Panamericana 2012: Unterwegs von Alaska nach Feuerland Icefield-Parkway und der Bär

Schon gegen 8 Uhr packe ich mein Zeug zusammen, bin kurz nach halb neun unterwegs Richtung Banff. Die Straße führt durch den Jasper-Nationalpark. Der sogenannte Icefield-Parkway schlängelt sich zwischen hohen Bergen hindurch, die größtenteils noch mit Schnee bedeckt sind.

Foto: Heerwagen

Bis auf über 2000 Meter windet sich die Straße hinauf, kalt ist es dennoch nicht. Zwischen elf und 14 Grad, damit kann ich leben. Wald, Wiesen, steile Felsformationen, dazwischen immer wieder kleine Seen und jede Menge Wasserfälle – sehr schön und sehr empfehlenswert. Nach rechts und links zweigen oft Wanderwege ab, die die Seen umrunden oder einfach etwas durch die Berge führen.

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Foto: Heerwagen

Ich glaube, man kann locker zwei Wochen Urlaub alleine hier in diesem Nationalpark machen. Doch ich muss nach Calgary, das Motorrad braucht die Durchsicht und normalerweise sind die Werkstätten bis zu drei Wochen im Voraus ausgebucht – für mich allerdings nicht, dazu mehr in den nächsten Tagen. Fest steht: Ich muss am Samstag in Calgary sein. Leider spielt heute das Wetter nicht mit. Es ist zwar relativ warm, aber ständig bedeckt, nur ganz selten ist ein kleines Stück blauer Himmel zu sehen, oft verdecken die Wolken die Gipfel. Fotos? Lohnt sich kaum.

Die paar Bilder, die ich mache sind grau in grau, dazu das dunkle Motorrad – keine Chance. Am Columbia-Icefield, einem Gletscher, halte ich an und wandere ein paar hundert Meter vom Parkplatz bis zum Aussichtspunkt kurz vor der Gletscherzunge. Kurz überlege ich, ob ich den Helm aufsetze, denn oben weht ein eisiger Wind, gemischt mit Regentropfen bei nun bestimmt nur noch drei Grad. Ich knipse schnell ein paar Bilder, gebe meine Kamera einer Frau, damit sie ein Foto von mir macht, ziehe meine Motorradhandschuhe an und mache mich auf den Rückweg zum Parkplatz.

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Foto: Heerwagen

Während der Gletscher bei Sonnenschein vielleicht blau leuchtet und durch die umgebenden Berge ein tolles Fotomotiv abgibt, war es heute eher enttäuschend. Ein andermal, denn ich kann mir gut vorstellen, hier noch einmal herzukommen.

Zwischendurch halte ich immer wieder an und mache ein paar Bilder, ansonsten fahre ich zügig weiter nach Banff. Zwischendurch muss ich tanken und zahle 1,71 Dollar pro Liter – bisher der teuerste Sprit in Kanada. Und: Ich tanke immer das Beste Benzin und selbst das hat nur 91 Oktan… Mein erster Weg führt mich zu McDonalds, Mails checken.

An dieser Stelle wird es Zeit, Carey vorzustellen. In Dawson habe ich nicht nur Carl, Matt und Jon kennengelernt, sondern auch Carey, einen etwa 45-jährigen Technischen Redakteur und Motorrad-Rennfahrer aus Calgary. Da er jede Menge Besitzer von Motorrad-Werkstätten kennt, hat er für mich seine Beziehungen spielen lassen und einen Termin für die nötige Durchsicht organisiert. Wie gesagt, normalerweise gibt’s Termine in drei Wochen. Während ich in Calgary bin, darf ich bei ihm und seiner Familie im Haus wohnen, super netter Kerl. Ich checke meine Mails, Carey hat nochmal geantwortet, und fahre dann zum Campingplatz. Hier muss ich bestimmt 30 Minuten in der Schlange stehen, weil es so voll ist – Freitagnachmittag. Wie gestern schon geben mir die Park-Ranger einen Platz in der Nähe der Food-locker, also den Stahlbehältern, in die man über Nacht seine Lebensmittel packen soll, damit die Bären da nicht rankommen. Sie warnt mich: „ Erst heute Morgen wurde auf dem Platz ein Schwarzbär gesichtet!“. Ich glaube ihr sofort.

Foto: Heerwagen

Und wenig später kann ich es mit eigenen Augen sehen. Etwa 70 Meter von meinem Zelt entfernt sehe ich plötzlich etwas Schwarzes im Baum. Es kann nur ein Bär sein, also schnappe ich meine Kamera, gehe durch etwas höheres Gras und Unterholz auf den nächsten Fußweg, als plötzlich schon ein Ranger mit der Pumpgun in der Hand hinter mir steht.

Ich solle kurz warten, er muss mal schauen, was da los ist. Ich bleibe stehen, der Ranger geht zum Baum und fängt an zu brüllen, der Bär solle da runter kommen. Völlig unbeeindruckt bleibt er natürlich sitzen. Nach ein paar Minuten kommt der Bär runter, der Ranger brüllt wieder, aber der Pelzträger läuft nicht weg. Der Ranger schießt eine Rakete mit Knalleffekt in den Himmel – die Aktion schlägt fehl: In drei Sekunden sprintet der Bär von null auf zehn Meter Höhe den Baum wieder hinauf. Beeindruckend! Und ich kriege für meine 27,50 Dollar richtig was geboten! Die Pfeifpatrone bringt auch nicht viel, aber irgendwann kommt der Bär runter und verschwindet.

Während ich das schreibe, probieren zwei Frauen in etwa zehn Meter Entfernung, ihr Zelt aufzubauen. Seit, ja, gut einer Stunde. Es ist ein kleines Zelt. Sie fragen nicht, ob ich helfen kann und ich habe keine Lust mich aufzudrängen. Ich wandle noch ein paar Bilder um, dann kann ich das Elend nicht mehr sehen und fahre in die Stadt.

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