Ostalpen Über die Gipfel zur Adria

Ohne Umwege von Österreich nach Kroatien – mit ihren KTM-Enduros wollten Vater und Sohn eine Tour fahren, die dem Namenszusatz »Adventure« mal wirklich entspricht.

Foto: Royer

Das Bremslicht vor mir wird ebenso rasend schnell größer wie die davor urplötzlich auftauchende Spitzkehre. Jetzt hilft nur noch ein entschiedener Zug am Hebel! Eingekeilt zwischen Tankrucksack und Packsack steche ich mit tief abgetauchter Gabel ziemlich unelegant die Kurve runter, die komplette Straßenbreite einbeziehend. Glücklicherweise kommt niemand entgegen, der Fauxpas bleibt somit ungesühnt. Puh! Vermutlich ist es der aufkeimende Reisevirus, der mich so unaufmerksam macht. Gerade erst Graz und die sanften, südsteirischen Hügel verlassen, bietet die »Einreise« nach Kärnten das erste Highlight unserer noch jungen Tour.

Über die B 69, die mit bis zu 14 Grad Steigung auf 1349 Meter klettert und knapp 20 Kilometer herrliches Kurvenvergnügen bietet, schwingen wir die letzten Kehren hinab ins kärntnerische Lavamünd. Dort folgen wir der Hauptstraße über Bleiburg nach Ferlach, wagen uns langsam in touristischere Breitengrade vor. Obwohl die Wolkendecke kaum Sonnenstrahlen durchlässt, nimmt uns spätestens bei der ersten Kaffeepause die kärntnerische Gemütlichkeit in Beschlag. Endlich Urlaub! Das Gefühl wird ab Hermagor noch stärker, wo die Berge dichter zusammenrücken und die Motorräder in immer kürzeren Abständen entgegendonnern.


Erst im Gailtal, am Fuße des Plöckenpasses im Süden und dem Gailbergsattel im Norden, endet unsere erste Etappe. Idealer Ausgangspunkt für ausgiebige Pässetouren, Maschinen aus ganz Europa drängen sich im Tal, und wir planen für den nächsten Morgen einen Offroad-Ausflug. Auf halber Höhe finden wir den Einstieg zu einem Wanderweg und damit hoffentlich zur 1554 Meter hoch liegenden Joch Alm. Fehlanzeige. Nach wenigen Kilometern ist Schluss, ein Murbruch versperrt den Waldweg. Kein guter Start. Kurzes Beratschlagen über der Wanderkarte. Am gegenüberliegenden Berghang lockt ebenfalls eine Piste. Und tatsächlich, über einen geschotterten Sennerweg gelangen wir zur Waidegger Höhe auf immerhin stolzen 1961 Metern. Glücklich, endlich wieder in den Rasten zu stehen, rumple ich bergan und genieße die mit jedem Meter alpiner werdende Aussicht. Kühe weiden neben dem Weg, gelegentlich stauben ein Ausflügler im Auto oder Radler entgegen. Kurzzeitig cruist sogar ein historischer Geländewagen vor uns her. Die unterschiedlichsten Verkehrsteilnehmer mögen diese Pisten.

Bei der Einkehr in der Straniger Alm weisen uns die Tischnachbarn auf weitere legal befahrbare Schottersträßchen in unserer Karte hin. Doch wir wollen weiter nach Italien, das nur wenige Kilometer südlich beginnt. Dem Sennerweg folgend, überqueren wir auf einer steil abfallenden, schlammigen Passage die grüne Grenze. Bon giorno, Italia! Bald fängt uns der winzige, asphaltierte Passoa di Lanzo del Cason auf, der uns ein Stück westlich in Richtung Monte Paularo geleitet und zu dessen grober Schotterauffahrt. Außer einer winkenden Familie und einem entgegenkommenden GS-Fahrer sind wir allein unterwegs. Kurz vor dem 2043 Meter hohen Gipfel endet der Weg an einem kleinen See, malerisch von den Karnischen Alpen umrahmt. In Paularo treffen wir den GS-Piloten wieder, fachsimpeln beim ersten italienischen Espresso der Tour.

Da der Tag inzwischen munter voranschreitet, rollen wir über Tolmezzo zügig weiter nach Moggio. Dort gilt es erneut, einsamere und höher gelegene Straßen zu finden. Bei Sella Carnizza stehen bereits wieder gesunde 1000 Meter auf dem Höhenmesser, und bis zur slowenischen Grenze bei Uccea geht es in prächtigen, einsamen Serpentinen fast rennkursartig durch den Wald. Die Sonne befindet sich schon im Sinkflug, als wir unmittelbar nach dem verlassenen slowenischen Grenzposten die erste Abzweigung zum Stol nehmen. Der Asphalt mündet bald in einen frisch geschotterten Weg, der sich kontinuierlich in die Höhe schraubt. Nun beginnt echtes Enduro-Terrain! Als wir auf rund 1500 Metern am höchsten befahrbaren Punkt ankommen, taucht die Abendsonne gerade die umliegenden Gipfel in ihr schönstes letztes Licht. Schweren Herzens machen wir uns irgendwann an den unvermeidlichen Abstieg. Mit dem glühenden Feuerball im Rücken genießen wir die anspruchsvolle Talfahrt, bevor wir in Kobarid todmüde, aber glücklich ins nächstbeste Hotelbett fallen.

Das Ziel für den nächsten Tag ist klar: Wir wollen unbedingt ans Meer. Deswegen starten wir zeitig hinauf nach Livek, wo wir im äußersten Westen Sloweniens der kurvigen Grenzkammstraße in der Hoffnung auf ungeteerte Abschnitte über Kambresko bis ins pittoreske Kanal folgen. Leider sind nur kurze Passagen geschottert, doch die winzigen Dörfer inmitten der fast unberührten Natur entschädigen ebenso wie die strahlend grüne Soa im weiteren Verlauf Richtung Nova Gorica.

Dort wechseln wir, um Kilometer zu machen, kurz auf die dicht befahrene Hauptroute nach Postojna. Ein kleines Stück noch bis Cerknica, dann liegen die belebten Gebiete hinter uns, und wir rollen durch einsame Dörfer mit arg zerfurchten Straßen Richtung Kroatien. Bei der Einreise konzentrieren sich die kroatischen Grenzer mehr auf das Formel-1-Rennen im Fernsehen als auf unsere Pässe, nun – uns soll es recht sein. Dahinter folgt bis Delnice ein wahrer Kurvenrausch auf einer eng an den Berg geschmiegten, einspurigen Straße. Tückisch sind lediglich unerwartete Rollsplittpassagen. Die Zeit verfliegt, wobei das TagesHighlight noch vor uns liegt. Bei Belo Selo biegen wir nach Mrkopalj ab und gelangen schließlich in das entlegene Dorf Tuk. Dahinter beginnen die Naturreservate Bijele und Samarske Stijene, deren höchste Erhebung 1335 Meter emporragt. Eine Schotterstraße führt auf die die Matic-Poljane-Hochebene, wo 28 aufgereihte Kalkmonolithen an einen Partisanentrupp erinnern, der hier im Zweiten Weltkrieg erfroren ist. Am Ende der Ebene verschwindet die Piste tief in den dichten Wäldern der Naturreservate. Zwischen den dunklen Baumriesen ragen zunehmend moosbewachsene Steinblöcke hervor, und wir lenken die KTMs regelrecht durch kleine Felsschluchten. Ständig zweigen Seitenarme in noch tiefere Ecken der Reservate ab, doch wir folgen dem Hauptweg, der irgendwann wieder festen Asphalt unter die Reifen bringt. Über Jezerane nach Krizpolje lassen wir den Maschinen nun freien Lauf und rollen mit dem letzten Licht in Senj ein. Wir haben die Adria erreicht.


Unter strahlender Sonne klettern wir am nächsten Morgen bei Sveti Juraj die herrliche Küstenstraße hinauf ins Hinterland. Bald stehen wieder 1000 Höhenmeter an, und in Krasno wähne ich mich beinahe im alpinen Österreich. Vor uns liegt der Naturpark Velebit, unser erhoffter Offroad-Höhepunkt der Reise. Mit 2000 Quadratkilometern ist es das größte Gebirge Kroatiens. Was den Griechen ihr Olymp, ist den Kroaten der Velebit. Wir folgen dem Wegweiser nach Stirovaa in den dichten Wald und schon bald den Schildern zum Berg Zavizan. Gegen einen kleinen Obolus klettern wir die spaßige Schotterstraße zu einer auf knapp 1600 Meter prangenden Schutzhütte. Die Aussicht ist umwerfend: im Westen die karstige Küste samt der Inseln Krk und Cres, östlich das dichte Bergland des Velebit.

Je weiter wir dem schmalen Weg nach Stirovaa folgen, desto tiefer tauchen wir in den Nationalpark ein. Umfangreiche Forstarbeiten zeugen von dem Holzreichtum der Region, und außer gelegentlichen Holztransportern ist niemand unterwegs. Hinter ein paar verwahrlosten Waldarbeiterhütten endet der Asphalt. Der einsame Waldweg nimmt uns gefangen, sorgt für ein Gefühl, vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. Als gäbe es nur noch die Natur und uns. Wie euphorisiert stauben wir Richtung Kugina kua. Ein Punkt auf der Karte, der sich letztlich als Rasthäuschen mitten im Nirgendwo entpuppt. Auf zunehmend gröber werdender Piste holpern die KTMs langsam wieder in höhere Regionen. Plötzlich sehe ich die 950er meines Vaters über das Vorderrad wegrutschen. Zum Glück hat er genügend Tempo, um die große Enduro gerade noch einzufangen und dem drohenden Sturz zu entgehen. Bei näherem Hinsehen entdecken wir unter den Steinen feinsten Sand, der diese Rutschpartien auslöst.

Immer höhere Steindolmen türmen sich plötzlich rundum, und durch einen kleinen Tunnel gelangen wir direkt ins Innere eines solchen Miniaturrondels. Es ist unheimlich und überwätligend zugleich. Die Piste schwingt sich ein letztes Mal hoch hinauf, bis sie endgültig zu Tal stürzt, wo sie schlussendlich in eine asphaltierte Straße übergeht. Noch ein paar Kilometer, und Plitvika Jezera ist erreicht, der weltberühmte Nationalpark der Plitvika Seen, die letzte Station unserer Reise.

Leider reicht es nur für einen kurzen Zwischenstopp, denn wir müssen zügig auf Heimatkurs. Kein Schotter mehr, keine Pisten, lediglich öde Fernstraßen bis Zagreb. Erst die Umfahrung der Hauptstadt über Samobor führt überraschend, durch ein wunderschönes Weinbaugebiet und ein letztes herrliches Kurvendorado. Bei Bregana reisen wir nach Slowenien ein, Benzin und Essen gibt‘s wieder in Euro. Noch 100 Kilometer bis Maribor. Bald sind wir zu Hause.

Als ich abends in der Garage den Tripmaster durchgehe, stehen dort fast 1500 Kilometer. Davon null Autobahn, aber über 180 offroad. Schmutzig und mit deutlichen Furchen im Reifenprofil lehnen die KTMs auf den Seitenständern. Als könne es direkt weitergehen. Wer hätte gedacht, dass so viel Abenteuer fast hinter der Haustür beginnt?

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