Panamericana 2012: Unterwegs von Alaska nach Feuerland 666 Kilometer nach Norden

Holt euch einen Kaffee, es gibt einiges zu lesen. Ich bin schon früh unterwegs, will Strecke machen und so ein wenig der langen Zeit in Anchorage aufholen. Zumal es hier oben nicht mehr viel zu sehen gibt außer ein paar Tankstellen und Parkplätzen. Ich fahre bis Fairbanks und halte an einem Infopunkt neben der Trans-Alaska-Pipeline.

Foto: Heerwagen

Diese Pipeline zieht sich 1287 Kilometer durch ganz Alaska – von Deadhorse/Prudhoe Bay im Norden bis zum Ölhafen in Valdez im Süden. Als die Pipeline erstmals in Betrieb genommen wurde, setzte sich an den kalten Wänden Wachs ab – und das musste raus.

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Foto: Heerwagen

Die sogenannten „Pigs“ wurden in Pumpstationen in die Pipeline eingesetzt, trieben mit dem Öl hindurch und holten bei ihrer Fahrt das Wachs von den Wänden. Heute ist das nicht mehr nötig: Die Leitung ist jetzt warm und es setzt sich kein Wachs mehr ab. Die Trans-Alaska-Pipeline verläuft meist in Sichtweite der Straße Richtung Norden und wird mehr oder weniger gut bewacht. Hin und wieder kommen mir Security-Fahrzeuge entgegen, die aufpassen, dass sich niemand an der wichtigen Versorgungsader zu schaffen macht.

Mehr als 200 Kilometer liegen seit dem letzten Tanken hinter mir, als ich einen Fehler mache. Mir ist noch so, als wenn ich im Reiseführer gelesen hätte, es gäbe eine Tankstelle in Livengood, 70 Meilen weiter nördlich, kein Problem mit dem 22,6-Liter-Tank der XT. Also fahre ich weiter und wundere mich noch über das „Next Service 118 Miles“-Schild… Was soll ich sagen – kein Sprit in Livengood. Ich nehme Tempo raus, fahre mit 90 Sachen weiter, mit 80 als die Reserve blinkt. Ich weiß ungefähr, wie viel die 1200er verbraucht, es müsste noch reichen. Langsam zuckle ich weiter und erreiche die Tankstelle – ihr habt schon gedacht, ich schaffe es nicht! Nach knapp 410 Kilometern gehen wenig mehr als 20 Liter in den Tank, da wäre sogar noch ein Stück mehr drin gewesen. Nicht schlecht. Das war also die Generalprobe für das anstehende Stück hoch nach Deadhorse/Prudhoe Bay. Dazu später mehr.

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Foto: Heerwagen

Der berüchtigte Dalton Highway beginnt, 666 Kilometer lang (ein Zeichen des Teufels?) bis ganz nach oben, bis zum nördlichsten öffentlich befahrbaren Punkt Nordamerikas. Asphalt wechselt sich ab mit guten Schotterstücken, rechts und links nicht weiter als Wald, Hügel und noch mehr Wald. Meile um Meile spule ich ab, nach einiger Zeit passiere ich den Polarkreis und halte für das obligatorische Foto an. Wie aus dem Nichts erscheinen Hunderte Mücken und stürzen sich auf jede unbedeckte Hautstelle. Ich mache ein paar Fotos ohne Helm, setze ihn dann aber schnell wieder auf. Sollen die Viecher doch jemand anderen stechen. Etwa eine Stunde weiter nördlich verschwinden langsam die Bäume, die Tundra beginnt. Es ist nicht die Kälte, die hier keine Bäume wachsen lässt. In den Wintermonaten gibt es einfach zu wenig Licht für die Photosynthese.

Ich erreiche Coldfoot, die letzte Tankstelle für die nächsten fast 390 Kilometer. In Coldfoot gibt es lediglich die Tanke, die in erster Linie Raststätte für die Trucker ist, die Material auf das Ölfeld nach Prudhoe Bay bringen. Vor einem extrem überteuertem Hotel (220 $ die Nacht in winzigem Zimmer) stehen ein paar Gelände-Motorräder, tss – ich fahre natürlich weiter, und der angeblich schwierigste Streckenabschnitt in Nordamerika beginnt. Keine Tankstelle, keine Werkstatt, kein Handynetz, keine Campingplätze. Nichts gibt es hier, und eine Broschüre, die ich mir schon in Anchorage mitgenommen habe, beschreibt, was alles passieren kann und was man tun und lassen sollte. Na dann mal los. Auf einem kurzen Abschnitt zeigt das Navi 358 Grad Nord an, pendelt leicht hin und her.

Foto: Heerwagen

Asphalt gibt es schon lange keinen mehr, von Kugeln durchsiebte Schilder zeigen hin und wieder die verbleibenden Meilen an. Es ist spät, doch das ist hier oben egal. Die Sonne geht nicht unter und so langsam werde ich müde. Ich überquere den Atigun Pass, mit etwas über 1400 Metern ist er nicht besonders hoch und die Temperatur fällt nur auf frische zehn Grad.

Foto: Heerwagen

Ganz flach steht die Sonne nun am Horizont, das goldene Licht wirft lange Schatten von mir auf dem Motorrad, im Osten stehen dunkle Wolken aus denen es anscheinend regnet. Ich halte an, überwältigt vom Anblick, und fotografiere fast eine Stunde lang – das Licht ist der Wahnsinn! Meine Uhr zeigt fünf vor 12, in der Ferne bildet sich ein Regenbogen, gut, den fotografiere ich auch noch. Ich fahre noch eine Stunde, suche mir dann neben der Piste einen schönen Platz zum Campen.

Das ist nicht einfach, denn die Straße ist aufgeschüttet, die Böschung geht teilweise mehrere Meter weit steil nach unten. Konzentration ist gefragt, lange Blicke nachts rechts oder links verbieten sich. Das Wrack eines Geländewagens, der sich offensichtlich überschlagen hat und 20 Meter neben der Piste liegt, mahnt zur Vorsicht. Die Tundra rechts und links sieht zwar trocken aus, in Wahrheit ist sie aber völlig durchnässt. Bis vor kurzem lag hier noch Schnee, vereinzelt sind noch einige Stellen weiß. Ich finde schließlich doch noch einen idealen Platz, sprühe mich als erstes mit „Anti-Brumm“ ein und stelle das Zelt auf.

Foto: Heerwagen

Das Licht ist immer noch (oder schon wieder?) phantastisch, ich gehe nochmal mit der Kamera los und mache weitere Bilder (siehe unter Fotos, aber erst weiterlesen. Zwei Uhr Nachts, das goldene Licht scheint durch das Zelt, ich muss endlich schlafen. Fast 800 Kilometer bin ich heute gefahren, eigentlich zu viel, aber es gab so viel zu sehen, auch wenn es eigentlich nichts zu sehen gab. Schaut euch die Fotos und ihr wisst, was ich meine.

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