Polen Polnisch für Anfänger

Es ist gar nicht so einfach, sich in einem Land zurechtzufinden, wenn man von der Sprache kein Wort versteht und im Kopf falsche Vorstellungen herumschwirren. Ein Kurztrip in den Süden Polens.

Foto: Daams

Gefangen. In den Straßen von Kattowitz. 1200 Kilometer auf dem schmerzenden Buckel, seit der Abfahrt heute früh in Stuttgart kaum richtig gegessen und nun auch noch kurz vor dem Ziel hoffnungslos verfranzt. Verdammt. Der Weg hinaus aus diesem grauen Industriemoloch bleibt unauffindbar. Fotograf Klaus gestikuliert. Ebbe im Tank, die Transalp ruckle schon. Vielleicht hätte man gleich jemanden nach der Richtung fragen sollen. Wäre da nicht diese Hemmschwelle im Hirn: Wie soll man sich nach einem Ort erkundigen, dessen Namen man nicht aussprechen kann? Szczyrk.

Drei unfreiwillige Innenstadtrunden später. Die Leuchtreklame einer Tankstelle signalisiert Rettung. Benzin, Schokoriegel, Kaffee. Hoffentlich zum letzten Mal für heute. Nebenbei den Reiseführer hervorgekramt und das Kapitel mit den wichtigsten Redewendungen aufgeschlagen. Polnisch? Eine Aneinanderreihung von Zischlauten. Oder von Konsonanten. Im schlimmsten Fall beides. Also gut: »Cdzie jest...« (Achtung, jetzt bitte die Zunge anschnallen:) »...Szczyrk?« Wo ist Szczyrk? Vermutlich lacht der Tankwart nur aus Höflichkeit nicht.

Bei der Fahrt hinaus in Richtung Süden – jawohl, es hat funktioniert! – kann man zusehen, wie sich Polen verändert, ländlicher wird, schließlich Land. Ein letztes städtisches Aufbäumen allenfalls in Bielsko-Biala, durch das wir eigentlich gar nicht hindurch wollten. Egal. Vor uns knattert der automobile Klassiker auf Polens Straßen: ein Maluch. Zwei Zylinder, 600 Kubik, 23 PS. Der Lizenz-Nachbau des Fiat 126 Bambino wurde in den Hallen am Rande der Stadt zusammengeschustert und mobilisierte seit Anfang der siebziger Jahre die Massen in Polen – das politisch zwangsverordnete Gegenstück zum Trabi in der DDR. Bis 2000 liefen rund dreieinhalb Millionen Exemplare dieser Mini-Möhre vom Band.

Mit einem Schlag kommen Hügel, kurz darauf die ersten Berge in Sichtweite. Die nordwestlichsten Ausläufer der Karpaten – die schlesischen Beskiden – ragen knapp 1300 Meter hoch auf, und Szczyrk protzt mit einer Skisprungschanze und mehreren Liftanlagen. Leidlich alpine Holzhüttenromantik im Zentrum und am Hang ein pseudomoderner Luxusbunker aus Beton und Glas. 90 Euro pro Nase inklusive Zugang zum Wellnessbereich. Kein schlechter Gedanke nach 15 Stunden im Sattel. Aber irgendwie zu abgehoben. Für einen Bruchteil des Betrags gibt’s zwei Zimmer in der Blockhaus-Pension »Markus«. Vergilbte Mustertapete aus den Siebzigern, eine nachträglich eingebaute Duschkabine neben dem Schrank (so viel zum Thema Wellness) und das WC auf dem Gang. Nicht gerade der Brüller. Dafür ist man unter sich: Hausherr Markus entpuppt sich als überaus sympathischer Offroad-Freak, betreibt nebenher einen kleinen KTM-Stützpunkt. Die Bilder an den Wänden lassen keinen Zweifel: In den Karpaten geht’s zur Sache. Schlamm bis zum Tank, fiese Flussdurchfahrten, abartig steile Singletrails. »Besser als in den Alpen!« Markus spricht wie viele Polen ein paar Brocken Deutsch (wie viele Deutsche sprechen eigentlich polnisch?). Wir sollten das nächste Mal nur eben auf richtigen Motorrädern kommen.

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Foto: Daams

Für die halbe Weltreise bis hierher geht so ein bequemes Dickschiff wie die BMW K 1200 S voll in Ordnung, denke ich mir insgeheim. Eben
ICE-mäßig. Doch nun zirkelt Klaus mit der federleichten Transe nach dem Frühstück einfach auf und davon. Bestenfalls mittelprächtiger Asphalt, hier und da ein Loch, jede Menge Rollsplitt. Die BMW rumpelt ein wenig unbeholfen über den 934 Meter hohen Salmopolska-Pass. Mehr als Tempo 70 ist in dem Geschlängel kaum drin.

Bei Malinka links ab, bis der leidgeprüfte Weg vollends in der Botanik verschwindet. Wald, der wie eine undurchdringliche Mauer aufragt und knapp über unseren Köpfen zusammenwächst. Grün in allen Schattierungen, Stämme, so dick wie Litfasssäulen. Na ja, fast zumindest. Der Blick reicht jedenfalls nur wenige Meter in dieses Dickicht hinein, Heimat von Bären und Wölfen und ein gutes Stück weiter östlich sogar von bis zu 1000 Kilo schweren Wisenten. Schwarz- oder Odenwald wirken dagegen wie eine gepflegte Parklandschaft. Erst nach gut 15 Kilometern gelangen wir wieder ans Licht. Pass Nummer zwei an der Strecke zwischen Wisla und Istebna, immerhin 761 Meter hoch. Drei einfache Hütten kümmern sich um die Erstversorgung der Bergbesucher. Marien- und Papstbilder, Erbseneintopf, Kaffee, Bier, Schnaps. Freundliche Blicke von allen Seiten. Von Diebesbanden oder Ost-Mafia, vor denen man uns daheim gewarnt hat, keine Spur.

Weiter in Richtung Süden, hinter Istebna ein Linksknick, um nicht in der Slowakei zu landen. Rajcza, Milówka, Zywiec. Sattgrüne Almwiesen breiten sich aus, und man fühlt sich in ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert versetzt. Einfache, aber gepflegte Häuser aus Holz, auf jedem Giebel ein Storchennest. Frauen mit bunten Kittelschürzen und Kopftüchern werkeln in großen Blumen- und Gemüsegärten, Pferdefuhrwerke holpern über die staubigen Straßen, Kinder spielen barfuss am Weiler in der Ortsmitte oder jagen Gänse. Und wenn nicht gerade ein betagter Bus, Lkw oder Traktor mit pechschwarzer Dieselfahne vorbeizieht, duftet es angenehm nach Heu und Wiesenblumen.

Gegen diese Idylle wirken die Städte wie der blanke Horror. Sucha Beskidzka zum Beispiel. Nur ein Punkt auf der Karte, in Realität dagegen eine gut zehn Kilometer lange Aneinanderreihung von Plattenbauten in allen Verfallstadien, flankiert von Edeka, Aldi und diversen Baumärkten. Das Verkehrsaufkommen ist infernalisch, Tanklastzüge, Viehtransporter, Reisebusse zwängen sich durch dieses Nadelöhr, bremsen nur widerwillig ab, wenn ein betagtes Fuhrwerk vor ihnen auftaucht. Der Asphalt hat unter so viel Last längst kollabiert und Wellen geschlagen, ist voller Narben und manchmal überhaupt nicht mehr vorhanden.

Gefühlte fünf Stunden später fliegen wir in weiten Bögen über einen Bergrücken. Übergang Nummer drei für heute, der 986 Meter hohe Krowiarki-Pass. Gar nicht schlecht, diese Strecke, die erst bei Jablonka wieder zur Ruhe kommt. Die Gegend hat was. Sanft gewellte Hügel, endlos scheinende Kornfelder, knallroter Mohn, die Straße größtenteils von uralten Bäumen eingefasst.

Hinter Czarny Dunajec schieben sich auf einmal die wild gezackten Umrisse der Hohen Tatra ins Panorama. Keine Vorgebirge, kein erstes zaghaftes Aufbäumen, sondern senkrecht aufsteigender Granit, der auf polnischer Seite 2499 Meter hoch aufragt und zwischen Kaukasus und Alpen die einzige Erhebung darstellt, die den Namen Hochgebirge verdient. Gut drei Viertel des nur 80 mal 50 Kilometer messenden Bergrückens inklusive des Spitzenreiters, der Gerlach mit 2555 Metern, befinden sich zwar auf slowakischer Seite, doch die Polen zelebrieren ihre alpine Lust, als gehörte ihnen das Dach der Welt. Das Epizentrum: Zakopane, sozusagen die Miniatur-Ausgabe von St. Moritz. Trekking, Mountainbiken, Paragliding, Floßfahrten und Wintersport in allen Variationen. Ein Aktiv-Angebot bis in den roten Bereich. Vor uns in der Hotellobby erkundigt sich ein Paar aus den USA nach einer Pferdekutschentour durch »Zäkopäin«.

Klaus und ich tauchen hungrig ins Nachtleben des Orts ein. Ballermann-Atmosphäre entlang der Flaniermeile, die traditionelle Holzhausarchitektur funkelt im grellbunten Partylicht. Fastfood, Spielhöllen, Tanzschuppen, aus denen basslastiger Techno dröhnt. Man liebt es anscheinend laut und schrill. Oder volkstümlich. Der gewöhnungsbedürftigen Musik der Goralen, den Berglandbewohnern Polens, entkommt man in keinem Restaurant. Wie mexikanische Mariachi-Bands ziehen sie von Lokal zu Lokal. Gemütlich ist’s dennoch irgendwie.

So imposant die Tatra aus der Ferne ist – aus der Nähe bekommt man von
diesem kleinen Gebirge herzlich wenig mit. Zumindest als Motorradfahrer. Kein Pass, kein gar nichts. Nur eine Trasse entlang der Nordflanke, und die gibt nur selten den Blick frei auf die Berge, weil’s die meiste Zeit durch Wald geht. Das »kleinste Hochgebirge der Welt« lässt sich ausnahmslos zu Fuß erobern. Angesichts der Regenwolken knapp über den Gipfeln für Klaus und mich kein Thema. Erst ein paar Gasstöße entfernt in Richtung Nowy Targ – tolle Kurvenkombinationen! – fährt das Gebirge in den Rückspiegeln wieder zu voller Größe auf. Am Straßenrand wird geräucherter Schafskäse angeboten. Diese besondere Spezialität der Goralen (so der Reiseführer) entpuppt sich glücklicherweise leichter verdaulich als ihre Musik.

»Cdzie jest Szczawnica?« Die Sache mit der Hemmschwelle. Lieber zweimal falsch abbiegen, als gleich jemanden fragen. Egal. Endlich auf Kurs in Richtung Szczawnica, lassen wir es laufen, tauschen Mainstream gegen Provinz. Entlang des trägen Dunajec’ wird’s spürbar einsamer, weltabgeschieden. »Super Plus?« »Nie«, nein. Erst drei Tankstellen später gibt’s für die BMW das vorgeschriebene, hochprozentige Lebenswasser.

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Foto: Daams

Südlich von Stary Sacz wirft sich die Straße endlich wieder richtig ins Zeug, die letzten 50 Kilometer zwischen Piwnicza-Zdrój und Krynica haben – gemessen an der Kurvendichte – fast schon alpines
Format. Der richtige Kick will sich allerdings nicht einstellen. Desolate Plattenbau-Städte, trostlos anmutende Dörfer. Keine herausgeputzte Touristenwelt, sondern real existierende Armut. Das Wetter tut ein Übriges. Dicke Regenwolken, die alles in ein schwermütiges Grau tauchen. Ein wenig Farbe kommt erst wieder im Kurort Krynica ins Spiel. Bunte Holzvillen, Blumenkübel in der parkähnlichen Fußgängerzone, einigermaßen herausgeputzte Kaffeehäuser, die zuletzt vermutlich vor hundert Jahren gut besucht waren. Und sonst? Der Reiseführer preist die Holzkirchen in der Umgebung an. Na prima. Es gießt inzwischen in Strömen. 20 Euro kostet ein Zimmer im augenscheinlich zweitbesten Haus am Platz. Ob man in bar zahlen könne? Die Scheine verschwinden sofort in der Hosentasche.

Über Nacht säuft der Osten Polens komplett ab. Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten, Straßen gesperrt. Plan B entsteht während des Frühstücks: auf kürzestem Weg nach Krakau. Dass man dort als pudelnasser Motorradfahrer gleich beim ersten Versuch ein Zimmer erhält, muss an einer tief verwurzelten Gastfreundschaft liegen. Die beiden Bikes werden zur Sicherheit im Hausflur versteckt.

Gleich vor unserer Tür die weitläufige Altstadt, von keinem Krieg zerstört und deshalb laut UNESCO zu den zwölf bedeutendsten historischen Städten der Welt zählend. 1000 Jahre alten Gassen erstrecken sich rund um den größten mittelalterlichen Marktplatz Europas mit seinen frisch renovierten Fassaden, und Besucher aus der halben Welt sorgen für ein babylonisches Stimmengewirr, vermischen sich mit den ersten Nachtschwärmern, die es in die schicken Restaurants und coolen Kneipen zieht. Krakau macht an, kommt erst lange nach Sonnenuntergang richtig in Schwung. Drangvolle Enge in den ungezählten Kellergewölben, durch die im Takt zu House und Techno wilde Laserblitze zucken, in den eleganten Lounge-Bars mit ihren bequemen Ledersesseln, in den verrauchten Live-Clubs, wo zu russischem Rock oder modernem Jazz ausgelassen gefeiert wird. »Polens Königin der Nacht«, steht in einem Prospekt, »gilt besonders bei jungen Menschen als überaus trendiges Reiseziel.«

Die Rückfahrt hat es dagegen auf andere Art in sich. Auschwitz. Einfach am größten Vernichtungslager der Nazis vorbeifahren? Unmöglich. Anhalten kostet jedoch Überwindung, obwohl man glaubt, alles bereits in Filmen und auf Fotos gesehen zu haben. Tatsächlich ist es dann wie ein Schlag in die Magengrube, weitaus heftiger, als erwartet: der Torbogen mit dem Schriftzug »Arbeit macht frei«, danach Gaskammer, Krematorium, Todeswand, Galgen, die Schaukästen mit Bergen von Schuhen, Brillen, Koffern, Babykleidung, Prothesen. An den Wänden der Baracken Tausende von Bildern: flehende, ausgemergelte Gesichter, Einzel- und Massenhinrichtungen, Frauen, Männer und Kinder als Versuchsobjekte für medizinische Experimente. Die Hölle auf Erden – zwei Millionen Menschen
wurden hier ermordet. Kann man über so etwas hinwegkommen?

Beim Tanken in Oswiecim grüßt eine junge Polin. Einfach so. Ihr Deutsch ist nahezu akzentfrei. Wir dagegen können nicht einmal die meisten Ortsnamen unserer Runde verständlich aussprechen, angefangen bei Szczyrk. Sie lacht, erteilt Nachhilfe: »Schtschierk.“

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