Piemont und Hautes-Alpes mit Yamaha Tricker (2)

Foto: Schulz
Sampeyre von oben – na ja. Plattenbau ist überall. Hässliche Betonbunker zerstören das erhoffte Bild von der idyllischen Berggemeinde, die Anmut platt gefahrener Skihänge erledigt den Rest. Bei genauerem Hinsehen entwickelt das Städtchen dennoch so was wie Charme. Mit Läden, Lokalen und Geldautomat an der Piazza, wo ein Rummelplatz gerade zusätzlichen Trubel intoniert. Angesichts der Nähe zum Colle dell’Agnello, einem der höchsten Alpenpässe überhaupt, spielt die örtliche Agip-Tankstelle allerdings die Hauptrolle. Also randvoll tanken, stolze sechs Liter, und dann hinauf ins All. 2744 Meter sind für eine vergaserbestückte Mikro-250er eine wirklich ernste Ansage.

Trotz atemberaubender Steigungen und Serpentinen wirft sich die zehn Kilometer lange Südostrampe des Colle scheinbar mühelos in die Luft. Streckenweise einer Carrera-Rennbahn ähnelnd, käme selbst ein Looping nicht wirklich überraschend. Nur würde die Tricker das nicht mehr packen. Keuchend schafft sie die 2300-Meter-Marke. Bis dahin lief alles perfekt. Angefeuert durch fröhliche Begeisterungsrufe picknickender Italiener stob der kleine Viertakter gen Himmel. Aber jetzt ist Schicht. Im zweiten Gang geht fast nichts mehr, der erste – kreisch – zu kurz. Sprotzend um Atem und Höhenmeter ringend, kriegt der kleine Trialer gerade noch die letzte Kehre beim Rifugio degli Alpini. Noch zwölf Höhenmeter bis zur französischen Grenze, sind 0,236 Kilometer bis zum Pass. Hinter uns glüht der 3841 Meter hohe Monviso, im Gegenlicht vor uns die Schattenrisse der französischen Gipfel. Unprätentiös, ewig, schön. Für diesen Anblick hätten wir die Tricker sogar hierher getragen.

Unten glimmen die Lichter des Refuge d’Agnel, wo wir nach ein paar schnellen Downhill-Schleifen tatsächlich noch zwei freie Stockbetten ergattern. Der Wirt, obwohl todmüde und seit 17 Stunden im Dienst, schiebt die Kochtöpfe noch mal übers Feuer. Seit 32 Jahren versorgt François Laget hier oben Alpinisten. Im Sommer die Wanderer, im Winter die Tourenskifahrer. Berührungsängste mit Motorradlern hat er nicht, und statt endlich ins Bett zu gehen, gesellt er sich auf einen Schwatz zu uns.
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Foto: Johann
Bei Sonnenaufgang poltern die ersten Bergstiefel über die Dielen, reißen uns aus den Federn. Draußen glasklare Luft, Tau auf den Gräsern und dieses wundersam blaue Morgenlicht. „Früher Vogel fängt den Wurm“ – unserer heißt „la Bonette“. Höchster Punkt der alpinen Teerwelt, 2802 Meter über null. Trickers Atemnot hin oder her: Wir müssen da hoch. Wann, wenn nicht jetzt? Vielleicht kommen wir ja nie wieder so nah dran. Die Abfahrt lehrt uns die Unterschiede zwischen Frankreich und Piemont: Col d’Agnel statt Colle dell’Agnello, Dächer aus Blech statt Stein, an den Fassaden Blumen anstelle der Vendesi-Schilder, in den Läden Kunst statt Ken & Barbie. Gerade als es gemütlich zu werden droht, geraten wir nach St. Véran. Französisches Vorzeige-Dorf! Verkehrsberuhigt, überrestauriert und beachtlich arrogant. Statt schlichter Armut nun inszenierte Historie.

Noch 70 Kilometer bis zur Talstation des Bonette, dazwischen das Wildwasser der Gorge du Gueil und der vergleichsweise harmlose Col de Vars. In Jausiers die Tanks noch mal gefüllt, dann gilt’s: 1600 Höhenmeter müssen geknackt werden, um Napoleons Vermächtnis abzubügeln. Vorbei an Festungsruinen und graugrünen Geröllfeldern führt der Pass in eine schwarze Steinlandschaft. Auf den letzten Kilometern bläst eisiger Wind, Murmeltiere flitzen in ihre Löcher, und schön ist es hier oben streng genommen nicht. Okay, ohne Gewitterwolken sähe die Sache vielleicht freundlicher aus. Pechschwarz rollen sie an und begraben binnen Minuten die Südrampe der Route de la Bonette. Regenzeug wäre jetzt gut. Liegt aber leider auf dem Campingplatz hinter Acceglio im Zelt. Schließlich wollten wir – vorgestern – ja bloß zum Picknick.

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