Patagonien Mann oder Memme

Per Motorrad nach Patagonien? Auf Enduros fahrerisch keine allzu große Herausforderung. Harley-Piloten haben dagegen richtig was zu erzählen, wenn sie nach vielen Strapazen an der Spitze Südamerikas angelangt sind.

Foto: Wybranietz

Würzburg, Anfang Dezember. Vier Harley-Davidson werden auf Paletten verzurrt. Das Ziel der Fracht: Buenos Aires. Drei Wochen später machen sich deren Reiter – Joe, Paul, Tommy und Volker – auf den Weg. Ihre Mission: eine Testfahrt der erbarmungslosen Art, um zu demonstrieren, aus welchem Holz Harleys geschnitzt sind. Die Route: von Buenos Aires in Argentinien entlang der legendären „Ruta 40“ durch Patagonien bis nach Feuerland, wo die Pinguine den Walen gute Nacht sagen. Wer glaubt, dass es sich dabei um eine Spazierfahrt handelt, sollte einmal genauer eine entsprechende Karte studieren. Über 3000 Kilometer Schotterpiste stehen an. Endlos weite Ebenen ohne Zivilisation und Wind wie aus einer Turbine. Ein Begleitservice bleibt natürlich zu Hause – also garantiert keine Memmentour. Schlafen? Wenn, dann im Zelt. Essen? Alles, was dem Leatherman nicht genug Widerstand leistet. Trinken? Das südlichste Bier der Welt. Trinkspruch: It´s not the end of the world, but we can see it from here.


Die Motorräder: Paul bewegt eine 1946er-Knucklehead, handgeschaltet und fußgekuppelt, an deren Starr-Rahmen zwei monumentale, 19 Zoll große Räder hängen. Joes 1947er-Knuckle ist praktisch identisch, verfügt allerdings über einen reisefreundlichen fünf Gallonen (fast 19 Liter) fassenden Tank. Beide rollen also ohne Hinterradfederung und mit einer nur minimalen Vorderraddämpfung über die südamerikanischen Pisten. Tommys gelbe 1200er-Panhead, ebenfalls mit Starr-Rahmen, besteht fast komplett aus Zubehörteilen und hat sich schon vor einigen Jahren im knietiefen panamesischen Schlamm bewährt (siehe letzte Seite). Da wirkt Volkers Evo-Sportster, Jahrgang 1995, im Vergleich wie ein waschechter Dakar-Bolide: längere Federwege, großer Alutank, Zusatzscheinwerfer, Verkleidung, Stollenreifen und Mega-Aluboxen für die schwere Fotoausrüstung.

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Foto: Wybranietz

Fehlstart: Bereits auf europäischem Boden gerät der enge Zeitplan der vier patagonischen Reiter aus den Fugen: Der Flieger mit den Maschinen an Bord steht in Amsterdam. Mit irreparablem Defekt. In der Zwischenzeit flutschen die vier Abenteurer durch den argentinischen Zoll und erfahren gleich mit voller Wucht das südamerikanische Dampfklima (37 Grad Celsius, Luftfeuchtig-keit 99 Prozent). Und die Gastfreundschaft, die sie während der nächsten Wochen immer wieder begeistern wird: Alberto, bislang nur durch telefonischen Kontakt bekannt, und sein Kumpel Flavio stellen das Empfangskomitee, veranstalten eine Mega-Grill-Party – ein so genanntes Asado – und quartieren schließlich die Familie aus, damit sich die Gäste betten können. Ein Besuch beim örtlichen MC Epidemia weckt weitere Sympathien für Argentinien: riesiges Grundstück, komfortables Haus, gepflegter Pool. Ein paar Fleischlappen und zwei, drei Bierchen helfen wieder ins Bett. Tags darauf dann die gute Nachricht: Die Bikes sind da, früher als erwartet. Mit schwerem Gerät werden sie aus ihren Holzkäfigen befreit, die Ausrüstung wird sortiert und umgepackt. Morgen soll´s losgehen.

Jetzt ist morgen, und es gießt wie aus Kübeln. Also erst mal entspannt fertig packen. Irgendwann lässt der Regen nach, stehen die ersten Meilen argentinischer Straße an: 400 Kilometer auf der „Ruta 3“ nach Azul. Pflichtbesuch im Globetrotter-Treff „La posta del viajero en moto“: eine bescheidene Hütte voller Geschenke, Bilder, Aufkleber und Grußpostkarten von Motorradlern aus aller Welt. Der Tag endet traditionell: Asado, Bierchen, Bett. Hinter Azul wird’s topfeben. Die acht Zylinder donnern über die Hafenstadt Bahia Blanca bis Pedro Luro. Macht 550 Kilometer. Die ersten Schwächeanfälle: Tommys hinterer Bremssattel hat sich verabschiedet, die Federn seines Sessels ebenfalls – bei einem Starr-Rahmen natürlich besonders unangenehm. Die erste UPS-Lieferung aus der Heimat wird angeleiert. Tommy muss sich solange eben ungefedert und teilgebremst weiterbewegen.

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