Patagonien (2)

Foto: Wybranietz
Endlich das ersehnte Schild. Hier beginnt also Patagonien. Und hinter Viedma das Nichts. Na gut, die Straße, aber sonst – nichts, nichts, nichts. Nicht mal eine Kurve. Rinderhäute dörren über den Zäunen, die Hitze föhnt gegen die Gesichter, doch die Bikes schnurren. In San Antonio beschließen die vier, an die Küste zu prötteln. Las Grutas, ein kleiner Badeort, verspricht Erfrischung. Weniger erfrischend: die handgelötete Antennen-Internetverbindung – also wieder keine Fotos nach Deutschland. Am nächsten Tag präsentiert sich das Umland der „Ruta 3“ weiterhin gottverlassen. Erst der nachmittägliche Abzweig zur Halbinsel Valdés bringt Abwechslung: Guanacos, Strauße und Gürteltiere, später Pinguine, Seelöwen und -elefanten. Etappenende in Puerto Pirámides. Bauch voll und Bett – mit Blick aufs Meer. Morgen wird wieder Strecke gemacht.

So sei es: Mittags bollern die vier durch Trelew, von da auf die Ruta 25 nach Westen. 180 Kilometer durch die Steppe. Weit, heiß, öde. Folglich gibt’s nur einen kurzen Tankstopp in Las Plumas, dann gleich weiterkacheln bis zum Valle de los Martires. Dort gehen allen die Augen auf, und die Kinnladen klappen runter: Das Tal der Märtyrer ist gespickt mit unglaublichen Felsformationen. Spitze Nadeln, Tafelberge, Canyons. Es bleibt monumental. Nur die Ortschaften werden immer kleiner – und die Geraden länger. Nicht eine einzige Biegung auf den 200 Kilometern zwischen Paso de Indios bis Tecka, einem zerzausten Nest um eine Tankstelle herum. Danach endlich die „Ruta 40“. Der erste Gummiabrieb auf einer Straßenlegende – die Zündungen der V-Twins scheinen auf einmal feierlicher zu klingen. Am Rio Tecka entlang tuckern die vier nach Esquel. Höchste Zeit für einen Wasch-, Bildverschicken- und Bikepflegetag. Tommy hat am Vorabend jemand kennen gelernt, der jemand kennt, der jemand kennt, der seinen Sattel schweißen kann, und zwar perfekt, inklusive verstärkter Halterung. Fast zeitgleich bringt Ricky aus Bariloche die ersehnte Anti-Pannen-Express-Sendung: den Bremssattel.
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Foto: Wybranietz
Schluss mit lustig: Das Hobby-Geöttel ist vorbei, 400 Kilometer „Ruta 40“ stehen auf dem Plan: über Gobernador Costa nach Rio Mayo. Erste Schotterabschnitte geben einen Vorgeschmack. Am nächsten Tag ist klar: Die „Ruta 40“ trennt Mann von Memme. Die Jungs juckeln über einen Alptraum aus Flusskieseln. Mehr als Tempo 40 ist für die Starr-Rahmen nicht drin. Nach fünf Stunden Schottersurfen ist Perito Moreno erreicht. Die Harley-Treiber feiern ihre Ankunft mit ein paar israelischen Gringos, die sich per Anhalter durchschlagen wollen. Super Idee – wer hier den Daumen in den Wind halten will, hat auf jeden Fall genug Wind. Aber Autos?

Beim Frühstück wird gemunkelt, ab Perito Moreno sei die „40“ besser. Und Tatsache: Der Schotter wird angenehmer, 50 bis 80 Sachen sind stellenweise drin. Die Landschaft gibt sich weiterhin karg, hier und da garnieren ein paar dekorative Vulkankegel und Tafelberge den Weg bis Bajo Caracoles. 230 Kilometer sollten heute abgespult werden. Nach 50 ist Schluss – beim Runterschalten blockiert das Hinterrad von Tommys Pan, und unter dem Getriebe breitet sich eine fette Öllache aus. Das sieht nicht gut aus. Wie bestellt kommen zwei deutsche Bergsteiger (gracias, amigos!) mit ihrem Pick-up vorbei und verfrachten die Panhead zurück nach Bajo Caracoles. In einer Reifenwerkstatt erfolgt die Diagnose: Das Getriebegehäuse ist von oben nach unten gerissen. Ein herber Rückschlag. Per Satellitentelefon ordert Tommy von daheim ein neues Getriebe. Für einen dicken Stapel US-Dollar werden er und sein Bike per Pick-up nach El Calafate geschaukelt. Für die anderen heißt es früh aufstehen, Bikes packen und zurück auf die „Ruta 40“.

Einen Tag später. Noch immer Schotter bis zum Horizont. Gespickt mit Schlaglöchern, in denen problemlos ein Schaf verschwinden würde. Die Mopeds zeigen sich hart im Nehmen. Nur Joes Lenkkopfmutter und das darunter liegende Abdeckblech vibrieren ab, können aber aufgesammelt und montiert werden. Weiter, weiter, weiter. Die „40“ bleibt katastrophal. Dann, nach fünf brutalen Tagen, endlich wieder Asphalt. Du Segen der Menschheit, du geschmeidigste aller Fahrbahndecken, du schwarze Rollbahn in den V-Twin-Himmel. Endlich Hochschalten, endlich wieder entspannt Strecke machen. Bienvenidos in El Calafate mit Tommy, der nach wie vor auf das Getriebe wartet. Zwei Tage später endlich eine Info, aber eine schlechte: Das Getriebe hängt. Und zwar im Zoll in Buenos Aires. Angeblich stimmen die Frachtpapiere nicht. Ein Zollagent muss her. Der will 200 Dollar, um die Probleme zu lösen.

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