Osteuropa / Türkei (2)

Foto: Frank Wolf
Einige Tage später geht’s zurück an die Küste des Schwarzen Meeres. Vom mondänen Ferienort Soci soll es eine Fähre in die osttürkische Hafenstadt Trabzon geben. Das Schiff existiert tatsächlich – ein betagter ehemaliger Ostseedampfer, auf dem ich zu meiner großen Überraschung ein holländisches Paar treffe, das auf ihren beiden Enduros nach einem Trip durch Russland nun ebenfalls die Osttürkei als Ziel hat. Nach sechs mehr oder weniger einsamen Wochen tut Gesellschaft sehr gut. In Trabzon angekommen, brechen wir gemeinsam auf, um das bis zu 4000 Meter hohe pontische Gebirge, das gleich hinter der Hafenstadt aufragt, zu erkunden.

Bereits nach 40, 50 Kilometern keine Spur mehr von der Hektik unten an der Küste. Allenfalls ein abgelegenes Bauerndorf taucht auf, auf dessen Dächern nur die montierten Satellitenschüsseln an das 21. Jahrhundert erinnern. Gegen Mittag steht unser Trio ratlos vor einer Abzweigung und starrt auf die Karte. Doch die staubige Piste ist längst nicht mehr auf dem Blatt verzeichnet. Die Intuition entscheidet. Ein Blick genügt, und wir sind uns einig. Links entlang. Irgendwo wird der Weg schon enden, die grobe Richtung stimmt auf jeden Fall.

Ich gebe Gas, jage mit einer langen Staubfahne im Schlepp von Kehre zu Kehre. Die Strecke – wie gemacht für die Africa Twin. Weiter oben in den Bergen verschlechtert sich der Weg, gleicht wenig später einem steinigen Bachbett. Die schwerbeladene Fuhre auf Kurs zu halten, entpuppt sich auf einmal als Schwerstarbeit. Es lauern zudem unzählige tiefe Gräben, und in den vielen steilen Kehren habe ich Mühe, das Vorderrad am Boden zu halten. Kurz darauf ist endgültig Schluss. Der Weg verläuft sich in einer hochalpinen Felsenwüste. Hier würde man allenfalls auf einem Esel weiterkommen. In Sachen Navigation müssen wir wohl noch ein wenig an unserer Intuition arbeiten. Langsam rollen wir im ersten Gang wieder zurück in Richtung Küste.
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Foto: Frank Wolf
In einem Bergnest verspricht ein kleines Kaffeehaus Abwechslung. Drinnen ausschließlich Männer, die ihre Zeit mit Tee trinken und Tavla spielen – die türkische Backgammon-Variante – vertreiben. Für einen Moment herrscht vollkommene Stille im Raum, denn mit drei verstaubten Motorradfahrern rechnet hier niemand. Gleich darauf werden Stühle gerückt und die fremden Gäste eingeladen, Platz zu nehmen und zu erzählen, woher sie kommen. Unzählige Tassen Tee machen die Runde, von denen wir keine einzige bezahlen müssen. Die Freundlichkeit und überschwängliche Gastfreundschaft der Türken ist beeindruckend.

Kurz vor der Abenddämmerung entdecken wir einen traumhaften Lagerplatz auf einer Almwiese. Noch bevor die Zelte stehen, taucht die untergehende Sonne die von Rhododendren bewachsenen Hügel in ein rot glühendes Farbenmeer. Wenig später kocht das Nudelwasser, sitzen wir im weichen Gras und genießen die Ruhe um uns herum. Ein glücklicher Moment. Vier weitere Tage treiben wir die Enduros durch diese einsame Bergwelt. Über Asphalt rollen wir erst wieder kurz vor Rize schon fast an der Küste.

Wir preschen bis zur Hafenstadt Hopa und dringen weiter in den Osten des riesigen Landes ein. Über Kars führt der Weg zuerst an der georgischen Grenze entlang, dann an der armenischen, die kurz vor Igdir direkt an der Straße verläuft. Dann drängen sich schneebedeckt ins Bild: der Ararat und sein kleinerer Bruder Küçük Agri Dagi. Zwei einsame Riesen, majestätisch aus der ostanatolischen Hochebene aufragend und Konzentrationspunkt unzähliger Mythen und Legenden. Nach der alttestamentarischen Sintflut soll auf dem Gipfel des Ararat die Arche Noah gestrandet sein. Außerdem war seine Besteigung bis ins Jahr 2000 nur in Ausnahmefällen genehmigt, und auch heute darf man diesen Berg nur mit offizieller Erlaubnis und Führer erklimmen. Ein Abenteuer, das ich mir trotz aller bürokratischen Hürden und Kosten nicht entgehen lassen möchte.

Bereits am übernächsten Tag starte ich zusammen mit zwei Belgiern und dem Guide Juma von Dogubayazit aus in Richtung Ararat. Zuerst per Geländewagen, später zu Fuß bergauf bis ins erste, von Nomaden betriebene Lager. Da die bergsteigerischen Ambitionen meiner beiden Begleiter eher gering sind, verlasse ich am nächsten Tag mit Erlaubnis des Führers die Gruppe und nehme den Rest des Anstiegs alleine in Angriff. Im Basislager auf 4500 Meter Höhe schlage ich schließlich mein Zelt auf. Schmutzigbraune Schneezungen reichen fast bis zum Camp, in dem eine illustre Runde von internationalen Bergsteigern ihre Zelte auf jeden freien Fleck zwischen Steinen und Felsbrocken gequetscht hat.

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