Osteuropa Grenzwert Teil 1

Seit 2004 ist Europa im Osten neu definiert: Die EU-Grenze wurde deutlich verschoben. Zwei Motorradfahrer sind ihr 3800 Kilometer weit gefolgt, von Piran am Mittelmeer bis zu den baltischen Staaten an der Ostsee. Im ersten Teil geht’s auf kleinen Wegen durch Slowenien, Ungarn, Rumänien und die Slowakei.

Foto: Daams

Sorry, I don‘t know.« Die junge Fischverkäuferin mit dem neckischen Sweetly auf dem T-Shirt lacht. Klar, blöde Frage, wie soll sie sich auch an den Sommer 1991 erinnern, in dem die baltischen Länder nach langer Zwangsehe mit Moskau (Hitler-Stalin-Pakt) die Unabhängigkeit zurückgewonnen haben? Und damit ein weiteres Stück aus dem Ostblock brach, der sich schließlich neu orientierte und 2004 durch den EU-Beitritt von acht ehemals kommunistischen Staaten Anschluss an den Ex-Klassenfeind fand. Eine Schleuderwende um 180 Grad. Ging »Sweetly« 1991 noch nicht einmal zur Schule, so sammelt sie nun für ihr BWL-Studium praktische Erfahrungen zum Thema Angebot und Nachfrage an der estnisch-russischen Grenze. Falls nicht gerade zwei abenteuerlich eingestaubte Motorräder vor dem Shop stoppen. Wo es außer geräuchertem Fisch aus dem Peipsisee auch gekühlte Limo gibt.

Rund 4000 Kilometer haben Transalp und V-Strom abgespult, seit sie vor neun Tagen in Villach vom Autoreisezug gerollt sind. Mit von der Partie ist mein Kumpel und Namensvetter Klaus, der am liebsten auf direktem Wege weiter bis an den Baikalsee gefahren wäre. Doch auch am Peipsisee riecht es nach Osten.

»Sozialstaat statt Zuwanderung« paroliert es in Österreich von Wahlplakaten der FPÖ, die, nun ohne ihren alten Frontmann Jörg Haider, noch immer Stimmen fängt. Augen zu und durch, rasch eine Portion Autostrada, dann navigieren wir durch den Moloch Triest bis zur Startlinie der Tour, die Adriaküste in Slowenien mit dem venezianisch anmutenden Städtchen Piran. Wer den »armen Osten« erwartet hat, sieht sich getäuscht. Bei den Autos domi-niert topaktuelle Westware, darunter manch stylischer VW Beetle; außerdem rüstige Enten und R 4, denen das hiesige Klima offenbar bestens bekommt. Der hübsche Tartiniplatz im Zentrum würde auch als italienische Piazza durchgehen. Was er tatsächlich mal war, als die Stadt 1922 im Vertrag von Rapallo an Italien fiel; 1945 folgte dann der Anschluss an Jugoslawien.

Am Strand von Piran droht schon gleich das Ende der Tour wegen akuter »Adria Pectoris.« Wir zwingen uns, Meter zu machen. Autobahn Richtung Ljubljana bis zur Abfahrt Unec; von dort über Land zur slowe-nisch-kroatischen Grenze. Sanft gewelltes, sattgrünes Mittelgebirge mit kurviger Streckenführung. Überstunden auf mancher Baustelle, wo der Hammer am Samstagnachmittag – gleich beginnt die Sportschau – noch lange nicht‚ fällt. Auch am Lenker kein Feierabend in Sicht, zu lau der Früh-sommerabend, zu leer die Straßen. Als sich bei Cabar ohne bürokratisches Brimborium der Schlagbaum nach Kroatien öffnet, müssen wir diesem Wink einfach folgen.

Ein paar von schummrigen Laternen, schläfrigen Schäfer-hunden und Hühnern gesäumte Kilometer weiter wiehert bei der Wiedereinreise nach Slowenien der Amtsschimmel. Der kroatische Beamte verlangt, quasi als Wegezoll, pro Nase drei Kronen. Haben wir aber nicht, nur Euro. Die will er nicht. »But two kilometer back on this road in house number one you can change.« Aha. Haus Nummer 1 entpuppt sich als kleine Kneipe; der verständnisvoll grinsende Wirt hat eine ganze Dose voller Kronenstücke; deren sechs wechseln im Tausch gegen einen Euro den Besitzer, mit dem sie anschließend zwei Kilometer Transalp fahren und den Weg frei machen ins slowenische Osilnica, nicht ohne dass zuvor noch akribisch ein Formular ausgefüllt wird.

Schon seit vier Jahren herrschen in Osilnica moderne Zeiten im Hotel Kovac. Tennis, Rafting, Wellness – alles ist möglich. Für heute reichen Braten, Bier und Bett, 16,50 Euro kostet die Übernachtung inklusive opulentem Frühstück.

Wie fortan täglich starten wir mit getauschten Motorrädern. Ups. Die kleine V-Strom geht aber gut; so wünschen es sich Transalpinisten und Africa Twinner. Perfekt die schmale »657«. Fahrspaß ohne Ende und die muntere Kolpa stets in Sichtweite, Eldorado für Kajakfahrer sowie Grenze zu Kroatien.

Kaum vorstellbar bei der Idylle, dass von 1991 bis 1999 Bürgerkrieg und Völkermord in dem fragilen Vielvölkergebilde Ex-Jugoslawien gewütet haben. Mostar, Sarajewo und Srebrenica wurden zu Synonymen des Schreckens. Von all dem war Slowenien glücklicherweise kaum betroffen und nach einem »nur« zehn-tägigen Krieg im Juni 1991 schnell außen vor. Buchstäblich. Die nördlichste der sechs ehemaligen jugoslawischen Republiken gab sich am 23. Dezember 1991 eine demokratische Verfassung. Unmittelbar darauf folgte die Anerkennung durch sämtliche Mit­-glieder der EU, allen voran Deutschland. Seitdem gilt Slowenien, begünstigt durch eine recht homogene Bevölkerung sowie das Fehlen großer Kriegsschäden, als Musterstaat im Osten. Der Beitritt zur EU am 1. Mai 2004 war da nur konsequent. »Zum Nachbarn wird der Feind«, lautet ein Satz in der Nationalhymne. Ein guter Vorsatz. Wegen der Grenzziehung in der Bucht von Pirna gibt es allerdings immer mal wieder Theater mit Kroatien, doch der Konflikt eskaliert nicht.

Weiter durch die lieblichen Höhenzüge der Bela Krajina, nicht zu verwechseln mit der blutgetränkten Krajina um Banja Luka in Kroatien. Und sonst? Spar, dm, Hofer alias Aldi – alles bereits vorhanden. Nur die Ausschilderung ist mangelhaft. Irgendwie schaffen wir es doch bis Ptuj, Sloweniens älteste Stadt. Tipp: das Bo Café gegenüber der Stadtkirche; die Kuchentheke offeriert Breskvice, göttliche Leckerchen mit »peach inside«. Die Ver-führung ist groß, hier ein Zimmer zu suchen und in der Altstadt auf die Rolle zu gehen. Doch unser Zehn-Tages-Plan sieht für jedes Land nur eine Übernachtung vor (Ausnahme: Ungarn und Polen). Es folgt eine Odyssee durch die Weinberge der Region Slowenske Gorice, ehe um 22 Uhr im ungarischen Lenti zwei Halbe Borsodi den ersten Durst löschen. Der Befriedigung anderer Bedürfnisse dienen den Ungarn zwei unverschlüsselte Hardcore-Porno-Kanäle, wie beim Zappen durchs Fernsehprogramm zu entdecken ist. Schlafen? Fehlanzeige. An der Pension Zéta rollen wie in einer Endlosschleife Sattelschlepper vorbei, »Transporti International« lautet die Devise.

Mit müden Augen entlang der ungarisch-kroatischen Grenze. Statt schmucker Städtchen dominieren unscheinbare Straßen-dörfer. Ganzer Stolz der Menschen ist offenbar der Gartenzaun, verschönert mit viel Hingabe und noch mehr Farbe. Nicht genug für manche. Die Jugend zieht weg; sogar die Nester der Störche sind meist leer. In den 80er Jahren galt Ungarn als fortschrittlichster und westlichster Staat im Ostblock, doch inzwischen scheint sich nicht mehr viel zu bewegen. Dabei haben Kon­zerne wie Audi Teile ihrer Produktion ins Wirtschaftswunderland Ungarn ausgelagert, wo sie seit Jahren steuerbefreit wirtschaften. Auf die bescheidene Anfrage von Väterchen Staat, nun vielleicht doch ein wenig Steuern zu zahlen, hieß es aus Ingoldstadt, man könne auch weiterziehen, nach Rumänien oder gleich bis China. Vorsprung durch Globalisierung.
Etwas Abwechslung nach der flachen Landschaft entlang der Drava, das feuchte Zuhause von Unken und Kletternattern, verspricht die Donaufähre bei Mohács. Das Wetter dagegen will einfach nicht besser werden. Die tiefgrauen Wolken verbreiten eine seltsame Stimmung über dem gedrückt wirkenden Landstrich mit seinen niedrig bauenden Häusern. In Gara, einem Kaff fünf Kilometer entfernt von der Grenze zu Serbien-Montenegro, ernten wir mit den Motorrädern nur Was-wollt-ihr-denn-hier-Blicke.

Szeged, Stadt des Sonnenlichts mit einem freundlichen GPZ-550-Fahrer an der Ampel. Die Rotphase ist leider zu kurz für eine Frage nach dem nächsten Ziel: Hódmezövásárhely. Dort thront hoch oben an der futuristischen Fassade des Café Emle Pont Wladimir Iljitsch Lenin. Der Tag endet bei einem Glas Rotwein in der kommoden Pension Angelo in Berettyóújfalu.

Auf nach Oradea in Rumänien! Der Ort, lange Zeit habs-burgisch und Anfang des 20. Jahrhunderts sogar als Klein-Paris bezeichnet, liegt gleich hinter der Grenze, und so spannend wie in der Großen Tiefebene in Ungarn wird’s dort allemal sein. Außerdem gehört Rumänien ebenfalls zur EU, weshalb für die Einreise der Personalausweis genügt (die Reisepässe liegen zu Hause). »Klauuss?« Fragend versucht eine Grenzerin mit der Lizenz zum Kopfverdrehen, mir tief in die Augen zu sehen. Helm ab, Sonnenbrille hoch. Ich scheine es zu sein. Und wir sind drin. Aber wo sind wir da nur gelandet?

Einerseits neue Industrieparks – Alcan, einer der weltgrößten Aluminiumkonzerne, hat eine fette Niederlassung – und jung-fräuliche Hotel-Tempel, andererseits heruntergekommene Wohn-blocks und ein abgewrackter Fabrikkomplex, der sich den vieles gnädig verhüllenden D(r)eckmantel selbst aus dem Schornstein pustet. Die Polizei fährt Logan, die Mafia 7er-BMW. Ansonsten Lizenzbauten vom R 12, die der TÜV längst in den Autohimmel geschickt hätte. Vor vielen Häusern weiße Lilien – anderswo Friedhofsblumen, hier Symbol für die Hoffnung auf ein bes­seres Leben? »Kommen Sie aus Deutschland?« spricht uns im quirligen Zentrum von Oradea, wo noch etliches an die vergangene Pracht der Habsburger erinnert, ein Mann mit nur schwer einzuordnendem Akzent an. Georg Baan ist Banater Schwabe (eine im 18. Jahrhundert eingewanderte deutsche Volksgruppe) und der geborene Reiseleiter, schwärmt von Neorenaissance-Rathaus, Nationaltheater sowie orthodoxer Mondkirche. Ob von der EU-Osterweiterung was zu merken sei, möchte ich wissen. »Zu spüren ist gar nichts, die Tasche des Arbeiters wird immer leerer. Mit 56 haben sie mir die Rente hingeworfen.« Da bleibt viel Zeit. »Ihr könnt mich anrufen; ich zeige euch das ganze Land, bringt ruhig eine Gruppe mit.«

Hilfsbereit auch Attila. Er jobbt als Taxi-Fahrer, hat immer ein Foto seiner umlackierten MZ ETZ 250 dabei, studiert Psychologie und lotst Klaus erst zum Postamt, dort dann zu dem der 15 Schalter, der für eine Briefmarke ins Ausland zuständig ist. Die Ansichtskarte gab’s im Souvenirladen für umgerechnet zwei Cent – in Ermangelung rumänischer Lei zahlbar per Kreditkarte. Und egal, ob an der Auslage des trendigen Schuhgeschäfts oder am verwohnten Daimler, den man mit jeweils zwei versetzt übereinander montierten Radkappen zum scheinbar gleichzeitig vor- und rückwärts fahrenden Objekt getunt hat – ständig bleibt das Auge in Oradea irgendwo hängen.

Es folgt die schlechteste Straße Rumäniens, die wie von Osteoporose befallene Strecke nach Satu Mare. Doch die Sorge um die Gussräder der Suzi, die immer wieder in Schlaglöcher knallen, ist unbegründet. Dafür schlägt es einen Koffer aus der Verriegelung in die Waagerechte. Gerade noch rechtzeitig warnt uns ein Hupkonzert des Hintermanns. Andere an der Straße haben kaum noch was zu verlieren: Lehmhütten fast wie in Schwarzafrika, ein Pferdefuhrwerk, auf das nichts als der Dreck des Straßengrabens geschaufelt wird – fast geniere ich mich, die teure Digitalkamera auszupacken. Und bin irgendwie froh, als an einem Kartoffelstand in Pis¸colt ein Mädchen mit ihrem Fotohandy »zurückschießt«. Für hoffnungsvolle Pessimisten: Auch Portugal galt vor dem Beitritt zur EG als Armen-haus (West-)Europas; inzwischen sucht man dort archaische Ochsengespanne vergebens.

Um nicht in der Ukraine zu landen, folgt ein weiterer Abstecher nach Ungarn. Als wolle es den öden Eindruck des Vortages korrigieren, hält das Land nun ein echtes Highlight bereit: Im Zempliner Bergland windet sich der Weg bis auf eine Höhe von etwa 800 Metern. Sogar bei Dunkelheit ein echter Genuss, der erst in der Slowakei ein Ende findet. Hotel Tokaj in Trebišov. Besucht diese postkommunistische Pracht, solange sie noch steht! Mit rotem Kunstleder dick gepolsterte Zimmer-türen und ein Speisesaal, der als in Acrylglas gegossener Block ins Museum gehört, Abteilung 60er Jahre.

Ab durch den Osten der Slowakei. Endlich wieder richtige Berge, Wald und Kurven. Wirtschaftlich gesehen herrscht indes Flaute. Bei der friedlichen Trennung vom einstigen Partner Tschechien – gemeinsam als Tschechoslowakei ging man von 1918 bis 1993 durchs politische Leben – hat man den Kürzeren gezogen. Ehemals armes Bauernland, danach Standort der jetzt überflüssig gewordenen Rüstungsindustrie – keine idealen Voraussetzungen für die Zukunft.

Milan, der uns beim Tanken begegnet, macht sich aller-dings kaum Sorgen. Er habe eine Wohnung am See bei Michalovce und einen florierenden Secondhand-Handel. Zwei- bis dreimal pro Jahr würde er mit einem geliehenen Lieferwagen zu einer Firma nach Deutschland fahren, wo er die Sachen selbst aussuchen könne. »Ich weiß, was die Leute hier haben wollen. 1000 Kilo bringen 500 bis 600 Euro – bei einer Miete von 50 Euro reicht das locker zum Leben!«

Zwischen Stropkov, Medzilaborce (dem Geburtsort von Andy Warhols Eltern) und Svidnik schlängelt sich die Straße nach einem Schauer wie mit silbernem Pinselstrich gemalt durchs hügelige Grün. 20 Kilometer weiter: Polen.

Fortsetzung in Ausgabe 13/2007

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