Panamericana 2012: Unterwegs von Alaska nach Feuerland Unterwegs auf dem Dalton Highway

Der Dalton Highway gilt als die letzte große Herausforderung für Motorradfahrer in Nordamerika. Man solle sich gut vorbereiten, ausreichend Wasser und Lebensmittel mitnehmen; Autofahrern wird zudem empfohlen, mindestens zwei Reserveräder dabei zu haben. Die Piste sei oft in schlechtem Zustand, die Trucker würden keine Rücksicht nehmen und im Notfall kaum anhalten. Ist es also wirklich so eine große Sache, den Dalton zu fahren?

Foto: Heerwagen

Diesen Mythos muss ich leider zerstören. Zwar ist der Highway tatsächlich nur eine  Schotterpiste. Instandhaltungstrupps bringen sie aber ständig auf Vordermann und halten sie in relativ gutem Zustand. Mehrere Male muss ich an Baustellen stoppen und auf das „Pilot Car“ warten, das einen durch die schweren Baumaschinen hindurch lotst.

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Wenn die Piste nicht ordentlich befahrbar ist, kommen keine Versorgungsgüter zum Ölfeld – und das kann sich niemand leisten. Also schottern, planieren und verdichten die Arbeiter was das Zeug hält. Meist fahre ich zwischen 80 und 100 Km/h, manchmal sogar schneller, wenn die Piste richtig gut ist. Wirklich schwierig wird es nie, auch wenn ich auf einigen noch nicht verdichteten Schotterfeldern ins Schlingern komme. Einige entgegenkommende Trucks bremsen sichtbar ab, um mich nicht völlig einzustauben und mir keine Steine entgegen zu schleudern.

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Foto: Heerwagen

Andere machen das nicht und bescheren mir Sichtweiten unter zehn Meter, wenn sie mit 100 Sachen an mir vorbeibrettern. An besonders staubigen Stellen sind Tankwagen unterwegs, die Calciumchlorid versprühen, um damit den Staub zu binden. Das Zeug klebt wie Sau und macht die Pisten so, wie ein frühes Bon Jovi-Album hieß: „slippery when wet“.  Ich habe Glück mit dem Wetter, bis auf ein paar Tropfen bleibt es völlig trocken. Und auch warm. Hatte ich noch vor drei Wochen von Deutschland aus die Temperaturen in Deadhorse gecheckt, waren es immer um die 5 Grad. Jetzt hat es 20 und das Innenfutter der Jacke hatte ich noch nicht einmal drin.

Ich erreiche Deadhorse und es ist so, wie der Name sagt. Naja, eigentlich ist hier viel los, aber eben nur was die Ölindustrie angeht. Überall Trucks, Versorgungsfahrzeuge, jede Menge Tanks in allen Größen und Formen, dazwischen LKW-Werkstätten und Wohnblocks für die Arbeiter.  Alles hat hier eine Farbe: staubgrau. Gut zwei Drittel  der Fahrzeuge hier hat einen Kettenantrieb – mit Rädern dürfte man hier im Winter aufgeschmissen sein. Vor einen Wohnblock stehen Stahlgerüste, von denen Stromleitungen mit Steckern herabhängen, für die elektrischen Heizungen der Pick-ups. Es sieht aus, als würden Pferde vor dem Saloon warten.

Foto: Heerwagen

Ich folge dem Tankstellenschild und kann zunächst nichts finden. Ein Arbeiter sagt mir, doch, doch , das ist schon richtig, da vorne in der Holzhütte stehen drei Säulen und ein Kassenautomat, die Schläuche baumeln draußen. Wieder nur 87 Oktan, nichts besseres. Mit 5,36 Dollar pro Gallone ist der Sprit nur einen Dollar teurer als in Anchorage oder Fairbanks.

Das finde ich durchaus fair, dafür dass alles hier hoch gekarrt werden muss. Denn hier ist es wie in Iran: Wo es Öl gibt, gibt es nicht automatisch auch Benzin. Ich fahre eine Runde herum, finde das Prudhoe Bay-Hotel mit zwei Motorrädern vor der Tür. Ein BMW-GS-Gespann und eine GS-Dakar, dessen Fahrer ich schon in Fairbanks im McDonald‘s getroffen habe. „You made it!“ gratuliert mir der junge blondierte Kanadier, auch die Gespann-Fahrer schütteln die Hand. Die drei haben hier oben übernachtet und am Morgen eine geführte Tour zum Ozean gemacht, der acht Meilen weiter nördlich anfängt. Niemand kommt mit seinem Privatfahrzeug von Deadhorse aus alleine weiter, die Tour ist Pflicht und muss 24 Stunden zuvor mit Reisepass angemeldet werden. Die Security checkt dann, ob Gefahr besteht, dass einer der Besucher irgendwas auf dem Ölfeld in die Luft sprengen könnte. Ich will die Tour machen, die 50 Dollar ist es mir wert, doch ich habe natürlich nicht 24 Stunden vorher reservieren können. Mit meinem Pass in der Hand fahre ich zum Deadhorse-Camp, um zu sehen, ob sie eine Ausnahme machen können – in zwei Stunden startet die nächste Tour, dann erst wieder morgen Früh. Alles Bitten und Betteln nützt nichts, die zwei Bürokraten lassen nicht mit sich handeln, keine Tour für mich. „Morgen vielleicht?“, fragen sie. Nein danke, keine Nacht hier oben.

Foto: Heerwagen

Schade, aber es ist trotzdem okay, denn ich halte einen Arbeiter an und lasse ihn noch ein Foto von mir vor einem See in Deadhorse machen, der mit Eisschollen voll ist – das ist quasi mein Eismeer. Der See markiert den nördlichsten Punkt meiner Reise, von nun an geht’s nur noch nach Süden.

In einem winzigen Laden zahle ich für zwei Dosen Cola nur 2 Dollar und wundere mich, warum es so billig ist. Wahrscheinlich, damit die rauen Ölarbeiter nicht rebellieren und den Laden auseinandernehmen. Im Zeitschriftenregal reiht sich Playboy neben Hustler neben Penthouse – was Mann hier oben halt so braucht.

Nach etwa einer Stunde mache ich mich auf den Rückweg und sehe hinter Deadhorse einen Radfahrer. Wahnsinn! Ich halte vor ihm, warte bis er angekommen ist und schenke ihm einen meiner Energieriegel. Er wird ihn dringender brauchen als ich. Bis nach Anchorage will er es in zwei Wochen schaffen, hat fünf Reserveschläuche dabei und fährt am Tag je nach Zustand der Piste bis zu 120 Kilometer. Beeindruckend. Wir sehen, dass wir beide mit Reifen von Continental unterwegs sind – dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Meile um Meile geht’s zurück. Ich erreiche Coldfoot und habe damit den angeblichen schwierigsten Straßenabschnitt bezwungen. Tanken, etwas zu trinken kaufen, weiterfahren. Rund 650 Kilometer stehen jetzt auf dem Tageszähler und ich suche mir einen kostenlosen Campingplatz. Innerhalb von Minuten stehe ich in einer Moskito-Wolke, aber das Spray hilft – ich werde kaum gestochen.

Am nächsten Morgen will ich das Zelt abbauen, kann aber die Mücken nicht aus dem Zelt bekommen, die jetzt drinnen sind. Egal, ich klappe es zu, samt den bestimmt Hundert Mücken drin… Tja, das haben sie nun davon.

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