Per Mokick durch die Alpen Die Wette

Welcher Teeny will schon hören, daß Mittelmeerurlaub auch mit Mokick und Taschengeld geht? Stefan Gysler hatte die Diskussionen satt und führte es seinem Sohn vor. Mit 757 Mark und einer Simson Sperber.

Ich konnte es einfach nicht mehr hören. Mit dem Mokick in die Ferien? Nee Papa, echt nicht! Ich sei völlig verrückt, hieß es, meinen Söhnen so was vorzuschlagen. Schließlich könnten die Jungen heutzutage für 1500 Mark nach Mallorca fliegen. Auch wenn ich dreimal mit meiner 50er Viktoria und 500 Mark vom Ferienjob ans Mittelmeer geeiert wäre, heute gehe das einfach nicht mehr. Da beschloß ich, es ihnen zu beweisen. Mit Kompaß, Zelt und Kocher. Wie damals. Doch es kommt anders. Die Sprößlinge, die dann doch mitwollten, fallen wegen Krankheit aus, und die frisierte DT50 eines mich begleitenden Kumpels brennt sich schon vor dem Bodensee ein Loch in den Kolben. Bleiben Simson Sperber und ich. Na gut. Der Einstieg ist nicht ganz einfach. Es dauert, bis ich mich an 50Km/h Maximalgeschwindigkeit gewöhnt habe, und an das Fahren nach Himmelsrichtung, denn auf den kleinen Nebenstrecken sind Wegweiser Mangelware. Doch bereits nach ein paar Stunden sind die Augen auf Weitwinkel gestellt, die Blumen am Straßenrand werden plötzlich wichtig, die Hügel der Alb. Das Schönste: Ich darf mit Vollgas durch die Dörfer rasen, völlig legal.Hinter St. Gallen kommt die erste Nagelprobe, die Alpen beginnen. Überraschend kräftig zieht der Sperber mit seinen fünf Gängen vollbeladen die Kreuzberge hinauf. Und bergab bleibt er so fahrstabil, daß sogar risikolos ein Blick über das Rheintal auf Lichtenstein möglich ist. Über Saumwege und alte Poststraßen geht es von Maienfeld an Chur vorbei nach Bonaduz und dort auf die andere Rheinseite ins Rätische. Hinter dem Abzweig zum Luckmanier-Paß zelte ich, freue mich auf die Überfahrt am morgen. Um den Sonnenaufgang am Paß zu erleben, schlüpfe ich früh aus dem Zelt. Eine Tasse Kaffee dampft auf dem Kocher, während ich meine Sachen verstaue, in der Vorfreude auf den sicher noch einsamen Anstieg. Doch es kämpft sich bereits eine Gruppe Rennradler nach oben. Kaum schneller, pöttere ich vorbei. An ebenen Stücken ziehen sie fast gleichauf, drängen sich im Windschatten, Schweißperlen in den Gesichtern und auf den hervortretenden Muskeln. Die Talfahrt bringt schließlich die Herausforderung. Leider riegelt der Sperber bei knapp 60 Sachen ab, da treten die Jungs erst richtig in die Pedale und sausen davon. Aber nur kurzfristig, dann kupple ich bei 56 aus, bremse die Spitzkehren im Rossie-Stil an. Raus mit schleifender Kupplung und Knie am Boden , dann sofort ducken und laufenlassen. In den Kurven schnappe ich sie und in Steilstücken erreicht der Sperber mehr als 80 Sachen. Die Scheibenbremse läuft blau an, das Fahrgestelll wankt an der Reifenhaftgrenze, doch wir packen es, gewinnen mit hauchdünnem Vorsprung. Im Tal steht mir der Schweiß auf der Stirn, aber es war phänomenal. Eine kurze Bremseninspektion: sie ist bereits wieder wohlauf. Der Lago Maggiore ist erreicht. Am Ufer tuckern wir geruhsam dahin und haben eine Pause verdient: die erste Capuccino-Bar wird angesteuert. Strahlend blauer Himmel lockt mich auf die alten, geschotterten Kriegswege hinter Omegna. Aus Furcht vor einem deutschen Einmarsch über die Schweiz haben die Italiener sie im Ersten Weltkrieg bis in 2000 Meter hinauf angelegt. An einem zum Denkmal umfunktionierten Geschütz mache ich mir auf dem Kocher eine stärkende Suppe, und der Sperber bekommt einen Extraschluck Zweitaktöl für besondere Leistungen.Ein plötzlicher Regenschauer vereitelt die Geländeeinlage und treibt mich am Ortasee vorbei über den Passo la Colma ins Hinterland von Biella. Dort empfängt uns eine Mischung aus mittelalterlich anmutenden Gebäuden, barocken Kirchen und verlassenen Fabriken und Villen aus der Jahrhundertwende. Über Goggiola fahre ich über blumengesäumte Waldwege hinauf zur Bielamonte-Höhenstraße, genieße die Farbenpracht bei dem langsamen Tempo doppelt. In weitem Bogen geht es durchs Aostatal und westlich um Turin herum zum Col de Tende. Dort oben möchte ich morgen aufwachen. Eine Bank an einer Skiliftstation kurz vor der Paßhöhe erspart den nächtlichen Zeltaufbau, und mit sorgenvollen Gedanken an die geschotterte Ligurische Grenzkammstraße schlafe ich ein.Statt Sonnenstrahlen weckt mich die Feuchtigkeit des Morgendunsts, Wolkenfetzen wabern gespenstisch um die alten Grenzfestung. Eigentlich kann nicht viel schief gehen. Schafft es das Moped nicht, geht es zurück nur bergab. Ob es hier oben in 2000 Metern Höhe noch anspringt? Man soll positiv denken, also belade ich es erstmal und kicke dann. Mit einem zarten »rrrtäng« meldet es sich sofort.Etwas skeptisch fahre ich vorsichtig die ersten Schotterkehren, doch der Sperber zieht trotz Gepäck sauber über das Geröll. Zwei deutsche XT-Fahrer kommen vorbei, witzeln herablassend über das deutsche Mokick. Wohl mit dem Lift hochgebracht, was? Zu peinlich, daß die XT nach dem Stopp partout nicht mehr anspringen will, während der Sperber wacker davontuckert. Ab geht`s in die ligurischen Berge. Zuerst durch Olivenhaine, dann immer höher zu den alten Maroniplantagen und dann auf den Monte Ceppo. Ganz entfernt kann ich von dort bereits das Mittelmeer sehen. Hinter Rezzo verleitet mich das herrliche Wetter aber noch nach der tollen Naturstraße Galleria Cietta zu suchen. Nach der fünften Sackgasse, die an einer einsamen Kapelle oder einem Schafstall enden, bin ich vermutlich auf dem richtigen Weg, folge zwischen Baumgrenze, Schafherden und Karstgestein der Strecke am Hauptkamm entlang. Als es wieder talwärts geht ist der Weg an manchen Stellen zur Hälfte überflutet, taucht in einem Hohlweg schließlich komplett ab. Watend prüfe ich die Durchfahrt. Ergebnis: auf 200 Metern grobe Steine am Grund, Wassertiefe 20 bis 40 Zentimeter, dann wird hinter einer Biegung der Weg wieder erkennbar. Das müßten wir schaffen. Notfalls kann man ja noch schieben. Volle Kanne pflüge ich hinein, paddle mit den Füßen mit, während sich der Sperber durchwühlt. Wir sind fast durch, da sackt die Fuhre plötzlich hüfttief ab, der Moter stirbt zischend ab. Der Vogel müßte schon zur Forelle mutieren, um hier weiter zu kommen. Nur Mut, sage ich mir selbst, schließlich ist es ein Mokick und keine Ténéré. Gepäck abwursteltn, zum Ufer schleppen und versuchen, das Ding rauszerren. Irgendwie war es in der Garage viel leichter. Wenigstens bringe ich den Motor über Wasser. Was nun? Anschieben ist aussichtslos. Erst mal eine rauchen, geht auch nicht - die Zigaretten sind genauso naß wie ich. Also Luftfilter raus, auswringen und dem Sperber gut zureden. Schießlich sei er ja keine japanische Geisha, erkläre ich ihm, und so ein bißchen Wasser könne einem richtigen Ossi doch wohl nichts anhaben, oder? Wahrhaftig, nach zwei, drei Kickversuchen ist er da. Jetzt mit voller Kraft gemeinsam die letzten Meter bis zur trockenen Wiese.Am nächsten Abend ist das Mittelmeer erreicht. In einem Hafenlokal genieße ich ein Fünf-Gänge-Menu und ein paar tiefe Gläser Wein. Müde und zufrieden verkrümmeln Sperber und ich uns später an den Strand, er pennt auf dem Seitenständer, ich darf in den Schlafsack.Wir haben es geschafft. Mit 50 Kubik und 500 Mark, die noch nicht mal zur Hälfte weg sind. Jungs, ihr hättet euren Spaß gehabt. Wetten?

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