Per Roller rund ums Mittelmeer The Recordman

Gerry ist auf der Jagd. Auf der Jagd nach Rekorden. Mit Autos, Motorrädern, in Amerika, in Afrika, dem Nahen Osten und nun am Mittelmeer. Als erster Rollerfahrer wollte er es in 60 Tagen umrunden.

Es ist Donnerstag, der 27. Dezember 2001, als sich Gerry Mayr, 37, in Konstanz auf den Weg macht. Fünf Grad unter Null - die Schweizer Zöllner schütteln nur den Kopf beim Anblick der sonderbaren Mischung aus Roller, Smart und KTM Adventure, deren Fahrer auch noch erklärt, er wolle bis nach Afrika damit. Dazwischen kämen noch ein paar Berge und lausige Kälte, geben sie zu bedenken. Gerry schert das wenig. Er ist auf Rekordfahrt. Fürs Guinnessbuch. Schon dreimal stand er drin. 1998 nach einem Allrad-Marathon über die Panamerikana, 23000 Kilometer in 50 Tagen, im Folgejahr mit einer Eigenbau-Enduro von Kapstadt nach Ägyten, 2000 dann per Kleinlaster durch den Nahen Osten. Jetzt ist das Mittelmeer dran. Gleich drei Kontinente, Europa, Afrika und Asien und insgesamt 16 Länder. Die guinnesstaugliche Handicapstufe lautet in diesem Fall: 60 Tage und Kymco Grand Dink 250. Damit ist er zuversichtlich, sich wieder einreihen zu können zwischen Rekordlern beim weitesten Schieben einer Badewanne (mit Passagier, 513,32 Kilometer am 12. März 1995, eine australische Babtistengemeinschaft), dem schnellsten Briefmarkenschlecken (Diane Sheer aus London: 225 Marken in fünf Minuten) oder dem längsten Spielen eines Musikstücks (zwölf Stunden lang Dylans »Knocking on Heavens Door« von einer Schülerband aus Heilbronn). »Wenn man nicht gerade die Rallye Paris-Dakar gewinnt, hat man als normaler Mensch doch kaum eine Chance, mal irgendeine öffentliche Anerkennung für seine Leistungen zu kriegen«, erklärt Gerry sein Motiv. Ansporn für jährlich knapp 500 Personen allein aus dem deutsprachigen Raum, um einen Eintrag bei Guinness zu kämpfen. Und Sponsoren, die auf solche Abenteuer abfahren, da Presseveröffentlichungen nach erfolgreichem Abschluss meist garantiert sind. In Gerrys Fall stifteten sie Fahrzeug, Klamotten und Zubehör, um am Rekord teilzuhaben. Anders könne er solche Reisen auch gar nicht finanzieren, gibt der Mechanikermeister ehrlich zu. Bis ins südspanische Murcia bleibt er mehr oder weniger eisern auf der Küstenautobahn und schafft so ein kleines Zeitpolster. Auf dem 21 PS starken und knapp 140 km/h schnellen Roller kein großes Problem. Gerry hat ihn für die Reise noch ein bisschen frisch gemacht. Zusatzscheinwerfer, Koffer, höhergelegtes Fahrwerk, Handprotektoren und sogar Stollenreifen für die Sahara. Als er bei Murcia ins Hinterland abbiegt, wird er zum Magnet der Dorf-Kids. Drei Tage nach dem Start in Konstanz ist er bereits in Algeciras und setzt über nach Marokko. Nach kurzem Zwischenstopp in Casablanca nimmt er direkten Ostkurs Richtung Ouija, dem Grenzposten nach Algerien. Einer der schwierigsten Übergänge am Mittelmeer und eigentlich immer geschlossen. Leider machen die Zöllner auch für Guinness-Rekorde keine Ausnahme. Also wieder zurück nach Spanien. Von dort, hofft Gerry, per Schiff nach Algerien einreisen zu können. Doch weder in Almeria noch in Alicante ist eine Passage nach Algier oder Oran aufzutreiben. Jetzt wird es heikel, der ganze Plan droht zu kippen, da das libysche Visum bereits am Verfallsdatum dümpelt. Gerry hat keine Nerven mehr für lange Fahrplanrecherche und rast den ganzen Weg wieder zurück bis Marseille. Von dort geht immer was, da ist er sicher. Doch leider erst in zwei Tagen, wie er vor Ort erfährt. Aber in Genua, empfielt die freundliche Ticketverkäuferin, da lege am nächsten Morgen noch ein Dampfer nach Tunis ab. Also gut, Algerien wird abgehakt, die 400 Kilometer bis Italien noch durchgestehen, und dann ist erst mal Zwangspause an Bord angesagt. Duschen, Essen, Schlafen - 22 Stunden lang. Am 8. Januar ist er wieder in Afrika. Doch ausgerechnet jetzt schwächelt der brave Roller. Auf der Nachtetappe durch Tunesien (das libysche Visum!) saugen die mächtigen Zusatzscheinwerfer die Batterie leer. Er schafft es gerade noch über die Grenze und in die nächste Stadt - dann ist Schluss. Eine mächtige Autobatterie, die er am nächsten Tag auftreibt, passt sogar ins Kymco-Helmfach. Die Routen sind mehr oder weniger asphaltiert und er cruised zügig auf der libyschen Küstenstraße gen Osten. Bis auf die zeitraubenden Einreiseformalitäten in Ägypten läuft es wie am Schnürchen. Er liegt so gut in der Zeit, dass er sogar Luft für einen Stopp bei den Pyramiden von Gizeh und einen Tauchgang im Roten Meer hat. Einer der wenigen luxuriösen und geradezu urlaubsartigen Momente der Reise. Und die Lust auf mehr machen. Später werde er mit Muße reisen, jetzt dagegen wolle er alles auf einmal sehen, begründet Gerry seine mörderische Zeitplanung. In Ägypten wagt er sich zum ersten Mal richtig in den Sand. Ergebnis: negativ. Die Sandstollen greifen zwar genial, doch droht schon vor dem Kraftschluss stets die Automatik-Kupplung in Rauch aufzugehen. Auch ist das Fahrverhalten auf den kleinen Rädern ziemlich wackelig, und Gerry beschließt, künftige Sandetappen weiträumig zu umfahren. Er schießt ein paar Dokumentationsbilder für die Guinness-Unterlagen - »Die Rekordziele müssen fotografisch oder von Zeugen dokumentiert werden«, lautet die Vorgabe - und flüchtet anschließend wieder auf Asphalt. Mit der Landenge von Suez erreicht er den dritten Kontinent der Reise, er ist in Asien. Doch nicht lange. Denn erneut macht ihm die Bürokratie einen Strich durch die Rechnung: Syrien verweigert die Einreise. Trotz doppelter Buchführung haben die Zöllner den Stempel eines verfeindeten Nachbarlandes in Gerrys Pass entdeckt. No way. Vielleicht hätte er doch Pfahlsitzen als Rekorddisziplin wählen sollen. Bleibt wieder nur der Weg übers Meer. Die einzige Möglichkeit führt von Haifa via Zypern nach Griechenland. Dadurch müssen nach Algerien nun auch Syrien und die Türkei aus der 16-Länder-Liste gestrichen werden, aber Gerry hat keine Wahl. Und genau genommen ist Zypern ja auch zur Hälfte türkisch. Ende Januar erreicht er in Athen wieder europäischen Boden. Die letzte und längste Etappe beginnt. Und die körperlich vielleicht härteste, denn auf dem Balkan klirrt der Frost. Mühsam klettert er über die kurvigen Gebirgsstraßen Nordgriechenlands und Mazedoniens, kämpft mit eisiger Kälte und Glätte. Es ist lausig. Belgrad, Zagreb, Ljubljana, wieder hilft die Autobahn und mit dem Mittelmeer nimmt es Gerry nun nicht mehr so genau. Durchhalten, irgendwie. Denn trotz zweieinhalb ausgefallener Länder sind seine Rekord-Chancen noch immer gut, denn er liegt dafür nun glänzend in der Zeit, wird das selbstgewählte Zeitziel von 60 Tagen vermutlich deutlich unterbieten. Noch einmal mal zwischen den weltbesten Erdnusswerfern (34,1 Meter, 1998 in Australien), schnellsten Mülltonnenschiebern (110 Meter in 31,1 Sekunden) und erfolgreichsten Bergsteigern (Reinhold Messner, alle Achttausender) antreten. Das beflügelt ihn, das ist sein Ding, wie er offen bekennt. Für die Afrika-Durchquerung hatte er 1999 extra ein Motorrad gebaut – eine Honda VFR im Enduro-Fahrwerk. Ein geiles Stück. Leider brannte sie im Sudan ab. Aber Gerry tütete den Rekord trotzdem ein – auf einem Cross-Motorrad, das er einem sudanesischen Botschaftsangehörigen abschwatzte und die Tour damit zu Ende fuhr (siehe Kasten). Ljubljana, Rijeka, Venedig - es nimmt kein Ende. Der Botschafter hatte sie ihm später nachgeschickt, die halbverbrannte VFR. In zwei Jahren will er sie wieder flott haben und rund um Australien damit fahren. »Mit aufgebohrtem 900er-Motor, 140 PS stark und auf der Geraden 220 Sachen schnell«. Gerry kriegt leuchtende Augen, wenn er daran denkt. Sieben mal so stark wie der Kymco... Jetzt noch über den Brenner und dann hat er es geschafft. Die werden Augen machen, die Pfahlsitzer und die Badewannenschieber, wenn er in wenigen Stunden die Bewerbungsunterlagen abschickt. 13,5 Länder in nur 38 Tagen - das Rekordziel sogar satt unterboten. Das sollen die erst mal nachmachen.

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