Panamericana 2012: Unterwegs von Alaska nach Feuerland Page – Antelope Canyon

Zusammen mit etwa zwölf anderen Touris fahre ich auf der Ladefläche eines Pickups Richtung Canyon. Drei Meilen geht es durch tiefen weichen Sand und ich bin froh, dass ich nicht selber mit dem Motorrad reinfahren durfte.

Foto: Heerwagen

Ich fahre weiter, ohne richtiges Ziel für heute. Mittlerweile ist es unglaublich heiß, keine Wolke am Himmel spendet etwas Schatten. Ich breche eine meiner wenigen Regeln und fahre ohne Jacke. Anders geht es nicht. Blandig, Bluff, Mexican Hat, Kayenta – kleine Orte, selten mehr als eine Tankstelle. Die Landschaft ist verdorrt, steinig, staubig, heiß. Alles sieht ähnlich aus. Rechts und links tauchen hin und wieder lange aber flache Felsformationen auf. Nichts Interessantes. Wie kann man hier nur wohnen? Tankstopp. 91 Oktan fürs Motorrad, Eistee für mich. Ich sehe auf die Karte – bis Page sind es noch etwa 200 Kilometer. Mist, noch so weit. Und das in der Hitze. Auf dem Weg dorthin liegt lediglich ein weiterer kleiner Ort in der Wüste. In Page lockt allerdings der Antelope Canyon und Lake Powell – Baden im See! Gut, das schaffe ich heute noch. Kurz vor sieben erreiche ich Page und habe auch hier Glück: Ich bekomme einen der letzten acht Plätze auf dem riesigen Gelände. Stimmt, es ist ja Freitag und alle aus der näheren Umgebung wollen ihr Wochenende hier verbringen. Wegen der Hitze scheint es hier jeden Abend Gewitter zu geben. Dunkle Wolken treiben mich an, schnell das Zelt aufzubauen. Essen, duschen, schlafen.

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Foto: Heerwagen

Schon kurz nach sieben Uhr früh bin ich an der Rezeption, weil ich noch eine Nacht verlängern will – wenn noch Platz ist. Geht klar. Heute ist der Antelope Canyon dran. Wahrscheinlich kennt ihn jeder von euch von irgendwelchen Bildern so wie diesem hier. Sechs Dollar Eintritt zum „Park“ – 50 Meter weiter ein Parkplatz und ein Häuschen, bei dem man seine Tour buchen muss. Muss ich denn eine Tour buchen? Ja, leider. 25 Dollar kostet der Spaß, aber ich sehe, dass das ganze Geschäft in Händen der Navajos ist. Nach allem was man ihnen genommen hat, ist es vielleicht eine Art Entschädigung. Und bei der Anzahl von Touristen, die hier täglich im Eiltempo durchgeschleust werden, ist der Antelope Canyon eine wahre Goldgrube.

Zusammen mit etwa zwölf anderen Touris fahre ich auf der Ladefläche eines Pickups Richtung Canyon. Drei Meilen geht es durch tiefen weichen Sand und ich bin froh, dass ich nicht selber mit dem Motorrad reinfahren durfte.

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Foto: Heerwagen

Laurie, eine dicke nette Navajo-Indianerin führt uns in den Canyon. 400 Meter weit reicht der mehr oder weniger schmale Spalt durch den Fels. Das besondere: Wasser hat im Laufe der Zeit den Canyon ausgewaschen und den Fels regelrecht glatt geschmirgelt. Von oben fällt je nach Tageszeit das Sonnenlicht so in den Spalt, das bestimmte Teile rot leuchten oder gar ein Lichtstrahl durch die Gewölbe auf den Boden fällt. Schon beeindruckend, aber Mittags soll das Licht noch besser sein. Dann kostet die Tour aber 40 Dollar und die Touris treten sich im Spalt die Füße platt.

Extrem langsam schieben wir uns von einem Ende zum anderen. Eine Gruppe vor uns, eine hinter uns, an manchen Stellen können kaum zwei Leute aneinander vorbeigehen, weil es so schmal ist. Viele verzweifeln an ihren Kompaktkameras, weil das wenige Licht meist nicht für ordentliche Bilder ausreicht und sie kaum etwas einstellen können.


Mit Blitz sieht alles furchtbar aus, weil das Licht von den engen Wänden zurückgeworfen wird. Laurie zeigt mit ihrem Laserpointer immer wieder auf bestimmte Felsformationen, die wie irgendetwas aussehen sollen. „Hier ist der Bär. Da der Adler. Wenn ihr das hier fotografiert und auf dem Kopf haltet, sieht es aus wie das Monument Valley. Da drüben ist George Washington – Augen, Kinn, könnt ihr es sehen?“, Laurie ist in ihrem Element und ich weiß manchmal nicht, ob sie uns nicht irgendeinen Blödsinn zeigt und sich dabei freut. Nein, mit etwas Fantasie kann man schon etwas erkennen. In den 1930er-Jahren gab es tatsächlich noch Antilopen hier – daher der Name Antelope Canyon. Laurie erzählt, dass heute noch hin und wieder Rinder im Canyon Schatten suchen. Und dass es ungefähr dreimal im Jahr so stark in der Umgebung regnet, dass der Canyon meterhoch Wasser führt.

Foto: Heerwagen

Ein Baumstamm in bestimmt fünf bis sieben Metern Höhe wurde dort im Jahr 2006 angespült und hat sich im Fels verkeilt. Die Fluten sind auch einer der Gründe, warum man den Canyon nicht auf eigene Faust erkunden darf. Wir befinden uns im Upper Antelope Canyon; es gibt jedoch noch den Lower Antelope Canyon, in dem vor einiger Zeit elf Touristen ums Leben gekommen sind.

Die Tour ist zu Ende, der Tag noch jung. Auf dem Weg zurück halte ich am Glen Canyon (nicht Grand Canyon) Damm, um mir das Besucherzentrum anzusehen – außerdem gibt es dort eine Klimaanlage. Sie zeigen, wie der Damm gebaut wurde, wie viel Energie die Turbinen erzeugen und was es sonst noch über den Damm zu wissen gibt. Eine geführte Tour zur Dammkrone, hinein ins Innere und zur Turbinenhalle kostet nur fünf Dollar. Gekauft! Allerding muss ich fast eine Stunde bis zur nächsten Tour warten.

Man darf Wasser, Kameras und Handys mitnehmen, jedoch keine Rucksäcke, Feuerzeuge, Taschenmesser und sonstige Dinge, mit denen man etwas anstellen könnte. Jeder muss durch einen Scanner wie auf dem Flughafen. Punkt Eins auf dem „Merkblatt“, das wir bekommen: Wörter wie Bombe, Sabotage, Anschlag, Explosion etc. werden von der Security nicht toleriert! Was auch immer das heißt.

Foto: Heerwagen

Mit dem Fahrstuhl geht’s vom Besucherzentrum nach unten zur Dammkrone. Ein 2007 außer Dienst gestelltes Turbinenrad verdeutlicht die Dimensionen der Technik – über fünf Meter im Durchmesser, mehr als 40 Tonnen schwer, 150 Umdrehungen pro Minute, fast 43 Jahre lang hat dieses Rad Strom erzeugt! Jetzt arbeitet an seiner Stelle ein neues Rad aus Edelstahl, dass fünf Prozent mehr Strom mit der gleichen Menge Wasser erzeugt. Insgesamt acht Turbinen erzeugen Strom für fast sechs Millionen Menschen in den sieben Anrainerstaaten des Colorado-Rivers.

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Mir fällt auf, dass sie Mauer der Dammkrone verdammt niedrig ist. Sie reicht mir nicht mal bis zur Hüfte – und auf beiden Seiten geht’s steil bergab. Auf der Seeseite vermutlich 20 bis 30 Meter, auf der Flussseite 165 Meter. Wieder geht’s mit einem Fahrstuhl runter, diesmal in den Fuß des Dammes. 30 Meter dicker Beton trennt uns nun vom Lake Powell – ein komisches Gefühl. An den dicksten Stellen ist der Damm wohl fast 100 Meter dick. Unten etwas Besonderes: frisch gemähtes grünes Gras! Bestimmt spielen die Security-Typen abends hier immer eine Runde Fußball.

Die fünf Dollar waren wirklich gut angelegt, ich hätte sogar mehr gezahlt. Zurück auf dem Campingplatz schnappe ich mir Handtuch und Buch und gehe runter zum See. Abkühlen kann ich mich kaum, das Wasser ist mächtig warm. Speedboote mit gewaltigen Motoren röhren über den See, dazu Jet-Skis, Hausboote, Angelkähne – hier ist der Teufel los. Schon am Damm habe ich jede Menge Franzosen gehört, hier am See das gleiche. Jeder Dritte scheint Franzose zu sein. Ich bleibe lange, lese, relaxe. Als ich zum Zelt gehe weht mir plötzlich ein Ein-Dollar-Schein vor die Füße. Ein paar Meter entfernt liegt noch ein Fünfer. Ausgezeichnet! Mehr finde ich leider nicht. Gegen Abend das gleiche wie die vergangenen Tage: Gewitter.

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