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Konspiratives Treffen mit den Outlaws von Peking East goes West

In einem stillen Winkel, versteckt in den Gassen der Altstadt, steht das „Outpost“, eine Motorrad-Kneipe und der perfekte Ort für ein konspiratives Treffen mit den Outlaws von Peking.

Das einzige Geräusch ist das einsame Surren des Deckenventilators, nichts los in diesem verlassenen Winkel. Die Tür des „Outpost“ schmücken Ornamente mit gekreuzten Colts und Schädelknochen, davor hängt ein Galgenstrick. Der Zeiger der Uhr schleppt sich müde durch den sengenden Mittag, es ist noch ein bisschen früh. Sst, sst, sst macht der Ventilator. Dann zerreißt Donner die Stille. Es kommen Reiter. Dem Geräusch nach nähern sich mit stählernem Hufschlag rund 150 Pferde. Kurz darauf wieder Ruhe. Vier Reiter steigen aus den Sätteln. Vor dem -Saloon parken drei Motorräder, Marke Harley-Davidson.

Das „Outpost“ liegt nicht an einer staubigen Straße in Südtexas, sondern in einem der rar gewordenen Altstadtviertel Pekings.
Die groben Holzbohlen der Veranda bieten einen bunten Kontrast zu den grauen Ziegeln, aus denen ganz China einst erstand. Viele dieser Hutongs genannten Stadtteile mit ihren engen Gassen wurden in den letzten Jahrzehnten für Geschäftsviertel plattgemacht. Die Moderne galoppiert in China schneller ein als in jedem anderen Land der Welt.

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Foto: Studio
Zhou Jing Ya hat zwar keinen Motorrad-Führerschein, fährt aber gern hinten mit. Sie mag die Vibrationen.
Zhou Jing Ya hat zwar keinen Motorrad-Führerschein, fährt aber gern hinten mit. Sie mag die Vibrationen.

Die Motorrad-Welt Chinas dagegen ähnelt der deutschen in den 80ern. Die Jugend liebt Tempo und schwört eher auf Superbike-Ableger von Honda, Yamaha und Suzuki. Aber auch eine BMW gilt in China als Feuerstuhl, und so kaufte sich Wang Chang Yong erst einmal ein bayerisches Motorrad. „Ich bin schon 230 gefahren“, sagt er stolz und zündet sich eine Zigarette, Marke Yuexi, an. In all den Jahren hatte er nur einen Unfall: „Ich hatte den Ständer nicht richtig ausgeklappt und bin einfach umgefallen.“

Zhou Jing Ya ist 20 und fährt eigentlich Mountainbike. Ihre Haut trägt die vornehme Blässe, das Schönheitsideal seit 1000 Jahren. Lange, schlanke Beine wachsen aus kurzen Hotpants. Sie posiert vor dem Motorrad von Da Mei, auf dessen Rückbank sie gern durch das Wochenende reitet. Einen Motorrad-Führerschein hat sie nicht, das Leben als Sozia macht auch glücklich, obwohl sie es nicht gerade bequem findet: „Ich mag die Vibrationen.“ Fräulein Zhou studiert Jura - und trägt Kutte. Als Anspielung auf die amerikanische Bourbon-Marke ist groß „Southern Uncomfort“ auf den Rücken gestickt.

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Harley-Davidson ist erst seit einem Jahrzehnt in China vertreten. Der älteste Laden in Peking ist gerade einmal acht Jahre alt.
Harley-Davidson ist erst seit einem Jahrzehnt in China vertreten. Der älteste Laden in Peking ist gerade einmal acht Jahre alt.

Das braun gebrannte Gesicht und die langen Haare des Reiters könnten auch einem Apachen gehören. An der Hüfte trägt er eine Ledertasche, darin stecken statt Colt Tabak und Pfeife. Der Vergleich mit Geronimo würde ihm gefallen, aber dem Gesicht mit den Lachfältchen um die fröhlichen Augen fehlt der verbissene Ernst. Das bunte Tattoo auf dem Arm ist ein Fake, aufgedruckt auf ein hautfarbenes Shirt. „So kann ich wechseln, wenn ich Lust habe“, sagt Da Mei pragmatisch.

Seine Oberarme haben fast den Umfang von Zhous Taille, er ist Fitnesstrainer. Sie sind kein Paar, „nur Freunde“, wie sie betont. Auch er ist Single. Im China der Moderne herrscht nach Jahrzehnten der Ein-Kind-Politik Männerüberschuss. Wer keine Wohnung oder zumindest ein Auto hat, kann beim Speeddating gleich wieder abrauschen. Da Mei kümmert sich nicht um solche Dinge. „Die meisten Leute haben normale Jobs und Familien. Ich bin ein Rebell, bin schon immer gegen den Strom geschwommen.“ Er ist nicht arm, er steckt nur all sein Geld in seine Fat Boy. „So eine Harley hat viel mehr Persönlichkeit als ein japanisches Motorrad“, schwärmt er. Seine Harley hat er mit reichlich Chrom und Satteltaschen gepimpt. Wo er die Teile herbekommt? „Ganz easy bei Ebay.“ Die Chinesen schwanken zwischen dem vom großen Vorsitzenden Mao bis zum Exzess betriebenen Gemeinsinn, in dem das Kollektiv alles, der Einzelne dagegen nichts ist, und der Suche nach Individualität - nach sich selbst.

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Wo sonst nur Rikschas fahren, bollert eine Fat Boy durch einen Hutong. Auf etwa 2000 Bikes kommt die Harley-Gemeinde Pekings.
Wo sonst nur Rikschas fahren, bollert eine Fat Boy durch einen Hutong. Auf etwa 2000 Bikes kommt die Harley-Gemeinde Pekings.

Die Harley-Männer verzieren ihre Motorräder mit Totenköpfen, damit sie nicht wie von der Stange aussehen, aber am Ende haben alle irgendwo blank polierte Knochenfratzen an den Bikes. Sie tragen Harley-T-Shirts, Harley-Gürtelschnallen oder Harley-Halstücher. In ihrem Streben, anders zu sein, suchen sie nach Gleichgesinnten und Uniformität, und deshalb muss sich Wang jetzt erst mal umziehen. Das weiße Adidas-Shirt geht gar nicht, finden die anderen. Aus der Devotionalien-Vitrine wählt er ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Outpost Outlaw“. Wang grinst mit breiter Zahnlücke als frisch verkleideter Bandit ins Objektiv.

Wenn Da Meis Gang am Wochenende mit 60 Mann ausreitet, tragen die gern Helme mit Hörnern. Ihre Gruppe heißt Niucun, das bedeutet Rinder-Dorf. Man fährt in die Berge, da gibt es mehr Kurven, fällt in Landgasthöfe ein, wo es einfaches, traditionelles Essen gibt. Sie sind Individualisten, aber wenn es geht, dann in der Gruppe. Das bekommt auch die Staatsgewalt zu spüren. Viele Biker sind ohne Zulassung unterwegs. Die Polizei drückt normalerweise ein Auge zu. Wenn die Cops dennoch versuchen, die Horde zu stoppen, haben sie es nicht leicht. Die Gesetzlosen fahren im Pulk in der Mitte, oft passieren sie die Beamten, klatschen erhobene Hände im Vorbeifahren ab und reiten weiter - High Five auf Chinesisch.

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East goes West. Ein Harley-Club in Peking.
East goes West. Ein Harley-Club in Peking.

Die Outlaws von Peking

Die Zentralregierung mag keine Motorräder, zu viele schwere Unfälle. Zwar sind im anarchischen Verkehr Chinas meist Autofahrer die Schuldigen, aber im Fernen Osten gilt wie einst im Wilden Wes-ten das Gesetz des Stärkeren. Limousine sticht Kompaktklasse, SUV sticht Limousine, Motorradfahrer stehen auf der untersten Stufe, und Radfahrer gelten wie Fußgänger sowieso nicht als ernst zu nehmende Verkehrsteilnehmer. Der Staat ließ das Motorradfahren sogar zeitweise verbieten. In der Hauptstadt Peking sind Bikes innerhalb der ersten Ringstraße tabu, Nummernschilder rückt die Zulassungsstelle nur widerwillig raus. Wer eines hat, hütet es wie einen Schatz.

„In deren Köpfen ist was nicht richtig“, sagt Zhou Yue über die Parteiführung. Auch er hat unlängst erst das Kennzeichen umgeschraubt. Zhou ist Eventmanager, hat schon in Europa gearbeitet und ist stolz auf seine Tochter, die gerade nach Amerika gezogen ist. Er hat es nicht so mit Bier und Eisbein, aber er mag deutsche Autobahnen und deutsche Technik. Bis letzten April hatte er eine BMW K 1600, dann stieg er um auf eine Electra Glide. „Die BMW war mir zu perfekt, außerdem fahren alle meine Freunde Harley.“

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Sie sehen sich eigentlich nicht als Revoluzzer. Mancher hat „Easy Rider“ gesehen, aber das Bild des bösen Rockers ist nicht ihres. Sie sind auch nicht politisch. Dass sie in einem der letzten Reservate des Kommunismus ausgerechnet ihre Passion für eines der größten Symbole des Kapitalismus ausleben, soll kein Statement sein. Und dennoch lieben sie den Hauch von Anarchie, wenn die Eisentöpfe der Zweizylinder unbändig vorwärtsstolpern und galoppieren und ein Einziger von ihnen sämtliche Elektro-Rikschas im Viertel übertönt. Sie mögen die Aufmerksamkeit, wenn ihre chromblitzenden Rösser die Köpfe herumfahren lassen, genießen die neidischen Gesichter der Rikscha-Strampler und die Blicke junger Frauen.

Neben dem Fahrerlebnis liebt Zhou vor allem, dass es von der amerikanischen Kultmarke reichlich Klamotten gibt. Auch in China schätzen die erfolgreichen Männer Pekings eine Harley als Statussymbol. Der Staat erhebt hohe Einfuhrsteuern. Zhous Electra Glide kostet umgerechnet 60 000 Dollar. Seit 2005 ist die US-Kultmarke in Peking präsent. Die Geschäfte laufen gut und würden noch besser laufen, wenn der Staat den Bikern nicht ständig Steine in den Weg -legen würde. „China wäre sonst der größte Motorradmarkt der Welt“, ist man sich sicher. Weil das Leben hier aber so schwierig ist, organisiert der Importeur Ausfahrten in Kalifornien oder Europa.

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Harley-Klamotten sind natürlich Pflicht.
Harley-Klamotten sind natürlich Pflicht.

Zi Shu ist gerade erst zurück von einer Korea-Tour. Er war mit seiner 883 Custom schon in ganz Südostasien, eine große Rund-reise durch China hat er selbstredend auch gemacht. „Ich gehöre nicht zu den Leuten, die nur von Café zu Café fahren“, merkt er an. Er zeigt Fotos von seiner 883 Custom, mit der er sich in Sichuan durch tiefen Schlamm wühlte.

Sie ist kein Schmuckstück, sondern Reit- und Packpferd, das in zwei Jahren 48 000 Kilometer durchhielt. Es war die billigste Harley im Katalog, und sie kostete umgerechnet dennoch 20 000 Dollar. „Wir Chinesen verdienen weniger, wir müssen dafür härter arbeiten. Für das Geld kriegst du in den Staaten schon eine Fat Boy“, sagt Zi. Klar nerven ihn die Defekte, „aber mit einer Harley kommst du überallhin, wenn du willst“, sagt er. In Tibet stürzte er, aber sein Pferd hielt durch. Das Gebiet am Himalaya ist für ihn das schönste Land der Welt, er verehrt den Dalai Lama, den der chinesische Staat für einen Teufel hält. „Ich habe dazu meine eigene Meinung. Was wir denken und was die Regierung sagt, sind zwei verschiedene Dinge.“

Der 40-Jährige will mehr Freiheit, „und der Weg, das auszudrücken, ist, eine Harley zu fahren“. Er hat als erster Chinese ein Kennzeichen für fremde Länder ergattert, denn er ist auf einer Mission. Es ist eine Pilgerreise - vom Reich der Mitte zum Mittelpunkt der Welt: nach Milwaukee. Harley-Davidson feiert in diesem Jahr den 111. Geburtstag, und Zi Shu will dabei sein.

„Eine Harley in den Staaten zu mieten ist keine Kunst, ich will der Erste sein, der mit chinesischem Kennzeichen anreist.“ Es geht ja nicht nur ums Motorradfahren. „Es geht vor allem darum, Freunde zu finden“, sagt er mit feierlichem Ernst. „Vielleicht sind wir dort drüben dann nicht mehr Fremde und Einheimische, sondern alle Brüder.“

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