Provence (2)

Foto: Schröder
Die Dramaturgie lässt erst nach, als am anderen Ende dieses Grabens der Lac de Ste. Croix auftaucht. An der Brücke über den Verdon melden sich vergessen vermutete Erinnerungen an den Sommer vor 26 Jahren zurück. Bis hierhin hatten es Jörg und ich damals geschafft. Zwei langhaarige Teenager im Hippielook, die am Straßenrand tapfer ihre Daumen in Richtung Mittelmeer in die Höhe hielten, ohne wirklich voranzukommen. Machte aber nichts, denn das Leben – oder das, was wir dafür hielten – spielte genau genommen im Schatten dieser Brücke. Ein Baguette, ein Stück Käse, eine Tüte Wein und der Schlafsack ausgerollt im Sand. Möglichst neben dem von Marie-Claire aus Avignon. Spießer, das waren die anderen. Und wenn einer auf der Klampfe sich an Cat Stevens „Morning has broken“ versuchte, war das Glück für einen Moment vollkommen. Zumindest für ein paar Tage.

„Camping sauvage interdit.“ Zurück im Hier und Jetzt. Wildes Campen ist inzwischen verboten. Springen von der Brücke ebenfalls. Geschätzte 20 Meter vom Geländer bis zum Aufschlag. Die, die es damals wagten, waren Helden. Vielleicht hatte es deshalb nicht mit mir und Marie-Claire geklappt. Schwamm drüber. Einen kurzen Augenblick würde ich mir am liebsten mit dem Schlafsack in der Hand am Ufer einen Platz für die Nacht suchen, ziehe letztlich dann aber doch ein Bett im nahen Riez vor.

Allmählich verändert die Provence ihr Gesicht. Die Alpen bleiben zurück, und die Honda fräst in Richtung Forcalquier auf fast schon kerzengeraden Strecken durch weites, leicht hügeliges Land, hält auf der D 950 schließlich Kurs bis Sault. Rechts und links der Straße kilometerweit Lavendelfelder. Obwohl längst geerntet, hängt der intensive Duft noch in der Luft. Wenn der Mont Ventoux kurze Zeit später in Sicht gerät, weiß man, wo jede zweite Postkarte und nahezu jedes Reiseführer-Titelbild geschossen wurden.
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Foto: Schröder
1909 Meter hoch ist dieser Klotz, der einsam das Land überragt. Kein alpiner Riese, aber immer eine Herausforderung, egal von welcher Seite man nach oben stiebt. Wer auf dem Weg hinauf kurz zögert, um die gebotenen Aussichten zu bestaunen, liegt prompt neben der Ideallinie, die jederzeit von einheimischen Artisten hingebungsvoll in den perfekt ausgelegten Asphalt gebrannt wird. Der Blick vom Gipfel, der aus weißem Kalkschotter besteht und vielmehr einer Mondlandschaft gleicht, raubt gleich darauf das letzte bisschen Verstand. Auf einmal scheinen die Alpen wieder zum Greifen nahe. Und an guten Tagen sieht man in der anderen Richtung bis zu den Pyrenäen. Das bunte Land direkt unter mir – die fantastischen Gorges de la Nesque zum Beispiel – ist dagegen während der letzten Höhenmeter im Dunst der wärmeren Luftschichten verschwunden. Neun Grad herrschen hier oben, 16 weniger als am Fuß des Ventoux.

Malaucène, Vaison-la-Romaine, Nyons. Drei Orte mit urgemütlichen Straßencafés, Platanen gesäumten Plätzen und Männern, die scheinbar nichts anderes zu tun haben, als Boule zu spielen. Der Unterhaltungswert beim Beobachten einer solchen Partie, wenn zwei oder mehr Mannschaften versuchen, ihre jeweils 900 Gramm schweren Eisenkugeln möglichst nahe an eine kleinere aus Buchsbaumholz zu rollen oder zu werfen, ist jedes Mal enorm. Es wird laut geredet und gerufen, jeder Wurf wird diskutiert und analysiert. Rauchen, trinken, lachen, lästern. Alles ist erlaubt, alles gehört zum Spiel. Genau so stellt man sich den Süden Frankreichs vor.

Flaches Weinland auf dem Weg zur Rhône. Erst ein paar Kilometer hinter Pont-St.-Esprit wirft sich die Straße endlich wieder so richtig ins Zeug. Eine alte Bekannte, die ich mir für ein furioses Finale aufgehoben habe: die Schlucht der Ardèche. Einige hundert Meter unterhalb der Straße vergnügen sich die vermutlich letzten Kanuten dieser Saison, deren Boote aus meiner Perspektive wie bunte Spielzeuge erscheinen. Die Hand voll Motorradfahrer, die mir auf dem rund 30 Kilometer langen Panorama-Boulevard entgegenfeilen, drehen vermutlich ebenfalls ihre letzte Runde für dieses Jahr. Auf dieser Strecke erliegt man rasch dem Kurvenrausch. Manchmal tut es gut, auf bekannte Größen zu setzen.

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