Panamericana 2012: Unterwegs von Alaska nach Feuerland Dust to Dawson 2012

Nach fünf Tagen ohne Internet bekommt ihr jetzt mal wieder richtig viel zu lesen.

Montag, 18. Juni, Ostwärts nach Tok

Kurz nach 11 Uhr verlasse ich Fairbanks und breche auf Richtung Osten, nach Kanada. Perfektes Wetter: 21 Grad und Sonnenschein, so macht das Spaß. Irgendwann fällt mir auf, dass ich schon viele Minuten lang exakt geradeaus fahre. Leider habe ich am Anfang nicht auf den Kilometerzähler geschaut, aber ein Abschnitt zwischen Fairbanks und Tok muss die längste gerade Strecke in Nordamerika sein.

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Foto: Heerwagen

Nicht einmal im australischen Outback habe ich so etwas gesehen. Hätte ich einen Tempomat, könnte ich bestimmt 30 Minuten lang freihändig geradeaus fahren. Plötzlich sehe ich vor mir etwas Großes über die Straße schweben und im Baum landen. Ich komme näher und erkenne den Weißkopfseeadler, kann schnell ein paar Fotos machen, bevor er sich wieder in die Luft schwingt.

Nicht ganz 400 Kilometer sind es bis Tok, einem Örtchen an einer großen Kreuzung mitten im Nirgendwo. Am Horizont brauen sich dunkle Wolken zusammen, ich suche mir schnell einen Campingplatz, baue mein Zelt auf und schon wenige Minuten später fängt es kräftig an zu regnen. Wieder mal alles richtig gemacht. Ärgerlich: Ich zahle 27 Dollar für den Platz und habe nur eine Stunde kostenloses Internet – da habe ich mich gerade mal bei SPON durchgeklickt….

Ich sitze auf der Veranda und sehe jede Menge Motorräder vorbeifahren. Eins kenne ich doch: Es ist der Kanadier, denn ich bereits in Fairbanks im McDonalds und dann wieder oben in Deadhorse getroffen habe! Ich sehe ihn zu einem Restaurant gleich nebenan abbiegen, warte bis der Regen aufgehört hat, gehe rüber und setze mich zu ihm. Wir unterhalten uns über eine Stunde und er gibt mir die Adresse seiner Eltern, die 30 Minuten südlich von Calgary eine Ranch besitzen. Ich solle mich ruhig mal melden, die Eltern würden sich freuen und ordentlich für mich kochen. Perfekt, ich muss sowieso nach Calgary, weil die Yamaha dann zur 10.000-Kilometer-Durchsicht muss und mit Sicherheit einen neuen Hinterreifen braucht.

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Foto: Heerwagen

Drei Kilometer vor der kanadischen Grenze halte ich an und esse drei Bananen auf. Man darf kein frisches Obst nach Kanada bringen und nach allem, was ich über den kanadischen Zoll gehört habe, will ich es auch nicht probieren. Die kleine Grenzstation liegt auf über 1000 Meter Höhe in den Bergen und ist schon von weitem zu sehen. Ich fahre heran, der Grenzer kommt, ich zücke meine Papiere – da fallen mir ein paar gefaltete Zehn-Dollar-Scheine aus meiner Dokumentenmappe direkt vor die Füße des Zöllners. Das sollte jetzt kein Bestechungsversuch sein… Er checkt meinen Pass und die Fahrzeugpapiere, gibt mir alles zurück und beim verpacken des ganzen Geraffels fällt das Geld erneut runter. So langsam wird’s peinlich. Waffen?

Nein. Alkohol oder Zigaretten? Nein. Mehr als 10.000 $ in Bar? Haha, guter Witz. Und, wonach fragt er nicht? Richtig, nach Obst. Alles in Ordnung, ich bin in Kanada. 75 Kilometer später (In Kanada gibt’s wieder Kilometer und Liter, keine Meilen und Gallonen) erreiche ich Dawson und fahre zum Campingplatz, der mitten in der Stadt liegt. In einer Ecke haben sich bereits etwa 15 Biker zusammengefunden. Ich frage, ob sie noch ein Platz für mein Zelt bei sich haben – klar. Wir kommen schnell ins Gespräch und am Abend gehe ich mit drei Kanadiern – den beiden Cops Matt und Carl sowie Jon, einem Prüfer für Schweißnähte, alle ungefähr mein Alter – in die Kneipe. Es ist „Loonie Tuesday“, es gibt „Highballs“ für 2 Dollar. Heißt: Whisky, Rum und Vodka als Mixgetränk für nur 2 Dollar…. Gefährlich. Irgendwann sind wir zu sechst, jeder von uns schmeißt zwei Runden. Gut, bei dem Preis ist nicht viel Alkohol in den ohnehin schon kleinen Gläsern. Netter Zufall: Erst vor kurzem habe ich ein Buch von Charles Bukowski gelesen (Alles von ihm ist wirklich gut, nur so als Tipp.), in dem er ständig Vodka-Seven-up trinkt. Scheint hier beliebt zu sein, denn Vodka-Lemon kennt die Dame an der Bar nicht, gibt mir aber besagten Seven-up-Mix. Anders als Bukowski schmeckt mir die Mischung nicht besonders. Egal.

Foto: Heerwagen

Es gibt Live-Musik, wir spielen ein paar Runden Billard und trinken was das Zeug hält. Die Kellnerin bringt später die Drinks im Drei-Minuten-Takt (nicht übertrieben) und irgendwann können wir die Gläser gar nicht mehr so schnell leeren, wie sie kommen. Genug.

Wir bleiben nicht lange, fast alle haben eine weite Anfahrt hinter sich. Jon, einer der Jungs, zeigt mir einen „Street Meat“-Stand. Dort wird nicht etwa das Fleisch von Tieren verkauft, die überfahren und dann von der Straße gekratzt wurden. Es ist einfach eine Imbiss-Bude, die nachts noch Hot-Dogs und andere Sachen verkauft. Ich probiere den Elch-Hotdog und überlege hinterher eine Stunde, ob ich kotzen soll oder nicht. Mann, ist mir schlecht! Irgendwie bleibt es drin. Bison soll viel besser schmecken, ich werde es probieren. Ein anderes Mal.

Mittwoch

Mittwoch: Gegen Neun Uhr treibt uns die Hitze aus den Zelten. Wer ahnt denn schon, dass es im Yukon Territory so heiß ist? Wir schleppen uns zum Frühstück in ein Cafe, hängen ein bisschen herum und ich mache ein paar Fotos der Bikes, die bisher angekommen sind. Die „Dust to Dawson“-Rallye ist eigentlich keine Rallye, sondern ein großes Reisemotorrad-Treffen, zu dem vor allem Biker aus Alaska und den USA kommen.

Foto: Heerwagen

Dieses Jahr ist das zwanzigste Jubiläum und mehr als 250 Fahrer sind angemeldet. Utah, Colorado, Montana, Washington, Kalifornien – auf den Kennzeichen sind fast alle US-Bundesstaaten zu erkennen. Natürlich sind viele Kanadier hier, einige sogar aus Ontario, von der Ostküste. Ein Spanier hat es ebenfalls hierher geschafft und neben mir noch ein weiterer Deutscher, der schon zwei Jahre auf Tour ist und aus Südamerika hochgefahren ist. Wir gehen beim Griechen essen und jeder der 30 Dollar war es wert – ich habe lange nicht mehr so gut gegessen. Dawson City ist weltberühmt für seinen Sourtoe-Cocktail im Downtown-Hotel.

Foto: Heerwagen

Ein echter mumifizierter Zeh wird in ein Glas mit Schnaps gelegt und wenn beim Austrinken die Lippen den Zeh berühren, ist man Mitglied im Sourtoe-Club. Woher der Zeh kommt? Wenn ich die Story richtig verstanden habe, hat ein Trapper namens Louie Liken in den 1920er-Jahren Alkohol in die USA schmuggeln wollen. Sein Fuß wurde nass und durch die Kälte erfror sein großer Zeh. Weil er Wundbrand fürchtete, entschieden sich er und sein Kumpel dazu, den Zeh zu amputieren.

Nach einer ordentlichen Betäubung mit ihrem geschmuggelten Schnaps schnappte sich der Kumpel die Säge und mit einem Hieb war der Zäh war ab. Sie konservierten ihn in Alkohol und nahmen ihn mit zurück. Jahre später wurde er wiedergefunden, der Spaß mit dem Drink begann.

Wir bestellen Whisky und gehen zu dem Tisch, an dem schon einige Kandidaten warten. Alle wollen Mitglied werden im Sourtoe-Club. Auf einem Häufchen Salz liegt also der mumifizierte Zeh, daneben ein paar Tücher, mit denen das Leichenstück nach jedem Drink kurz abgetrocknet wird. Leider ist es nicht mehr der Originale von Louie Liken. Im Laufe der Jahre wurden sieben Zehen verschluckt oder geklaut. Ersatz kam entweder aus dem Krankenhaus oder von privaten Spendern, die einen Unfall hatten. Der aktuelle Zeh stammt von jemandem, der mit Flip-Flops Rasen gemäht hat…  Jedenfalls hängt an der Bar ein Schild mit dem Hinweis, dass derjenige, der den Zeh verschluckt 250 Dollar zahlen muss.

Foto: Heerwagen

Ich lasse den anderen den Vortritt und fotografiere. Jeder darf den Zeh in die Hand nehmen, aber bevor getrunken wird, sagt „Captain Dick“ einen Spruch auf, den er so routiniert runter rattert, als hätte er ihn schon viele tausend Male aufgesagt. Und das hat er auch. Ich bin an der Reihe, trage meinen Namen in eine Liste und sehe, dass ich Nummer 44533 im Sourtoe-Club bin. Dick sagt seinen Spruch, Matt macht Fotos während ich den Whisky ansetze und der mumifizierte Zeh meine Lippen berührt. Kein großes Ding, ich weiß nur nicht, was mich mehr abschreckt: Der Zeh oder zu wissen, dass bereits 44532 andere Menschen ihn an den Lippen hatten. Egal, der Whisky tötet bestimmt alles ab. Wir greifen unsere Zertifikate, bringen sie zurück zu den Zelten und gehen wieder in die Stadt.

Wobei Stadt übertrieben ist; schnell ein paar Worte zu Dawson. Es gibt eine asphaltierte Hauptstraße, der Rest der typisch schachbrettartig angelegten Straßen sind Schotterpisten. Viele Häuser scheinen noch aus Zeiten zu stammen, in denen Goldgräber die Stadt überschwemmten.

Das hat durchaus seinen Charme, besonders, weil es nicht künstlich aufgehübscht ist. Von manchen Häusern blättert die Farbe ab, schiefe Hütten werden stehen gelassen, die Gehwege aus Holzplanken enden oft im Nichts – man geht im Staub weiter. Der Eisenwarenladen wirkt wie aus dem 19. Jahrhundert, freilich mit nun anderen Waren. Dawson ist klein, hat nur etwas mehr als 1200 Einwohner, von denen jeder jeden kennt. Auffallend viele junge Frauen haben hier zwei Jobs. Wer morgens das Frühstück an den Tisch serviert, steht Abends auch am Tisch – im Casino.

Die Kellnerin vom Griechen serviert auch in einem anderen Laden, fast jeden oder jede sehen wir mindestens dreimal. Und da wir Kerle sind und einige Frauen nicht gerade unattraktiv, fällt uns sowas halt auf…

Ansonsten dasselbe wie gestern: Kneipe, Musik, Billard, Casino, Can-can-Show – Spaß.

Freitag

Freitag: Erstaunlich viele Biker interessieren sich für mein Motorrad, die World-Crosser-Edition der Super Ténéré. Sie schleichen um das Motorrad, sehen sich interessante Details an und vergleichen sie mit den amerikanischen Ténérés. Denn, so versichern sie mir, der World Crosser dürfte der erste in ganz Nordamerika sein – das Modell wird hier noch gar nicht verkauft. Im Vergleich mit der normalen Super Ténéré, von denen auch einige hier sind, sieht mein Bike deutlich besser aus. Immer wieder muss ich erzählen: woher, wohin, wie lange schon. So weit? Alleine? Ach! Have fun! Aber es macht Spaß, alle sind nett, wirklich interessiert und viele der Biker sind schon selbst Abschnitte der Panamericana gefahren oder sogar die komplette Strecke.

Foto: Heerwagen

Gegen Abend beginnen die Spiele auf dem „Strip“, der gesperrten Hauptstraße, die links und rechts von Motorrädern gesäumt ist. Zunächst die Klassiker: Slalom, so langsam wie möglich, die Abstände der Pylonen werden von Runde zu Runde kleiner. Einige Bikes kippen um, kaputt geht fast nie etwas, keine Schadenfreude bei den Zuschauern. Die nächste Disziplin: Fünf Tennisbälle müssen aus langsamer Fahrt in immer kleiner werdende Gefäße geworfen bzw. darin abgelegt werden, der Ball darf nicht herausspringen. Verdammt schwierige Sache! Die wenigen, die es schaffen, werden lautstark gefeiert. Ihr wollt wissen, ob ich auch mitmache? Lieber nicht. Wer weiß, vielleicht lege ich die Yamaha auf die Seite…. Nein, ich fotografiere lieber.

Das nächste Spiel: Schnapp dir das Würstchen! Die Crew befestigt eine Angel an einer Leiter, an der Schnur über der Straße baumelt ein Wiener Würstchen. Der Auftrag: abbeißen! Jon und ich wollen uns gerade fertig machen, als wir hören, dass nur Frauen auf dem Soziussitz erlaubt sind. Schade eigentlich. Was soll ich sagen, es ist deutlich schwerer, als es sich anhört und beschert mir ein paar sehr lustige Fotos.

Foto: Heerwagen

Beim nächsten Spiel gehen einige Bikes zu Boden oder können noch gerade so von den Helfern aufgefangen werden. Die Crew sprüht ein Kreuz auf die Mitte der Straße und es gilt, möglichst nah am Kreuz zu stoppen. Einfach, oder? Nicht mit einem Sack über dem Helm! Im Blindflug tasten sich die Fahrer langsam ans Kreuz heran, das Publikum schreit laut Stopp! – natürlich auch mal weit vor dem Kreuz. Gemein, aber lustig.

Es ist weit nach Mitternacht – natürlich ist es immer noch hell – als endlich die lang ersehnten Sticker verteilt werden. „Dust to Dawson 2012“, leicht gebogen, ideal für den Kotflügel oder den Helm. Jeder ist stolz, dabei gewesen zu sein, viele haben die Stelle am Motorrad schon abgewischt und kleben den Sticker sofort auf. Die Veranstaltung löst sich auf, die Jungs und ich trinken noch gemeinsam ein Bier und gegen 2 Uhr ist für mich Feierabend.

Samstag, 23. Juni

Samstag, 23. Juni

Wir frühstücken und brechen gegen zehn Uhr auf, nach Osten, nach Whitehorse. Etwas mehr als 520 Kilometer liegen vor uns, das Navi meldet, dass ich in 180 Kilometern rechts abbiegen muss, dann geht’s die restliche Strecke immer geradeaus. Die Sonne steht hoch am Himmel fast genau vor uns, es hat angenehme 24 Grad, von einer Baustelle steigt der Geruch  von frischem Asphalt auf, das iPhone spielt meine Lieblingslieder – und wie so oft denke ich, dass es die beste Entscheidung war,  einfach den Flug zu buchen und die Tour zu machen.

 

 

 

Foto: Heerwagen

Nach vier Tagen in Dawson macht es Spaß, wieder unterwegs zu sein. Die zwei Jungs wollen ebenfalls nach Whitehorse, wir fahren zusammen, ich hinterher. Falls irgendwer mal auf der Strecke unterwegs ist: Die Zimtkuchen in der Braeburn-Lodge sind der Wahnsinn.

In Whitehorse suchen wir den Starbucks, um nach Tagen in der Einöde mal wieder kostenlos schnelles Internet zu haben. Leider ist irgendwas kaputt – kein Internet. Wir trinken Eiskaffee und erzählen noch lange, dann fahren die beiden Jungs weiter. Ich will zwei Tage hier bleiben, ein paar Fotos bearbeiten (was sehr zeitaufwändig ist, da mein Rechner zu langsam ist). Das Hostel ist ausgebucht, also ziehe ich auf einen schönen Campingplatz, nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Essen, schreiben, duschen, schlafen.

Knapp 90 Bilder aus Dawson findet ihr hier: www.panamericana2012.wordpress.com/dust-to-dawson/
Und wenn ihr damit durch seid, schaut doch auch mal auf den Blog von Matt und Carl: www.madmanadventures.tumblr.com

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