Osteuropa/Türkei Die Gipfel-Runde

Die letzten Semesterferien – und es sollte ein ganz besonderer Reisewunsch in Erfüllung gehen: einmal per Motorrad rund um das Schwarze Meer, um den Elbrus im russischen Kaukasus sowie den Ararat in der Türkei zu besteigen.

Foto: Frank Wolf

Dichter Nebel hat die kleine Baracke verschluckt, in der ich seit vier Tagen mit einer kleinen Gruppe von Bergsteigern aus Weißrussland auf besseres Wetter warte. Bei klarer Sicht ließe sich von diesem 4200 Meter hoch gelegenen Standpunkt an der Südflanke des Elbrus der gesamte Kaukasus überblicken, doch im Moment erkennt man draußen vor der Tür nicht einmal die Hand vor Augen. Ein paar Stunden Sonne würden genügen, um auf den 5642 Meter hohen Gipfel zu gelangen, aber so richtig glaubt niemand mehr im Raum an den Erfolg des Unternehmens. Unmut macht sich breit. Ich hatte mir nichts sehnlicher gewünscht, als auf Achse bis zu diesem Berg zu fahren und zu Fuß die letzten Höhenmeter zu bewältigen. Wunschgipfel Nummer zwei: der 5137 Meter hohe Ararat im Osten der Türkei. Drei Monate hatte ich für diesen Motorrad-Trekking-Trip durch die Ukraine, Russland und die Türkei eingeplant – meine letzten Semesterferien.

Draußen frischt derweil der Wind auf, und mir bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten. Ich hänge einzelnen Stationen der langen Anreise in Gedanken nach. Das lebhafte L’viv – das ehemalige Lemberg – im Westen der Ukraine mit seiner phänomenalen Altstadt, das sich längst zu einem angesagten Treff für Szene- und Kulturfans aus aller Welt entwickelt hat und bereits als das zweite Prag gehandelt wird. Oder die nahezu unberührte, hügelige Waldlandschaft der Karpaten mit ihren freundlichen Bewohnern. Mehr als einmal haben Hirten oder Bauern mich beim Wildcampen mit frischer Milch, Brot und Käse versorgt. Momente und Begegnungen, die man garantiert nie vergisst.

Als einprägsam im negativen Sinn erwiesen sich Hunderte, überaus langweilige Kilometer durch die brettflache Ukraine bis in die Hafenstadt Odessa. Etliche Kontrollen und massig viel Verkehr. Zum Glück ist es von dort nur ein Katzensprung bis auf die Halbinsel Krim, über die sich eine wunderschöne, von Zypressen, Palmen und Reben gesäumte Küstenstraße windet. Auf der einen Seite das türkis schimmernde Schwarze Meer, auf der anderen bis zu 1000 Meter hohe Klippen. Brillant! In den vielen Badeorten herrscht Urlaubsstimmung wie am Mittelmeer, einzig das weltbekannte Jalta passt nicht recht ins Bild. Zu viel Trubel, zu viele unansehnliche Hotelbauten und Hochhäuser, zu viel Nepp. Erst weiter westlich zog mich die Krim wieder in ihren Bann. Schwungvoll flog die vollbepackte Honda in Richtung der russischen Grenze. Eine endlose Kurvenorgie immer am Meer entlang durch eine Landschaft, die gleichermaßen an Spaniens und Italiens Süden erinnert. Per Fähre gelangte ich schließlich vom ukrainischen Feodosija ins russische Kerc und in die Hände überaus unfreundlicher Grenzbeamter und Militärs. Es dauerte lange, bis die Einreise gestattet wurde. Doch der Ärger war bald vergessen, als nach zwei Fahrtagen die Bergriesen des Kaukasus auftauchten. Über Karacajevsk, Pjatigorsk und Baksan rasch bis Terskol, das direkt am Fuße des Elbrus liegt. Der höchste Berg Europas – ich hatte ihn erreicht!

Anzeige
Foto: Frank Wolf

Wir sind immer noch in der Hütte. Der fünfte Tag. Es ist noch dunkel, doch auf einmal herrscht ungewohnte Hektik – ein klarer Sternenhimmel verheißt gutes Wetter. Anziehen, Rucksack packen und so schnell wie möglich raus in den Schnee. Um vier Uhr stapfe ich im Schein meiner Stirnlampe ein riesiges Gletscherfeld hinauf, bin Teil einer unwirklichen
Szenerie: Dutzende Bergsteiger wandern in regelmäßigen Abständen – wie Perlen an einer Kette – den Berg hinauf. Mindestens ebenso viele müssen wegen Höhenkrankheit oder Erschöpfung aufgeben und kommen mir kurz darauf schon wieder entgegen. Nach zwei Stunden macht die Kälte zu schaffen, jeder Schritt kostet enorme Kraft, und es wird immer schwieriger, im Schnee einen sicheren Halt zu finden. Völlig außer Atem gelange ich zum Joch zwischen Ost- und höherem Westgipfel. Endspurt. Jetzt gilt’s!

Gut eine Stunde später. Alle Anstrengungen sind wie weggeblasen. Ich stehe auf dem 5642 Meter hohen Gipfel des Elbrus, nur das zählt. Nicht die Höhe, sondern der grandiose Ausblick raubt den Atem. Unzählige schneebedeckte Bergspitzen, gewaltige Gletscher. Wie aus der Flugzeugperspektive breitet sich der Kaukasus unter meinen Füßen aus. Mich erfüllt eine große innere Zufriedenheit – ein Traum ist Realität geworden.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote