Osteuropa (2)

Foto: Schröder
Zum Glück nur noch ein Katzensprung bis Sevastopol’. Bis 1996 hätten wir uns dieser prächtigen und überaus lebhaften Hafenstadt nicht einmal nähern dürfen. Militärisches Sperrgebiet. Abgeschottet bis zum Gehtnichtmehr. So was macht neugierig. Wir wollen unbedingt einen Blick auf die geheimnisumwitterte russische Schwarzmeerflotte werfen. Oder dem, was Rost und Finanznot davon übrig gelassen haben: ein paar Kreuzer und U-Boote, die in der von abgewirtschafteten Hafenanlagen gesäumten Bucht im Südwesten der Krim vor sich hingammeln.

Wir halten Kurs auf Jalta. Preschen entlang der von Zypressen und Reben gesäumten Küstenstraße, die um die sonnenverwöhnte Südspitze der Krim herumführt. Was für eine grandiose Strecke nach dem Alptraum der letzten Tage! Auf der einen Seite weiße, bis zu 1000 Meter hohe Klippen, auf der anderen die türkise See mit verlockenden Badebuchten. Surfer und Jetskis wie am Mittelmeer, Bikinis wie an der Copacabana, Cafés und Bars, aus denen Soundtracks a la Café del Mar schallen. Für die 75 kurvigen Kilometer bis Jalta geht ein ganzer Tag drauf – und ein weiterer in dem durch die gleichnamige Konferenz weltberühmt gewordenen Seebad selbst: Roosevelt, Churchill und Stalin haben 1945 im nahen Livadija-Palast die Teilung Europas nach Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmt. Kein Ort, an dem man einfach vorbeirauscht. Vielleicht haben wir uns auch ein wenig von der Lebenslust der urlaubenden Ukrainer anstecken lassen. Auf Jaltas schriller Promenade wird bis in den Morgen gefeiert.

Unverändert genial der weitere Verlauf der Strecke bis Feodosija. Eine einzige Kurvenorgie, zumeist am Meer entlang. Zunächst fühlen wir uns in die üppig grünen Hügel der Toskana versetzt, kurz darauf in das karge Andalusien. Schließlich die letzten Kilometer in der Ukraine bis zum Hafen von Kerc. Eine Fähre bringt uns über den Kanal, der das Schwarze mit dem Asowschen Meer verbindet und gleichzeitig die Grenze zu Russland markiert. Wir sind nervös. Horrorgeschichten über korrupte russische Beamte schießen durch unsere Köpfe, über Willkür, Schikane und exorbitante Schmiergeldforderungen. Für alle Eventualitäten knistert ein Bündel US-Dollar in meiner Jackentasche. Unnötig, wie sich herausstellt. Das Ausfüllen der kyrillischen Formulare gerät zum Happening an dem kleinen Posten. Andere Reisende und die Beamten erteilen uns geduldig eine Lektion in ihrer Landessprache. Nach nicht einmal zwei Stunden rollen wir über russischen Asphalt.
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Karte: Maucher
Jetzt sind wir nicht mehr zu bremsen. Anapa, Novorossijsk, das Kaff Dzubga, hinter dem wir die Küste verlassen und endgültig den Elbrus anpeilen. Zwei fantastische Fahrtage. Die kleinen Dörfer mit ihren einfachen, bunten Holzhäusern, dichte Wälder und die Weite, durch die wir gleiten, erinnern an Bilder aus Sibirien. Die Hektik der ukrainischen Straßen ist diesem abgelegenen Teil Russlands völlig fremd. Schließlich künden die ersten Hügel und Berge die Nähe zum Kaukasus an, dessen wild gezackte Kontur wir gelegentlich ausmachen können. Der absolute Wahnsinn! Die beiden BMW laufen auf einmal wie von selbst. Viele Straßensperren lassen jedoch spüren, dass der nahe Gebirgszug, der die Grenze zu Georgien markiert eine hochsensible Region ist.

In Karacajevsk müssen wir uns entscheiden. Der eigentliche Weg zum Elbrus nähert sich dem abgelegenen Berg von Osten her – was für uns hin und zurück zwei weitere, lange Fahrtage bedeuten würde. Zeit, die wir eigentlich nicht mehr haben. Viel verlockender erscheint uns eine Piste, die laut Karte bis ins knapp 50 Kilometer entfernte Khurzuk führt – ein winziges Bergnest, das nah der Westflanke des Elbrus liegen muss. In einer Stunde könnten wir dort sein.

Wie euphorisiert von dem Gedanken, noch vor Sonnenuntergang am Ziel unserer Reise anzukommen, preschen wir durch eine beeindruckende Schlucht. Rechts und links 2000, vielleicht 3000 Meter hohe Bergspitzen. Jetzt müssten wir eigentlich ganz nah dran sein! Hinter Khurzuk, kaum mehr als zwei Hand voll armselige Hütten, endet schließlich der Asphalt. Eine Piste folgt einem Wildbach – und die Richtung müsste stimmen. Für das fantastische Tal, durch das der Weg führt, haben wir kaum einen Blick übrig. Unsere Augen sind stur nach oben gerichtet. Der Gipfel des Elbrus – bloß nicht daran vorbeifahren. Weit kommen wir allerdings nicht – der Weg endet vor einem militärischen Checkpoint. Die Grenzregion zu Georgien ist Sperrgebiet.

Zurück nach Khurzuk, das bereits im Schatten liegt. „Elbrus?“ Wir fragen ein paar verwegen aussehende Hirten. Sie zeigen nach links oben. Tatsächlich – zwischen zwei Bergen ragt eine gewaltige Schneeflanke hervor, die schließlich in den Wolken verschwindet. Der Elbrus muss riesig sein. Es gäbe einen Weg, der genau dorthin führe. Auf unserer Karte ist dagegen nicht einmal die Schlucht verzeichnet, in die wir kurz darauf einbiegen.

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