Osteuropa (2)

Foto: Jung
Unsere Laune wird einzig durch den abendlichen Berufsverkehr getrübt. Nichts geht voran auf den hoffnungslos verstopften Straßen. Und dann verfahren wir uns auch noch auf der Suche nach einem Hotel. Endlich eingecheckt, heißt es schnell duschen und dann ab in die Altstadt. Enge Gassen, Kopfsteinpflaster, weite, prächtige Plätze, Kirchen, Paläste, barocke Häuserzeilen. Besucher aus aller Herren Länder wuseln umher, drängen mit uns in Richtung Karlsbrücke, die über die Moldau in den gegenüberliegenden Teil Prags führt – und zugleich die beliebteste Promenade der Stadt ist.

Verliebte Teenager, Reisegruppen, Straßenmusiker, Rentner, Geschäftsleute, eine Gruppe von Nonnen in langen, schwarzen Gewändern, die wie Schulmädchen herumalbern. Alle Welt scheint an diesem wunderbaren Sommerabend einen Blick von dem berühmten Viadukt hinunter auf den breiten Strom und hoch zur gewaltigen, über 1000 Jahre alten Burganlage, dem Hradschin, werfen zu wollen. Dem Reiz Prags kann sich offensichtlich niemand entziehen. Erst lange nach Sonnenuntergang verschwinden Yujin und ich in einer der über 1000 stets gut besuchten Bierstuben der Stadt. Dicke Rauchschwaden hängen unter der Gewölbedecke, alte Holztische, auf denen zwischen den Humpen üppig beladene Teller mit Fleisch und Knödeln serviert werden. Tschechische Küche. Deftig und schwer. Aber überaus schmackhaft. Wir ärgern uns, dass wir aus Zeitgründen nicht noch einen Tag in Prag bleiben können.

In der Slowakei empfangen uns Nebel und leichter Sprühregen. Nach der Hitze der letzten Tage eine fast willkommene Abwechslung. Ebenso der Verlauf der Straße, die sich durch die Kleine Fatra, ein winziges Kalksteingebirge, windet. Nicht dass diese Strecke in Konkurrenz zu irgendwelchen Alpenpässen treten könnte – doch nach der Bummelei durch die sanft geschwungene tschechische Hügellandschaft kommt auf einmal Dynamik ins Spiel – erstmals während dieser Tour kratzen sogar die Fußrasten das eine oder andere Mal über den Asphalt.

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Foto: Scholz
Nach einem Schlenker in Richtung Norden landen wir am Orava-See, der die Grenze zu Polen markiert. Von einem Hügel erblicken wir die zackigen Umrisse der Hohen Tatra, und kurz vor Sonnenuntergang haben wir diesen völlig unvermittelt aufragenden Gebirgszug erreicht, der werbeträchtig als das „kleinste Hochgebirge der Welt“ bezeichnet wird: Gerade einmal 26 Kilometer lang, bietet dieses Massiv 20 Gipfel, die höher als 2500 Meter sind. Das „Dach der Tatra“, die Gerlachspitze – oder Gerlachovský stít –, ragt immerhin 2655 Meter hoch in den rötlich schimmernden Abendhimmel. Ein Zeltplatz direkt am Fuße dieses „Bergriesen“ kommt wie gerufen.

Am nächsten Morgen streikt die Pegaso. Die Batterie hat ihren Geist aufgegeben, und der Bock lässt sich nur noch anschieben. Keine gute Aussichten, wenn man es eilig hat. Also ab in die nächste größere Stadt, nach Poprad.

Dort treffen wir beim Tanken einen jungen Burschen, der nahezu perfekt Deutsch spricht und sofort anbietet, uns zu einer Werkstatt zu bringen. In der findet sich zwar kein entsprechendes Ersatzteil, aber bis zum Abend würde dem Mechaniker schon eine Lösung einfallen, verspricht der Junge. Mit einem zugegeben unguten Gefühl im Bauch lassen wir unser Motorrad zurück – und hoffen, nicht in die Fänge der osteuropäischen Mafia geraten zu sein, die scharf auf unser Gefährt ist. Einige Stunden später erweisen sich unsere Sorgen als völlig unbegründet: Stolz drückt Mikus, der Mechaniker, auf den Anlasser, und sofort erklingt das vertraute Stampfen des Einzylinders. Mit einem Tag Verspätung kann es weitergehen.

Für Ungarn bleibt deshalb noch weniger Zeit, als ursprünglich geplant. Hinter Miscolc biegen wir auf dem Weg nach Eger dennoch für einen kurzen Abstecher ins winzige Bükk-Gebirge ab. Die gewundenen Strecken sind in fester Hand der örtlichen Sportfahrerfraktion. GSX-R und Co. fliegen förmlich an uns vorbei – na klar, Wochenende. Wir drehen wieder ab, Richtung Eger, eine der schönsten Barockstädte Ungarns. Einfach dran vorbeifahren? Unmöglich. Zumindest ein kurzer Gang durch die Fußgängerzone muss sein. Herausgeputzte, bunte Fassaden, unzählige Kneipen und Cafés, ein weitläufiger Markplatz, auf dem an diesem herrlichen Spätsommertag reges Treiben herrscht. Die Stadt ist auf Anhieb überaus sympathisch. Der weitere Weg dagegen nicht: Monoton führt die Fahrt ohne jede Abwechslung durch die Puszta. Die für die Jahreszeit ungewöhnlich heiße Luft scheint über dem vollkommen platten Land zu stehen, und nirgends ein Baum, der Schatten spenden könnte. Es fällt schwer, nicht am Lenker einzuschlafen.

Am späten Nachmittag endlich die Grenze zu Rumänien, der letzte von vier Übergängen. Etwas unwohl ist uns beim Anblick der streng schauenden Beamten schon. Entgegen allen Befürchtungen lässt man uns jedoch nach kurzer Kontrolle problemlos passieren. Kein Auspacken, kein schikanöser bürokratischer Hürdenlauf, keine Forderung nach Schmiergeld. Andere Erwartungen werden allerdings gleich nach dem Übergang bestätigt: Der Zustand der Straße ist miserabel, und die meisten Häuser Oradeas müssten dringend renoviert werden. Beim Ampelstopp werden wir von einem aufdringlichen Bettler bedrängt. Erstmals sind wir ein wenig verunsichert. Zum Glück finden wir in einem Vorort recht schnell ein nette Herberge.

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