Panamericana 2012: Unterwegs von Alaska nach Feuerland Erst Hitze, dann Bier und schließlich umgekippt

Schließt doch mal die Augen und denkt fünf Sekunden an den Wilden Westen, so wie ihn ihr euch landschaftlich vorstellt - das ist Montana.

Foto: Heerwagen

Hitze

Montana dürfte den meisten Bildern recht nahe kommen. Wenige Nadelbäume auf verdorrten Wiesen, es sieht aus, wie auf einer Modelleisenbahn! Vereinzelt stehen Fliegenfischer in den Gebirgsbächen, hinter jeder neuen Bergkuppe sieht die Landschaft anders und doch gleich aus. Ich fahre bergauf, weiter bergauf, auf dem Scheitel breitet sich vor mir eine Ebene aus. Verdorrt, braun, lebensfeindlich, faszinierend. Am Horizont steht die dichte Rauchwolke eines Waldbrandes. Damit hat Montana oft zu kämpfen. Trockenes Weideland, häufige Gewitter – Waldbrände sind hier im Sommer an der Tagesordnung.

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Foto: Heerwagen

Im Schnitt bewege ich mich auf 1700 Meter Höhe, drunter geht es selten, einmal sind es mehr als 2000 Meter. Die Rocky Mountains, und ich mitten drin. Kurven gibt es keine, höchstens leicht geschwungene Geraden – die Reifen fahren sich so eckig ab wie nie zuvor.

Es ist heiß heute. Sehr heiß. Eine Anzeigetafel in einem Ort zeigt 96 Grad Fahrenheit, das müsste um die 36 Grad Celsius sein, glaube ich. Die Anzeige im Cockpit meldet zwischen 33 und 35 Grad. Es ist eine trockene Hitze und das macht es einigermaßen erträglich – in Asien wäre ich schon längst nicht mehr mit kompletter Motorrad-Montur unterwegs. Die Jacke bleibt immer offen, während der Fahrt rutsche ich auf dem Sitz etwas nach links aus dem Windschatten der Scheibe und spanne die Jacke wie ein Segel, lenke so Fahrtwind um den Rücken.

Das funktioniert relativ gut, doch sobald ich irgendwo anhalte, wird es schnell unerträglich. Auch für die Yamaha. An Ampeln, Baustellen oder sonstigen Verzögerungen springt immer schnell der Lüftermotor an, kühlt von etwa 105 Grad wieder runter.

Oft kommen mir Motorradfahrer entgegen mit kurzen Hosen, T-Shirts, und natürlich ohne Helm – in Montana ist das erlaubt. Auch ich wäre lieber so unterwegs, aber meine Haut ist mir immer noch lieber. Um es mal mit Lloyd Christmals aus „Dumm und Dümmer“ zu sagen: „Man muss immer mit der Dummheit der anderen rechnen!“ Und da die Amis anscheinend tatsächlich nicht immer so aufmerksam fahren, behalte ich die Kombi an.

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Foto: Heerwagen

Bier

In meinem in Dawson gewonnenen Motorradreiseführer (das hatte ich ja noch gar nicht erzählt!) für Montana finde ich die Anzeige einer deutschen Brauerei ganz in der Nähe. Jürgen Knöller, Braumeister und Besitzer, fährt auch Motorrad – BMW – und hat die Bayern Brewery schon 1987 hier in Missoula eröffnet. Als ich ankomme ist der Chef gerade schwer beschäftigt, also trinke ich ein gutes Bier am Tresen und unterhalte mich mit Udo. Er stammt aus Bamberg, wohnt schon seit vielen Jahren in Montana und arbeitet hier als Lokführer. Wir unterhalten uns kurz über die nicht vorhandene Helmpflicht und Udo erzählt folgendes: Irgendwann wurde einmal darüber diskutiert, die Helmpflicht einzuführen. Daraufhin haben sich hunderte Biker zusammengefunden, um dagegen zu protestieren. Einer der Biker ist während der Protestfahrt unglücklich umgefallen – natürlich auf den Kopf – und war tot. Wenn es nicht so tragisch wäre… naja, lassen wir das.

 

Es dauert keine zwei Minuten, da hat er mich weiteren fünf Leuten vorgestellt, die ebenfalls an der Bar sitzen. Die Bayern Brewery ist relativ groß, modern und gemütlich eingerichtet, es gibt einen Biergarten und jeden Freitag Bratwurst und Sauerkraut. Der zweite Braumeister, Thorsten, gibt mir noch ein Bier aus und ich kann noch kurz mit dem Chef sprechen, bevor er schon wieder weg muss. Ich höre, dass ein deutscher Brauer aus der Nähe von Magdeburg hier arbeitet! Da habe ich studiert – die Welt ist klein. Morgen Vormittag werde ich nochmal kurz herkommen und mich mal mit ihm unterhalten.

Ich irre fast eine halbe Stunde umher, um einen Campingplatz zu finden. Auf dem RV-Park (recreation vehicle – Wohnmobil) darf man normalerweise nicht zelten und die Besitzerin will mich schon wieder wegschicken, aber mit dem Hinweis, dass ich nur eines kleines Stück Rasen für mein Zelt brauche und dem passenden Dackelblick lässt sie sich überreden – wenn auch widerwillig. Endlich eine Dusche! Ich drehe noch eine Runde durch die Stadt, kaufe mir ein Sandwich und ein Bier und fahre zurück.

Foto: Heerwagen

In der Brauerei

In der Brauerei wird zu dieser Jahreszeit rund um die Uhr gebraut, gegen 11 bin ich nochmal da und treffe gleich auf Philipp. Er kommt zwar nicht direkt aus Magdeburg, sondern aus Kalbe, aber das liegt in der Nähe. Der 25-jährige hat in Dortmund Brauer gelernt und auf einer Messe in Nürnberg Jürgen und Thorsten von der Bayern Brewery kennengelernt. Nun ist er seit März hier, braut gutes deutsches Bier für die Amis und darf noch bis nächsten März bleiben. Braumeister und Besitzer Jürgen Knöller, Braumeister Thorsten Geuer und Brauer Philipp Koch (v.l)Dann muss er wieder zurück nach Deutschland, die Aufenthaltsgenehmigung gilt nur für ein Jahr. Wir unterhalten uns ein wenig, ich mache ein paar Fotos von der Brauerei und der neuesten Errungenschaft aus Deutschland – einer Flaschen-Reinigungsmaschine. Zwei Techniker aus Deutschland bauen sie gerade auf. Besitzer Jürgen findet auch noch ein paar Minuten Zeit, bevor er wieder weiter muss. Im Alter von 25 Jahren ist er nach Montana gekommen und hat zunächst in der Brauerei gearbeitet. Kurze Zeit später hat er sie übernommen und immer weiter vergrößert und modernisiert. Zwölf Sorten Bier brauen er und seine Mitarbeiter, der Hopfen dafür kommt natürlich aus Deutschland. Die Halle ist voll mit Tanks, ob er noch anbauen will? „Zuviel Aufwand, außerdem bin ich jetzt 50 und möchte keinen Kredit mehr dafür aufnehmen.“ Aber ansonsten scheint die Brauerei gut zu laufen? „Es gibt über 800 Micro-Breweries in den USA, allein 20 in Montana. Die Konkurrenz ist groß und man braucht nicht denken, dass sich deutsches Bier wie von allein verkauft.“ Trotzdem scheint es gut zu laufen, bis nach Seattle und im weiten Umkreis wird sein Bier in Restaurants und Kneipen verkauft.

Foto: Heerwagen

Umgefallen

Weiter geht’s. Ich kühle mich zwei Stunden im McDonald’s ab und schreibe den Blog. Weit will ich es heute nicht mehr schaffen. Auf der Interstate oder dem Highway fahren? Nur wenn es unbedingt sein muss. BildAnsonsten versuche ich wann immer es geht, kleine Nebenstrecken zu fahren. Am besten nicht asphaltierte. Auf der Karte sehe ich, dass eine unbefestigte Straße zu dem Ort führt, zu dem ich möchte. Quasi eine Abkürzung. Das Navi zeigt nichts an, also halte ich vor einer Kneipe  und frage drinnen nach dem Weg. Ein fast zahnloser, nach Bier riechender Typ erklärt mir lallend, wo ich lang muss – er kommt sogar mit raus und zeigt es mir. Aber er warnt mich. Mehrfach. Schlimme Piste!, Very rough! Jaja, kenne ich schon. Am Anfang war die Piste tatsächlich ein richtiges Waschbrett, also kleine Wellen, dicht hintereinander, die Mensch und Maschine ordentlich durchschütteln. Nach ein paar Kilometern wird’s besser und ich drehe auf.

Etwas zumindest. 80 Km/h sind drin, manchmal etwas mehr. Hin und wieder springe ich über ein Texas-Gate, es macht richtig Spaß hier zu fahren, zwischen den verdorrten Hügel, auf der Schotterpiste, weit und breit niemand zu sehen. Nach einer Weile überlege ich, wie wohl die Aussicht von so einem Hügel ist. Und das wird mein Verhängnis. Zumindest etwas. Ich halte auf der Piste, schaue kurz nach links den Hügel hoch und biege ab. Was eben noch so glatt aussah, entpuppt sich nun als Mischung aus gröberen Steinen, als ich dachte. Relativ steil geht es hinauf, das Hinterrad springt immer wieder, die Traktionskontrolle regelt – und wird zum Problem. Ich kann förmlich zusehen, wie ich trotz viel Gas immer weiter an Geschwindigkeit verliere, der Hügel ist steil, die Elektronik regelt jeglichen Schlupf weg. BildLangsamer, immer langsamer werde ich, denke mir noch: Mist, hättest du mal die Traktionskontrolle abgeschaltet!, da stehe ich schon, leicht geneigt und mein rechtes Bein ist etwa 20 Zentimeter zu kurz. Im Stand kippe ich langsam nach rechts, kann das Bike nicht mehr ganz halten und lege es talabwärts sacht ab. AAARRGH! Nach fast 10.000 Kilometern on tour also das erste Mal Bodenkontakt. Ganz toll. Gepäckrolle ab, linken Koffer ab, Motorrad hochheben. Meine Fresse, ist das schwer! Auch noch halb Bergauf, na das kann ja was werden. Jacke aus, durchatmen, am Lenker anfassen, bis drei zählen und mit aller Kraft hochwuchten. Fast! Aber nicht ganz. Nochmal Luft holen. Die Sonne brennt, ich schwitze, aber es muss hoch, irgendwie. Noch einmal, und mit allerletzter Kraft wuchte ich die XT auf den Seitenständer. Pause. Fotos machen. Schäden? Keine, bis auf das einer meiner Kanada-Sticker und der Ortlieb-Aufkleber verkratzt ist. Vom liegenden Bike gibt’s keine Bilder, sondern was besseres: Ich habe den Umfaller auf Video – die GoPro lief mit. Ich packe mein Zeug auf, deaktiviere die Traktionskontrolle und fahre wieder runter zur Schotterpiste.

Aber das schlimmste kommt noch. 200 Meter weiter die Piste runter sehe ich, dass ein schöner Feldweg den Hügel hinauf führt. Neiiiiin!!

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