Ostseeküste (2)

Foto: Eisenschink
Nun gut. Ich brettere weiter zur „Brücke der Freundschaft“ vor Wolgast, stehe im Stau, bis sich die Klappkonstruktion über die Peene spannt und verlasse mit einer endlos anmutenden Autoschlange die Insel Udedom. Eine Stippvisite in der Hansestadt Greifswald, dann lasse ich mich über die dicht befahrene E 251 der nächsten Ostseeperle entgegenstrudeln: Rügen – mit knapp 1000 Quadratkilometern Deutschlands größtes Eiland. Bei Reinberg biege ich, dem Verkehrsstrom in Richtung Stralsund und Rügendamm entfliehend, nach Stahlbrode ab und steuere die Insel mit der Autofähre an. Kaum zwanzig Minuten später stellt sich ein Gefühl großer Ruhe und Geborgenheit ein. Umfangen von den dschungelgrünen Armen steinalter Alleebäume, taucht die Sachs in eine aus Blättern und Ästen geformte Röhre und gleitet völlig entkoppelt vom Rest der Welt dahin. Genial.

Bei Garz stoße ich auf die Deutsche Alleenstraße, die – bis zum Bodensee knapp 2500 Kilometer lang – auf Rügen ihren Anfang nimmt. Gleich drei Einstiege sind auf der Insel zu verzeichnen, denn bei den attraktiven Alternativen konnte man sich unmöglich für einen einzigen entscheiden.

Putbus taucht auf, die weiße Stadt des Fürsten Wilhelm Malte I.: Schlosspark, Orangerie, Theater, Rundplatz mit Obelisk. Anfang des 19. Jahrhunderts in klassizistischer Manier errichtet, zeugt der Pomp vom einstigen Feudalismus Rügens. Dann schlägt die Deutsche Alleenstraße wieder wie ein Tunnel über mir zusammen. Bei Klein Strelow registriere ich, dass aus der Lindenallee eine nicht minder schöne Eichenallee geworden ist, übersehe das Schild: „Achtung, Belagwechsel“ und hopple wie ein Duracell-Hase über eine Passage aus grob behauenem Pflasterstein, die noch aus DDR-Zeiten stammen muss. Dem vor mir her schlingernden Wohnmobil scheint es weitaus schlechter zu ergehen: Es scheppert, als flöge sämtliches Geschirr aus den Schränken. Auf der B 196 justiere ich die Spiegel nach, cruise durch eine Kastanienalle nach Granitz und Binz und weiter Richtung Sellin durch eine Buchenallee.
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Foto: Eisenschink
Bei einem Streifzug durch Sellin erliege ich erneut dem Charme der klassischen Bäderarchitektur. Ringsum Villen mit verspielten Türmchen, prachtvollen Säulen, filigranen Holzintarsien, Erkern, Loggien und Balkonen. Eine ausladende Treppe führt hinunter zum Strand, den eine Seebrücke mit einem märchenschlossartigen Gebäude ziert. Zurück auf die Straße. Vorbei an den Seebädern Baabe, Göhren und Thiessow gen Süden. Zwischen den schmucken Badeorten erstrecken sich kleine Wäldchen, ab und an Abzweige mit Hinweisschildern, von denen zwei mich vor Lachen fast vom Motorrad fallen lassen: „FKK-Hundestrand“ und „Textil-Hundestrand“.

Zurück auf der Deutschen Alleenstraße, steuere ich über Putbus das Fischerdorf Lauterbach an. Endlich kein Seebad, keine millionenschwere Brückenkonstruktion, keine Belle-Epoque-Villen. Vom Räucherschiff „Berta“ aus werden Brötchen verkauft, wahlweise mit Räucherrollmops, Kräutermatjes oder Krabben. Schräg gegenüber der Hornfischbar hängen Papierlampions an den Bäumen, auf den Tischen stehen Teelichter in Papiertütchen, und die darüber aufgespannten Sonnenschirme fliegen bei der ersten Windböe die Straße entlang. Aufatmend sinke ich auf einen der letzten freien Stühle, bestelle Seehecht mit Bratkartoffeln und schaue über Schiffsmasten aufs Meer.

„Das ist kein Meer, sondern Bodden“, werde ich bei meiner anschließenden Kai-Promenade von Kapitän Jeschke belehrt. Der hauptberufliche Fischer verkauft den letzten Fang des Tages vom Kutter weg, puhlt zwischendurch Flundern aus dem Netz und klönt mit den Passanten. Sohn Kai wiegt ab, Käufer eilen herbei und verstauen die Fische in mitgebrachten Tüten und Kisten. Als mir Jeschke einen knapp 27 Pfund schweren Hecht zu Demonstrationszwecken vor die Nase hält, beginnt fast eine Rempelei unter den Kunden. „Um sechs Uhr früh geht’s raus, um acht zurück“, erläutert mir der Kapitän nach Abflauen des Tumults, „bringst’n Kasten Bier mit, dann kannste mitfahren.“

Am nächsten Morgen, zehn vor sechs. Kapitän Jeschke nimmt freudig seinen Kasten Rostocker entgegen, bittet mich zu Sohn Kai an Bord und holt noch schnell seinen Vater, der heute das Steuer übernimmt. Punkt sechs legt die Luxusyacht „Saxonia“ traumschiffartig vom Lauterbacher Hafen ab, wir ballern im 80-PS-Kutter „LAU-O4“ hinterher. Jeschke reicht mir Ölzeug, was sich beim ersten Brecher, der mir ins Gesicht klatscht, als gute Idee erweist. Die Wolken dräuen, der Wellengang ist moderat, es herrscht Landwind. Wir fahren an der Insel Vilm vorbei bis zu einem roten Markierungsfähnchen, das den Fischgrund von Jeschke markiert. Der Echolot-Schreiber verzeichnet gelb-graue Fischsymbole in knapp fünf Meter Tiefe, Jeschke Senior tuckert an den ausgelegten Netzen entlang, der Kapitän holt mit der hydraulisch betriebenen Seilwinde den ersten Fang des Tages ein. Mitunter verheddert sich das Netz und schneidet Jeschke in die schwieligen Hände, während Kai und ich im Akkord die zappelnden Flunder herauspuhlen. „Leider kein Hecht“, bemerkt Jeschke, fast entschuldigend.

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