenn das Motorrad über dem Sand zu schweben scheint, macht hochgradig süchtig. Und lenkt vom Wesentlichen ab: Nach einer Weile stellen wir fest, dass wir die anfänglichen Spurrillen verloren haben. Und nicht mehr finden können. Irgendwie verläuft alles im Sand.Laut Karte existiert eine weitere Piste, doch als wir mit Hilfe von Satellitennavigation die Position erreichen, an der sie eingezeichnet ist, sehen wir nur Dünen. Bis zum Horizont. Da es lediglich noch etwa 50 Kilometer bis zu unserem Ziel sind, beschließen wir, mittels GPS den »direkten Weg« durchs Gelände zu nehmen. Die 30 bis 50 Meter hohen Dünen sind glücklicherweise einigermaßen fest. So kommen wir recht zügig voran. Zumindest bis zu einer Ansammlung von nur drei bis fünf Meter hohen Sicheldünen, die uns das Leben plötzlich ganz schön schwer machen. Es gilt, flott zu fahren, um nicht einzusanden und dabei keinen Abbruch zu übersehen.Nach 25 Kilometern geben wir erschöpft auf. Wir kehren um, um irgendwie doch die Hauptpiste zu erreichen. Nach einer Stunde harter Arbeit erstrecken sich wieder die hohen Dünen vor uns, in denen wir anfangs so viel Spaß hatten. Wir sind erleichtert. Wie gut unsere Entscheidung war, erfahren wir ein paar Tage später, als man uns in einer Polizeistation Luftaufnahmen von diesem Gebiet zeigt. Die gesuchte Piste verläuft viel weiter nördlicher, als wir dachten. Im nahe gelegenen Sur, dem alten Ostafrikahafen, der einst das Zentrum der Seefahrernation Oman war, gönnen wir uns ausnahmsweise ein Hotel und ein Abendessen in einem der zahlreichen indischen Restaurants.Vor unserem Rückflug wollen wir noch einmal in das Dschebel-Achdar-Gebirge, um zum 2960 Meter hohen Jabal Kawr zu gelangen. Die Anfahrt des fast 3000 Meter hohen Gipfels ist atemberaubend, sie führt durch eine von tiefen Einschnitten geprägte Felsenlandschaft. Eine abgelegene Welt aus Stein. Am Abend stehen wir in 2000 Meter Höhe, genießen die im Sonnenuntergang rot glänzende Welt aus Granit. Plötzlich wird es kalt. Ein Blick auf das Thermometer zeigt ungewohnte fünf Gad. So werden wir in dieser Nacht ausnahmsweise einmal tief in die Schlafsäcke kriechen müssen. Am nächsten Morgen kommen wir nicht weit. Der Weg hinauf zum Gipfel verläuft durch militärisches Sperrgebiet – und der wachhabende Soldat keine Ausnahme für uns machen will. Etwas gefrustet treten wir den Rückweg in die Hauptstadt an. Eine für orientalische Verhältnisse ruhige Stadt. Mit kuriosen Gesetzen. Wer mit einem dreckigen Auto erwischt wird, zahlt Bußgeld. Um nicht negativ aufzufallen, gönnen uns zum Abschluss auf dem Bazar eine längst überfällige Rasur mit Gesichtmassage. Anschließend erstehen wir Datteln und Weihrauch. Um ein Stück Orient mit nach Hause zu nehmen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote