Per Transalp auf Fernreise

Hätten Sie die kleine 600er-Honda erkannt? Wir beinahe auch nicht. Dietmar Obert hat bei seinen Reisevorbereitungen ganze Arbeit geleistet.

Mit einer Alp um den halben Globus? Der 38-jährige Maschinenbautechniker aus Ettenheim bei Freiburg sah in der ursprünglich eher biederen Touren-Enduro kein Handicap für hochfliegende Pläne. Und bewältigte mit dem kleinen Ableger der Honda Africa Twin auf seiner insgesamt über zwei Kontinente führenden Reise (die Afrika-Passage lesen Sie in wenigen Wochen) höchste Himalaja-Pässe und glühende Wüsten. „Man fährt ja keine Rallye. Die Transalp ist eine extrem zuverlässige Maschine und mit ihrem laufruhigen Zweizylinder viel weniger anstrengend als ein Einzylinder. Für mich war das im Hinblick auf eine so lange Reise ein wichtiges Argument. Außerdem ist sie deutlich leichter als beispielsweise eine Africa Twin. Und ohne jeden technischen Firlefanz. Einspritzung, Wegfahrsperre oder ABS mögen zu Hause okay sein, unterwegs vergrößert sie bei Defekten meist die Probleme. Ein einfaches Motorrad kann man unterwegs ­immer irgendwie reparieren.“

Antriebseinheit original Die solide Antriebseinheit beließ der Badener original bis auf den Papierluftfilter, den er durch ein auswaschbares K&N-Element er­setzte („in Sandetappen zog ich noch einen Damenstrumpf drüber“), sowie einen für die Antriebskette lebensverlängernden Scottoiler. Regelmäßiger Ölwechsel und alle 25000 Kilometer Ventile einstellen – das war’s. Defekte: eine gleich zu Beginn durchgerüttelte Gel-Batterie, ein kollabierter Laderegler und der Ausfall des Tachoantriebs. Der bereits vor der Tour nicht mehr ganz taufrischen Bremse spendierte er Stahlflexleitungen und Austauschscheiben von Spiegler, ansonsten blieb alles im Serienzustand.

Mehr Reichweite Deutlich mehr Hand legte Obert beim Tank an. Um mehr Benzin transportieren zu kön­nen, montierte er den 23-Liter-Tank der Africa Twin (erste Modellreihe, passt an die Transalp-Halterung), vergrößerte diesen aber noch durch vorne eingeschweißte Bleche auf 40 Liter. Bei diesem Arbeitsgang verlegte er außerdem den Einfüllstutzen auf die Seite, um oben eine stabile Auflagefläche für den Foto-Tankrucksack zu schaffen. „War ein Riesenaufwand, der sich eigentlich nicht lohnt“, resümiert er im Nachhinein. Denn die Arbeiten gingen gerade so weiter, weil der üppige Tankrucksack, der immerhin eine mächtige Canon EOS 1 samt drei lichtstarken Zoomobjektiven schlucken musste, nun mit dem Lenker kollidierte. Also legte Obert den Lenker höher und versetzte kurzerhand die ganze Lenkeinheit samt Verkleidung ein paar Zentimeter weiter nach vorn.

Fahrwerk stark optimiert Einigen Optimierungsaufwand steckte der Tüftler auch ins Fahrwerk. Um Bodenfreiheit zu gewinnen, verlängerte er mit Hilfe eines White-Power-Technikers per Distanzstück das Federbein sowie mittels selbst angefertigter Verlängerungsstücke die Telegabel um 30 Millimeter. Nebenbei legte er das Schutzblech hoch und schützte die Hebel mit stabilen Lenkerprotektoren. Und als das anfänglich noch verwendete Originalfederbein den Belastungen irgendwann nicht mehr standhielt, ersetzte er es durch ein nachgeschicktes WP-Teil. „Hier vermutete ich von vorneherein die einzig größere Schwachstelle des Motorrads und hatte das mit White Power abgesprochen.“ Um nun auf dem stetig höher werdenden Motorrad nicht den Bodenkontakt zu verlieren, musste der 1,75 Meter große Fahrer die Sitzbank abpolstern.

Individuelle Gepäcklösungen Oberts Kompetenz in Metallbearbeitung sieht man auch allen Schutz- und Transportkomponenten an. Neben einem vier Millimeter starken Motorschutz dengelte er sich drei Werkzeug- und Ersatzteilbehälter aus zwei Millimeter starkem Alu selbst, die er an verschiedenen Stellen am Motorrad verschraubte. Der Gepäckträger mit drei Rahmen-Fixpunkten sowie persönlich abgemessene Koffer stammen ebenfalls aus der heimischen Werkstatt. Sie waren bereits für frühere Reisen entwickelt und so optimal sowohl ans Motorrad als auch an Oberts Transportbedürfnisse angepasst worden.

Resümee: Noch einmal so eine Reise unternehmen? „Na klar, jederzeit.“ Noch einmal mit der Transalp? „Ja, aber 20 Kilo weniger wären nicht schlecht.“ Hat es sich denn gelohnt, so viel Zeit und Arbeit in so eine Maschine zu stecken? „Auf jeden Fall. Motorräder sind mein Hobby, und es hat einfach riesig Spaß gemacht, das Motorrad für die lange Tour selbst abzustimmen und zu optimieren.“
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