Osteuropa / Türkei (3)

Foto: Frank Wolf
In der Morgendämmerung breche ich bei bestem Wetter zum Gipfel auf. Nach der Besteigung des Elbrus ist mein Körper noch immer recht gut an die sauerstoffarme Höhenluft gewöhnt. Ich komme rasch voran und stehe bereits um neun Uhr mutterseelenallein auf dem Gipfel des Ararat. Durch den dichten Dunst lassen sich die 4000 Meter weiter unten gelegenen Häuser von Dogubayazit erkennen. Ich fühle mich so leicht, als könnte ich ins Tal schweben, werde von einer fast irrationalen Euphorie ausgefüllt.

Nach zwei Ruhetagen in Dogubayazit wird es langsam Zeit, den rund 6000 Kilometer weiten Heimweg anzutreten. Als der riesige Van-See in Sicht kommt, haut es mich fast aus dem Sattel. Ein türkis schimmerndes Gewässer, dass von bis zu 4000 Meter hohen, zumeist schneebedeckten Bergen umrahmt ist. Durch den ungewöhnlich hohen Sodagehalt fühlt sich das Wasser seidenweich und seifig an – wer hier seine Klamotten waschen will, braucht kein Waschmittel. An der Nordseite des Sees findet sich in einer idyllisch gelegenen Kiesbucht ein perfekter, ungestörter Platz zum Campen. Und wie zur Krönung lässt der Vollmond das Wasser nachts taghell glitzern.

Nach dem trostlosen Tatvan führt die Straße ganz allmählich vom Hochland hinab in die südostanatolische Tiefebene. Es wird spürbar wärmer, und südlich von Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden, windet sich die Strecke über Kiziltepe und Siverek weitgehend durch sonnenverbrannte Steppe. Die türkische Regierung hat mit dieser Region Großes vor: Durch den Bau von 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken an Euphrat und Tigris sollen im Rahmen des milliardenschweren „Südostanatolien-Projekts“ bis 2010 neben Arbeitsplätzen auch fruchtbares Ackerland geschaffen und ein Teil der Energieversorgung des Landes sichergestellt werden. Über die ökologischen Folgen, die solch ein massiver Eingriff in die Natur mit sich bringt, kann nur spekuliert werden.
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Foto: Frank Wolf
Per Fähre gelange ich über den gigantischen Atatürk-Stausee, nehme anschließend die steile Auffahrt zum Nemrut Dagi unter die Räder, die bis auf eine Höhe von 2000 Meter führt. Der 150 Meter höher gelegene, künstlich errichtete „Schotter“-Gipfel gilt als der größte Grabhügel der Welt, geschaffen vor über 2000 Jahren vom makedonischen König Antiochus I. Der größenwahnsinnige Herrscher ließ zudem rund um sein Grabmal mächtige Felsenreliefs und bis zu neun Meter hohe Statuen errichten, die ihn und vier Götter der römischen Geschichte zeigen. Auf den beiden windigen Terrassen sind allerdings nur noch die übergroßen Köpfe zu sehen, die mit fremdartigen Blick in die Ferne starren. Schwer verständlich, dass dieses archäologische Juwel erst 1881 entdeckt wurde. Ich sehe dem Stein-Apollo noch mal tief in die Augen und steige den schmalen Pfad wieder hinunter, gerade noch rechtzeitig, um dem Trubel zu entgehen, den drei eintreffende Reisegruppen veranstalten.

Der Rest der dreimonatigen Reise vergeht wie im Fluge. Ich durchquere zügig Anatolien bis zur ägäischen Küste – Pausen kann ich mir aus Zeitgründen leider kaum noch leisten. Ein Blick auf die Sinterterrassen von Pamukkale, ein kurzes Bad im Meer bei Çesme, eine Stippvisite in der Metropole Istanbul, und in zwei Tagen durch Bulgarien, Jugoslawien, Kroatien und Slowenien bis heim nach Innsbruck – während der letzten 2000 Kilometer habe ich praktisch nur noch zum Tanken und zum Schlafen gehalten. Kurz vor meiner Haustür gönne ich mir schließlich einen Hotdog an einer Würstchenbude. „Wo kommen’s denn her, an so einem schönen Tag?“ fragt die Verkäuferin. „Ich bin eine Runde Motorrad gefahren“, antworte ich verschmitzt, „eine Runde ums Schwarze Meer.“

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